Nun kam das Jahr des Konfirmandenunterrichtes. Die Eltern hatten ihren Töchtern unter den drei Predigern der Gemeinde freie Wahl gelassen. Rose war des öfteren allein in die Kirche gegangen, die Predigten des ersten Pfarrers, eines ebenso würdigen wie milden Mannes mit vollem schneeweissem Haar und bartlosem, gütigem Gesicht, hatten auf ihr ernstes Gemüt tiefen Eindruck geübt, und da Paulinens Freundinnen gleichfalls den Konfirmandenunterricht dieses Geistlichen besuchten, war auch diese einverstanden.
So begab sich Frau Zollbrügge eines Tages zu Oberpfarrer Wacht, ihre Töchter ihm zum Unterrichte anzumelden.
„Ich möchte nun einiges über die beiden Kinder aus dem Munde der Mutter hören,“ sagte der alte Herr, nachdem die Formalitäten erledigt waren.
Auf einen Wink der Mutter verliessen Pauline und Rose das Amtszimmer.
„Die ältere ist ein sonniges Normalkind,“ begann Frau Zollbrügge, „ohne hervorstechende Eigenschaften, auch nicht von besonderer geistiger Begabung. Aber sie ist gutmütig, freundlich, zu jedermann, gefügig zu Hause und stets dienstbereit, vor allem ist sie dankbar und bescheiden.“
„Das sind liebenswerte Züge . . . hm . . ., so werde ich meine Freude an ihr haben. Und die Jüngere?“
„Sie hat auch ihre guten Eigenschaften,“ erwiderte Frau Zollbrügge, „sie ist ernst veranlagt und gewissenhaft, sie denkt trotz ihrer Jugend viel nach und ist Pauline an Fähigkeit zweifellos überlegen . . .“
„Aber? . . .“
Ein Schatten, der langsam wuchs, breitete sich über Frau Zollbrügges Antlitz.
„Ich weiss nicht recht, wie ich mich ausdrücken soll, Herr Oberpfarrer, ich möchte gerade Ihnen ein richtiges, in Licht und Dunkel getreues Bild der Kinder geben . . .“
Und Frau Zollbrügge erzählte genau, fast weitschweifig, den Vorgang aus der Schule, und welch ein schlechtes Zeugnis Rose ihr gebracht; auch von einigen häuslichen Geschehnissen berichtete sie, wie schwer Rose ihre Schuld einsähe, und . . .
„Ich glaube Sie zu verstehen,“ unterbrach der seelenkundige Geistliche, „Ihrer jüngeren Tochter fehlt es bei allen guten Eigenschaften an zweierlei: an der rechten Demut und Dankbarkeit.“ Und als Frau Zollbrügge traurig, aber zustimmend nickte:
„Das freilich sind zwei Tugenden, die für ein junges Mädchen, für eine Christin unentbehrlich sind. Aber seien Sie getrost, gnädige Frau, die Rose hat ein so treues, sinnendes Gesicht, es steht mancherlei darin geschrieben, was mir gefällt; wir haben alle unsere Fehler, ich will mich dieses Kindes mit besonderer Liebe annehmen, ich will an ihrer Seele arbeiten, Gott wird helfen. Der Konfirmandenunterricht hat an manchem jugendlichen Gemüt Wunder gewirkt.“
*
Der alte Pastor machte sein Versprechen wahr. Unter seinen vielen Konfirmanden beschäftigte er sich mit niemand so wie mit Rose Zollbrügge, nicht nur in den Stunden, auch in seinen Gedanken und Gebeten.
Aber je mehr der Unterricht seinem Ende entgegenging, um so deutlicher wurde es ihm, dass er mit all seiner Mühe und Arbeit nichts erreicht hatte. Rose war genau dieselbe geblieben, die sie am Anfang gewesen. Gerade so sinnend und teilnehmend sass sie auf ihrem Platze, mit denselben ernsten Augen folgte sie jedem seiner Worte, sie antwortete nicht viel, doch wenn sie es tat, so war es richtig und wohldurchdacht. Aber das, was er mit allem Eifer erstrebt hatte, ein Sicherschliessen der Persönlichkeit, eine wärmere Hingabe an die Sache, irgendein deutlicheres Zeichen von Wirkungen, die dieser Unterricht übte, alles das blieb aus.
Und nun geschah etwas, das Pfarrer Wacht vollends an seiner Schülerin irre machte.
Es war in einer der letzten Stunden. Mit allem Nachdruck hatte er auf die bevorstehende Einsegnung hingewiesen und hatte den Kindern klar gelegt, wie die Gnade Gottes; die ihnen hier zuteil werden sollte, vor allem ein empfängliches Herz suche, ein Herz, das seine Sünden erkenne und sie mit ganzer Inbrunst bereue. Seiner persönlich eindringenden Art entsprechend, fragte er diese oder jene unter seinen Konfirmandinnen, ob sie im Hinblick auf den grossen Festtag solchen aufrichtigen Schmerz über ihre Sünden empfände.
Zwei seiner besten Schülerinnen, unter ihnen Pauline, hatten eben mit tief zu Boden gesenktem Blick ihr leises „Ja“ geantwortet, da wandte er sich an Rose.
„Und du, meine liebe Tochter,“ sagte er mit milder Freundlichkeit, „fühlst du ebenso wie deine Schwester?“
Eine Sekunde schwieg Rose.
„Nein,“ erwiderte sie dann leise, fast traurig.
„Nein?“ Pfarrer Wacht war erschreckt.
„Du fühlst dich nicht unwert, vor Gottes Antlitz zu treten, deine Sünden beugen dich nicht darnieder?“
„Nein,“ sprach Rose noch einmal.
„Und das sagst du mir kurz vor deiner Einsegnung, in Gegenwart deiner Mitkonfirmandinnen?“
„Ich darf Sie nicht belügen, Herr Pfarrer, ich muss doch wahr sein.“
Es lag etwas Rührendes, Bewegendes in dieser Antwort, aus jeder Silbe hörte man, wie schwer sie dem Kinde wurde.
Pfarrer Wacht aber vernahm von alledem nichts mehr.
„Sowie die Stunde zu Ende ist, kommst du auf mein Zimmer,“ sagte er mit fast befehlendem Tone, wie ihn die Mädchen niemals an ihm gehört hatten, „ich habe mit dir unter vier Augen zu sprechen.“
Noch einmal versuchte es der würdige Geistliche mit seiner Milde, er sprach mit bewegender Güte zu dem jungen Mädchen. „Das verstehe ich alles sehr wohl,“ entgegnete Rose ruhig auf seine Worte, „aber . . .“
„Nun? Rede frei und unumwunden, mein Kind, dazu sind wir ja hier.“
„. . . von dem grossen Schmerz, den Pauline und die anderen über ihre Sünde empfinden, . . . merke ich nichts.“
„Nichts?“
„Ich müsste es erzwingen oder mir einreden, aber unwillkürlich . . . nein.“
Da war es um die Geduld des alten Mannes geschehen, er hielt es jetzt für angebracht, in strengerem Tone mit ihr zu sprechen und ahnte nicht, dass er damit alles verdarb.
„Dass gerade du das sagst, meine Tochter, du, deren offenkundige Fehler nicht deinen Lehrern und Eltern, nein, auch mir das Leben so schwer machen. Aber freilich, hier treten wieder die beiden Grundfehler deines Charakters hervor. Sieh, Rose, du kennst nicht die Demut und die Dankbarkeit, das ist dein Unglück, deshalb kommst du innerlich so wenig vorwärts.“
Das junge Mädchen, das bis dahin den Blick niedergeschlagen hatte, erhob ihn jetzt und sah seinen Pfarrer mit den ernsten, grossen Augen eine Sekunde an. „Demut und Dankbarkeit,“ sagte es dann leise, als spräche es zu sich selber, „kenne ich sehr wohl.“
„Natürlich, du gibst deine Schwächen nicht zu, das wirst du niemals tun, ich habe es längst gemerkt. Rose, wie willst du dich nur einsegnen lassen, wie zum Tisch des Herrn gehen, wenn du nicht ein bussfertiges Herz mitbringst?!“
Ein fast ängstlicher Zug trat jetzt auf das bis dahin so ruhige Antlitz des jungen Mädchens.
„Ja, Herr Pfarrer,“ erwiderte es zaghaft, „das ist es, das habe ich mir selber gesagt, ich glaube, es ist besser, wenn ich mich nicht konfirmieren lasse.“
„Wenn . . . du dich nicht konfirmieren lässt? Das hast du im Ernste erwogen? Diesen Schmerz wolltest du deinen Eltern, wolltest du mir zu allem anderen hinzufügen? Willst du denn alle von dir stossen, die dich lieben?“
Der alte Herr war auf das höchste erregt, sein Antlitz brannte, seine Stimme hatte einen heiseren Ton. Erst langsam zwang er sich zu der gewohnten Ruhe.
„Fehlt es dir am Glauben, mein Kind?“ fragte er fast mitleidig, „bist du innerlich nicht von dem überzeugt, was du bekennen sollst?“
„Das nicht, Herr Pfarrer.“ Rose sprach eingeschüchtert, traurig, ihr Antlitz war noch bleicher als sonst, „aber das Gelübde ist so schwer, das ich am Altar ablegen soll, ich weiss nicht, ob ich es halten werde. Wer überhaupt kann es halten? Und ich wäre unwahr und wortbrüchig für mein ganzes Leben!“
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