Der Geistliche stutzte, er sah auf die stillen, ernsten Züge seiner Schülerin, und es fiel ihm auf, wie reif und abgeklärt sie in diesem Augenblick aussahen. Er rüstete sich zu einer Entgegnung, da wurde ihm ein wichtiger, amtlicher Besuch gemeldet, und Rose war mit einigen freundlichen, aufmunternden Worten entlassen.
An demselben Nachmittag besuchte Oberpfarrer Wacht Frau Zollbrügge. Sie hatten eine lange, ernste Unterredung miteinander, der Geistliche erzählte alles, was sich in der Konfirmandenstunde ereignet und was er dann später in seiner Amtsstube mit dem jungen Mädchen besprochen hatte. Als er zuletzt gar andeutete, dass Rose gegen ihre Einsegnung Bedenken geäussert, war es um Frau Zollbrügges Beherrschung geschehen.
„Nicht einmal konfirmiert will sie werden?!“ sagte sie laut aufschluchzend. „In der Schule tadelt man ihr Verhalten, zu Hause ist sie unzugänglich für jedermann, und nun dies noch, nun auch dieser Unterricht vergeblich, auf den ich so grosse Stücke gesetzt, mein Gott, wie werde ich in diesem Kinde gestraft!“
Pfarrer Wacht suchte die betrübte Mutter zu trösten, zuletzt rief man Rose ins Zimmer. Beide redeten nun auf sie ein, Frau Zollbrügge heftig, strenge, vorwurfsvoll, der Pfarrer gütig und beschwichtigend.
Rose antwortete sehr wenig, als sie aber die Erregung ihrer Mutter sah, liess sie ihre Bedenken vom Vormittag fallen und meinte, was sie über ihre Einsegnung gesagt, sei nur einer vorübergehenden, verzagten Stimmung entsprungen.
*
Der Konfirmationstag kam heran. Es war ein liebliches Bild, als die grosse Kinderschar, von ihrem würdigen Seelsorger geführt, an den sonnenumfluteten Hochaltar der alten Pfarrkirche schritt, die Mädchen in ihren weissen Kleidern wie eine lichte, langsam sich bewegende Wolke. Die meisten von ihnen waren tief bewegt, Pauline hatte rotgeweinte Augen, bevor die Feier begann. Frau Zollbrügge, die an der Seite ihres Gatten in einem der ersten Chorstühle dicht am Altare sass, blickte voll mütterlicher Rührung auf dieses Töchterlein, das ihr und dem Vater bis zu dieser Stunde nur Freude bereitet hatte. Dann glitt ihr Auge hinter der goldenen Lorgnette furchtsam fast auf ihr anderes Kind.
Roses Züge waren unverändert, vielleicht einen Hauch ernster als sonst. Wie hatte sie sich früher einmal auf diesen Tag gefreut! Und jetzt? Jetzt war ihr, als sässe sie nicht hier, sondern ein anderes, ein fremdes Wesen, ein Schatten höchstens ihres Selbst.
Wie durch einen dichten Schleier sah sie alles: den mit Blumen geschmückten Altar, den alten Pfarrer, der sich von dem blühenden Hintergrunde ein wenig wunderlich abhob, des Vaters gleichgültig freundliches Gesicht, die funkelnde Lorgnettenkette der Mutter und die prüfenden Augen hinter den grossen Gläsern.
Die Orgel, die bis dahin bald leise gespielt wie weiches, flüsterndes Windesrauschen, bald laut wie Sturmesruf oder ein herannahendes Gericht, verstummte, der Pfarrer räusperte sich und begann seine Rede . . . Rose hörte alles wie im Traume. Ab und zu war ihr, als suchte das Auge des Geistlichen, das trotz seines Alters noch klar und frisch war, unter der grossen Schar gerade ihr Antlitz, als erhöhe er dann die heute ein wenig belegte Stimme zu besonderer Kraft, als wollte er noch in zwölfter Stunde sie locken und gewinnen.
Aber sie fühlte zugleich, dass keines seiner Worte irgendeinen Widerhall in ihrer Seele fand, so ernste Mühe sie sich auch gab, aufzupassen und andächtig zu sein.
Nur als er von der grossen, nie ermüdenden Liebe sprach, die da will, dass niemand verloren gehe, sondern alle selig werden, wachte ein Etwas in ihrem Herzen auf wie ein ganz leiser Frühlingstrieb im Winter. Aber es blieb eine dumpfe Ahnung nur, die weder erwärmte noch beglückte.
Nun stand sie mit den anderen auf, um ihr Glaubensbekenntnis herzusagen, um vor ihrem Pfarrer, ihren Eltern und der grossen Gemeinde feierlich zu geloben, dass sie nach diesem Bekenntnis wandeln und leben wollte, treu bis an den Tod. Dann setzte die Orgel wieder ein, jetzt klagend, manchmal wie Aeolsharfenklang. Die Konfirmandinnen traten an den Altar und knieten nieder, und wenn der alte Pfarrer mit dem Segensspruch die Hände auf ihr Haupt legte, dann weinten und zitterten sie. Nur Rose weinte und zitterte nicht. Von der kleinen Orgel aus sang noch eine etwas flackernde, sonst aber wohlgeschulte Sopranstimme ein bewegendes Gebetslied, dann sprach der Pfarrer die Schlussworte, und die Feier war beendet. Die Eltern traten auf ihre eingesegneten Töchter zu und schlossen sie in die Arme. Pauline konnte kaum sprechen, sie stammelte nur der Mutter entgegen, wie schlecht sie bis jetzt gewesen, wie unwürdig sie sich dieser Stunde fühle, wie ganz anders sie von nun an werden würde.
Stumm und tränenlos empfing Rose der Mutter kühlen Kuss, des Vaters konventionellen Händedruck.
Friedrich hatte seine Studienzeit mit einem Eifer erledigt, der ihm auf der Schule fremd gewesen. Jetzt war er nach bestandenem Examen als Referendar in seiner Vaterstadt angestellt. Sein Schulfreund, der treue Helfer in allen seinen mathematischen Aengsten, war Offizier geworden und kam aus der benachbarten Garnison des öfteren zum Besuch zu den Zollbrügges, weniger Friedrichs, als seiner Schwester willen, der hold erblühenden Pauline, deren Kirschenmund noch rosiger und appetitlicher geworden, während das hübsche Antlitz mit den verführerischen Grübchen in den Wangen gegen die Backfischzeit wesentlich gewonnen hatte, sei es durch den weicheren Teint und die grössere Regelmässigkeit der Züge, sei es durch den jungfräulichen Schimmer, der sich still und keusch wie Frühlingsmorgensonnenschein über sie legte.
Eines Tages herrschte grosse Lebhaftigkeit im Hause. Frau Zollbrügge hatte das bewegteste ihrer Muttergesichter aufgesetzt und wandelte im schwarzseidenen Kleide mit feierlichem Festesrauschen von Zimmer zu Zimmer, bald allerlei wirtschaftliche Anordnungen treffend, bald Paulinen freundlich und doch sehr ernst zunickend. Diese trug ihr Einsegnungskleid und im Gürtel einen Strauss dunkelroter Nelken, und wohin sie den Fuss auch setzte, immer sah man mit ihr jenes eigenartige Glück dahinschreiten, das nur an der Seite aufblühender Mädchen geht.
Herr Zollbrügge aber, der im dunkelbraunen Ueberrock mit gelbseidener Weste eben aus dem Schlafzimmer trat, hatte heute das Gesicht eines Menschen, der an sich keinen besonderen Grund zu einer Freude verspürt (er hatte sehr viele Schulden bezahlen müssen), aus Rücksichten auf das Glück seiner Familie jedoch sich zu einer solchen verpflichtet fühlte.
Nur an Rose war keine Veränderung zu spüren, ihr Antlitz war so gleichgültig, als wäre dies ein Tag wie jeder andere und nicht Paulinens Verlobungstag.
Aber wer sie genauer beobachtete, der sah dann und wann in den ernsten grauen Augen einen Strahl aufsteigen, der wie ein Lichtdürsten aussah.
*
Nun sollte auch Rose verlobt werden. Das war freilich schwieriger als bei Paulinen. Rose ging ungern aus und besuchte Gesellschaften und Bälle nur, wenn die Eltern es wünschten. Sie hatte es zu oft empfunden, wie sehr sie gegen Pauline abstach, wie man nur aus Höflichkeit ober weil man sich ihrem Vater gefällig zeigen wollte, mit ihr tanzte. Und nahte sich dann und wann ein Herr, den ihr kluges Gesicht anzog, so hatte sie etwas so Kaltes und Sprödes, dass der Versuch nicht wiederholt wurde.
Da machte ein Geschäftsfreund des Vaters im Hause seine Aufwartung, ein Herr Dorenblut. Es war kein junger Mann mehr, sein Haupthaar zeigte bereits Lichtungen und war an den Schläfen ergraut; aber sein ganzes Wesen, jedes Wort, das er sprach, trug das Gepräge einer unverderbten Kindlichkeit, die sofort für ihn einnahm. Zudem war er viel in der Welt herumgekommen und hatte sich die Beobachtungen und Erfahrungen, die er gesammelt, zu Nutzen gemacht, so dass er anziehend zu erzählen wusste.
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