Fürs Erste genügt es, wenn Sie Folgendes verstehen: Die beiden müssen die Vergangenheit hinter sich lassen.
Und so ist mein Großvater in meiner Erinnerung anwesend wie ein Kloß in meinem Hals, sitzt im Wohnzimmersessel am Fuß der Treppe. Er ist an Weihnachten da, er ist an Ostern da, er ist da, wenn es einfach nur Sonntag ist, und meine Großmutter sitzt neben ihm und bittet mich, mit ihr Dame zu spielen, und ich sage ihr nicht, dass ich dafür zu alt bin. Er ist da, als ich dreizehn bin und zum ersten Mal ein Erwachsenenkleid trage, aus schwarzem Samt und mit einem tiefen V-Ausschnitt. Er ist da, als ich mich auf die Zehenspitzen stelle und mich drehe, um den weiten Rock zum Schwingen zu bringen. Es ist sein heißer Atem, der nahe an meinem Hals flüstert, wie erwachsen ich aussehe, wie gut mein Körper das Kleid ausfüllt. Er ist da, als ich fünfzehn bin und beginne, wütend zu werden.
Als wir Lorilei zuletzt gesehen haben, saß sie schluchzend auf der Polizeistation, das Gesicht in den Händen verborgen. Sie ist schwanger mit ihrem zweiten Kind, dem Jungen, der im Schatten seines Bruders aufwachsen wird.
In den Monaten, die Rickys Verhaftung folgen, wird sie sich ständig auf einem schmalen Grat zwischen Wut und Trauer bewegen. Jener Drink auf der Veranda in der ersten Nacht, in der die Helfer auf der Suche nach Jeremy ausschwärmten, wird zu Monaten schweren Trinkens und des Drogenkonsums führen. Sie wird in ihre alten Gewohnheiten zurückfallen, und die Vergangenheit wird die Gegenwart überfluten. Während dieser ganzen Zeit wird in ihr ein neues Leben heranwachsen, aber sie wird nicht imstande sein, es zu hegen. Es wird nur wachsen.
Es gibt einen Zeitungsartikel, der ein Jahr später erschien und zu Lorileis Adresse passt. Wenn ich ihn lese, sehe ich eine Frau vor mir (sie weigert sich, ihren Namen preiszugeben, aber ihr Haar muss noch immer von diesem leichten Braun sein, das in der Kindheit einmal blond war), die aus der Tür eines Hauses tritt und auf die Polizisten zugeht, die eben aus dem Streifenwagen steigen. Sie hält ein Baby im Arm.
»Sie müssen nicht reinkommen«, sagt sie.
»Ma’am, wir sind hier, weil ein Anruf von den Nachbarn bei uns eingegangen ist«, sagt der Beamte. »Es geht um einen Fall häuslicher Gewalt.«
»Sie müssen nicht reinkommen«, wiederholt sie. Sie blinzelt in die Sonne. Um ihr linkes Auge ist eine beginnende Schwellung zu sehen. Das Kind in ihrem Arm wird unruhig, und sie drückt es enger an ihre Brust. Sie hat den Jungen Cole genannt. Er wird den Nachnamen seines Vaters tragen. »Hören Sie«, sagt sie. »Wenn er weg ist« – sie nickt zum Haus hinüber – »weiß ich nicht mehr, wie ich meine Rechnungen bezahlen soll.«
Sie sieht dem Beamten fest in die Augen. »Guten Tag«, sagt sie entschieden. Dann kehrt sie mit dem Kind in ihren Armen zum Haus zurück.
Ein weiteres Jahr später, als das Urteil gegen Ricky wegen des Mordes an ihrem Sohn endlich verkündet wird, ist sie nicht im Gerichtssaal. Sie sitzt in einem Hotelzimmer auf der anderen Straßenseite und wartet. Ihr Bruder Richard ist im Gerichtssaal, als die Geschworenen ihre Entscheidung verkünden. Ricky wird für seine Tat sterben.
Richard überquert die Straße und geht hinüber zu Lorilei. Es ist vorbei, sagt er ihr. Es ist vollbracht.
Als ich anfing, diese Geschichte zu schreiben, dachte ich, es sei wegen des Mannes in der Videoaufzeichnung. Ich dachte, es sei wegen Ricky. In ihm sah ich meinen Großvater. Ich wollte verstehen.
Aber jetzt denke ich, dass ich um Lorileis willen schreibe. Ihre Geschichte endete nicht an dem Tag, an dem Richard sie im Hotelzimmer umarmte, während auf der anderen Straßenseite Ricky in Handschellen abgeführt wurde. Zehn Jahre nach dem ersten Prozess wurde die Todesstrafe gegen Ricky aufgehoben. Er wurde aus der Todeszelle ins Gefängnis des Calcasieu Parish zurückverlegt, um dort auf einen neuen Prozess zu warten.
Diese Verhandlung fand im Jahr 2003 statt. Das war der Prozess, der gerade zu Ende gegangen war, als ich nach Louisiana kam. Und weil er gerade erst zu Ende gegangen war, zeigte die Anwältin mir die Videoaufzeichnung.
Ich bin im Besitz des Transkripts. Am zweiten Prozesstag ruft die Anklage Lorilei in den Zeugenstand. Sie erzählt den Geschworenen, wie sie Jeremy sein Luftgewehr reichte. »Das war das letzte Mal, dass ich ihn sah«, sagt sie, dann verbessert sie sich: »Ich meine – es war das letzte Mal, dass ich ihn lebend sah.« Sie berichtet, wie sie zum Haus der Lawsons ging, um ihn zu suchen. Von ihrer Begegnung mit Ricky. Von dem Telefonanruf.
Der Staatsanwalt dankt ihr. Der Richter entlässt sie. Sie kehrt an ihren Platz zurück, und der Prozess geht weiter.
Aber am vierten Tag fordert die Verteidigung sie auf, in den Zeugenstand zu treten.
Die Geschworenen müssen in diesem Moment sehr verwirrt sein. Sie ist die Mutter des toten Jungen. Sie hat bereits ausgesagt. Tagelang haben sie Bilder von Jeremys Leiche angeschaut. An einer Stelle hat einer der Geschworenen bei der Betrachtung der Bilder einen Weinkrampf bekommen, und der Richter musste die Verhandlung unterbrechen. Warum ruft die Verteidigung sie auf?
Aber sie erhebt sich und geht zum Zeugenstand. Sie weiß mittlerweile alles über Rickys Leben. Jahrelang hat sie sich damit beschäftigt. Sie setzt sich auf die hölzerne Bank, glättet das Kleid über ihrem Schoß und wendet sich der Jury zu.
»Möchten Sie den Geschworenen irgendetwas sagen?«, fragt der Verteidiger. Er ist ein hochgewachsener, schlanker Brite. Er verteidigt Ricky seit vielen Jahren.
»Ja«, antwortet sie mit fester Stimme. »Das möchte ich.«
Im Saal muss es jetzt ganz still geworden sein, jeder horcht gebannt, was sie zu sagen hat. Lorilei holt tief Luft. Dies sind die Worte, die sie vorbereitet hat.
»Obwohl ich jeden einzelnen Tag den Todesschrei meines Kindes höre, kann ich auch Rickys Hilfeschrei hören.«
Es ist Ricky, für den sie aussagt. Sie versucht ihn am Leben zu erhalten.
Ich lese die Worte, die sie im Gerichtssaal gesprochen hat, und sehe meinen Vater, wie er die Finger um die Hand meines Großvaters schließt. Er fühlt das Gewicht dieser Hand in der seinen. Er stützt ihn und hievt den alten Mann ins Auto, sodass er ihn über die Brücke fahren kann. Damit er ihn heim zu uns bringen kann.
Ich will – ich muss – verstehen.
Zweiter Teil: Die Konsequenzen
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