„Und jetzt hör’ auf, dich zu bedanken!” sagte er, als der Simmerl kein Ende fand mit Händedrücken, und wie er mit den Seinen für sie alle wegen der Guttat fleissig beten wollt’, „und mach’, dass du heimkommst! Was hast du denn noch?”
„Ich hätt’ bald auf einen Auftrag vergessen!” sprach der Simmerl. „Von der Städtischen! — Weisst — die da drüben — die unserm Herrgott ins Handwerk pfuscht und macht sich die Gickel selber in einem Kasterl mit einem Ofen. Sie spricht, sie kennt dich vom Sehen und du sie auch . . .”
„Ja!” sagte der Torfstecher Johannsen schnell und lebhaft. „Was ist denn mit ihr?”
„Warum regst dich denn so auf?”
„Ach — nichts!”
„Ich hab’ gedacht, die Hühnerfarmerin, die neumodische — sie ist selber so eine abscheuliche Henne. Aber bald du mit ihr red’st, ist sie ganz kommod. Und sie lässt dir sagen, sie tät’ auch recht schön für mich bitten!”
Klaus Johannsen lachte. Er hatte plötzlich ein ganz verändertes belebtes Gesicht.
„Also — wenn du die Dame wiedersiehst”, sagte er, „dann bestell’ ihr von mir, ich tät’ es schon von mir aus. Aber ich freute mich, dass sie auch ein Herz für fremde Not hat! Leb wohl, Simmerl!”
Das ist ein froher Heimweg, Simmerl! Durch die stockfinstere Nacht, in der am Himmel tausend Sterne tröstend funkeln, als spräche unser Herrgott: „Simmerl — ich bin doch da!” Leicht wird der breiige Moorweg dem Simmerl, als wär’ er zwanzig Jahre jünger. Mit einem dankbaren Lächeln um die eingefallenen Lippen tritt er daheim in die Stube und stösst nur hervor:
„Helfen tun’s! Z’sammenhalten tun’s alle!”
Die Angehörigen Simmerls sind sämtlich wach — sein Weib und sein Sohn, der Beni, und die Afra, die Braut. Der Simmerl setzt sich hin und berichtet. Dabei wird ihm die Stimme unsicher, und er stockt. Die Seinen sind doch nicht so froh, wie er denkt.
Die beiden Frauensleut’ — sie haben Angst vor Gewalttätigkeiten morgen in Pfaffing! Wann da nur kein Blut fliesst!
„Mei: Im Wirtshaus ist das am Sonntag manchmal der Fall! Dafür haben wir den Doktor und den Bader auf der Welt. Aber so sind’s — die Weibsleut’! Da darf man nix drauf geben!”
Der Beni wieder — der braucht Zeit, nach seiner Art. Der hat es sich jetzt überlegt und fragt:
„Ja — und die Schandarmerie?”
„Was vermag der Wiesböck und der andere Wachtmeister zu zweit gegen soviel Leut’?”
„Ihr letzt hier draussen in der Öd!” spricht der Beni. „Ihr seid da nicht kundig. Ich bin jetzt seit Jahren in der Stadt. Da weiss man mehr von so etwas! Dort sind die Behörden.
Übereinander sitzen’s da — die Ämter! Meinst, die Behörden lassen mit sich spassen?”
„Ja — und was sollen’s denn tun — die Ämter?”
„Hast noch nie etwas vom Telefon gehört? Und von Lastkraftwagen? Mit denen schicken’s in einer halben Stund’ Schandarmen, soviel sie nur gerad’ mögen, nach Pfaffing! Nachher ist’s g’fehlt!”
Jetzt herrscht tiefe Stille in der Stube. Die Filze draussen schweigen. Und die Menschen, die hier leben, haben’s von ihnen gelernt. Jedes denkt sich sein Teil. Dann steht die Simmerl-Mutter auf.
„Ich geh’ schlafen!” spricht sie erschöpft. Mit ihr steigt die Afra die Hühnertreppe zum Oberstock des Häusels empor. Der Beni ist in den Stall gegangen. Von da holt er sich ein paar Bund Heu, macht sich in der Milchkammer ein Lager und wirft sich drauf, ein paar Minuten später könntest du lange rütteln, bis du ihn aufweckst.
„Vater — wo bleibst denn? Kimm!” ruft von oben die zittrige Stimme des alten Weibleins. Aber der Simmerl schüttelt den weissen Kopf.
„Ich kann net schlafen! Ich bleib’ hier unten!”
Auf der Ofenbank sitzt der Simmerl. Die Kacheln dahinter sind noch lau. Kannst du zur Not noch den alten Buckel wärmen und vor dich hingucken, in den gelben Lichtschein der Petroleumlampe auf dem Bauerntisch und spintisieren.
Recht hat er, der Beni: sie werden sich schon nichts bieten lassen, die Herrn in Pfaffing! Werden telefonieren, und da hupt’s schon, die Lastwagen kommen angerollt, und auf ihnen hocken die Gendarmen gleich reihenweise, wie die Krähen auf den Telegraphendrähten.
Der alte Simmerl fängt an zu schnaufen vor Angst. Er denkt weiter: die Gendarmen springen vom Wagen herunter, drängen die Leute zurück und bilden zwei Ketten vor dem Notar. Mitten zwischen ihnen durch stolziert, so recht dick und aufgeblasen, der Münchner ins Haus hinein, keiner darf ihm etwas tun. Die Gendarmen schützen ihn . . .
Was sollen sie da machen? — Wenn sie überhaupt kommen — die Stoisshamer?
Der Filzensimmerl wischt sich den Angstschweiss von der Stirn. Er kann sich nicht wehren. Das ist bei ihm jetzt schon ein Zwangsbild: da sitzt der Notar und liest etwas vor. Drinnen steht der Münchner, nimmt die Feder und unterschreibt etwas. Nachher gehört das Simmerl-Gütl halt ihm. Und draussen passen die Gendarmen fei’ auf, dass keiner den Teifi stört!
Was sollen sie da machen — wann die überhaupt kommen — die Filzer?
Na — mein Lieber — so geht’s nicht!
Der Filzensimmerl stand mühsam auf und schaute durch die Scheiben. Die Neumondnacht war nicht mehr so schwarz als bisher. Es lag schon etwas wie das erste ahnende Morgengrauen in der bittern, zähen Nebelluft.
In ein paar Stunden darfst betteln gehn, mein Lieber, wann du den Teifi nicht aus der Welt schaffst . . .
Der Simmerl-Beni, der Sohn, hatte einen gesegneten Schlaf. Aber im Oberstock weckte die dunkeläugige Afra die alte Theres.
„Mutter — mir ist gerad’, als wär’ eben die Haustür gegangen . . .”
Die beiden Frauen machten sich ein bisschen zurecht und stiegen die Treppe hinunter. Im leeren Wohnzimmer verqualmte die Petroleumlampe.
„Jesses — wo ist denn der Vater hin?”
Nirgends in dem kleinen Haus. In dem kleinen Stall. In der Holzlege. Im Waschhaus. Da war kein Ort, wo sich der Filzensimmerl unbemerkt hätte aufhalten können.
„Er wird sich doch kein Leid angetan haben?” Die alte Simmerl-Theres rang die Hände. Der Beni war jetzt auch auf die Beine gekommen. Er überlegte. Dann zeigte er auf einen leeren Nagel an der Wand.
„Da hat’s Gewehr gehangen!” sagte er. „Das hat der Vater mit sich hinausgenommen. In die Nacht!”
„Um Gotteswillen — spring’ ihm nach!”
„Wie soll ich den Vater da draussen finden, wo du kaum schon die Hand von den Augen siehst? Jetzt kannst nix tun als beten, Mutter!”
Aus der Nacht um das Simmerl-Häuserl wird langsam ein neuer Tag. Die endlose bayrische Hochlandfläche erhellt sich, und es ist, als lohte in ihrem Osten ein ungeheurer Moorbrand über der öden Welt. Ein blutiges Rot ist dort der ganze Horizont. Aber über ihm qualmen keine schwarzen Rauchwolken wie sonst, wenn die Torfgründe unlöschbar, Wochen und Monate lang, bis in ihre Tiefen glimmen, sondern der Himmel darüber ist zart lichtgrün, mit langen, rosigen Querstreifen durch aschgraue Wölkchen. Als ein purpurnes Riesenauge hebt sich der Sonnenball über ein weisswogendes Nebelmeer. Alle die Sumpfwiesen da unten dünsten, die Moorlachen, die Torfgräben, die Birkenmoraste. Die Erde ist vor fliessenden Schwaden noch nicht zu sehen.
Jetzt, wenn der Himmel blaut, regt’s sich im Röhricht. Die wilden Enten schwatzen leise. Überall, wo die scharfen Schilfstauden ragen, die schwarzen Binsenköpfe im Nebel nicken, werden sie rührig, die sonderbaren fremden Gäste, die das bayrische Moos nur ein paar Wochen in Herbst und Frühjahr auf der Durchreise beherbergt: der rostrote Haubentaucher steht aufrecht wie ein Pinguin, mit der weissen Ratsherrnkrause um den spitzen Schnabelkopf und seinem doppelten schwarzen Federbusch, die langschnäbelige Wasserralle, braun wie ein Rebhuhn, rüstet sich flügelschlagend zur Italienfahrt, der aschgraue Strandläufer rennt geschäftig das Schlammufer entlang.
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