„Du — Mirzl — oder wie du heisst — sind wir hier recht beim Simmerl?” Zu seinem Begleiter, einem schon älteren Herrn, mit einem feinen, nervösen Gesicht, in Lodenmantel, Lodenhütl und Galoschen: „Das kann doch nicht stimmen, Baron!”
Nein. Da war kein weissgetünchtes, langgestrecktes Bauernanwesen mit Dunghaufen und Tennenauffahrt. Es stand hier ein schmuckes, braungestrichenes, untermauertes, norwegisches Holzhaus und seitwärts ein kleiner Nebenbau, der den Eingang zu einem, hoch mit Drahtgitter umzäunten Geflügelhof bewachte. Da drinnen wimmelte und gackerte es vor den niederen Holzställen von ein paar hundert rebhuhnfarbenen Hühnern. Die Magd, die der junge Herr gefragt hatte, war mit dem Ausreiben von Futternäpfen beschäftigt. Es fiel ihm auf, dass sie dabei alte Lederhandschuhe trug — so eine Mollen, um die Hände zu schonen! — ferner Holzpantinen gegen den Schlamm des Federviehhofs und eine mächtige, blaue Schürze. Sie hob den blossen, braunen Kopf. Er sah in das frische, hübsche, gebildete Gesicht einer Städterin — das war schon etwas Besseres — ein Gesicht zu Ende der Zwanzig, gesund gebräunt, mit lebhaften, braunen Augen.
„Da sind Sie von Stoissham umgegangen!” sagte sie. „Das hier ist die Hühnerfarm Erika.”
Der junge Mann hörte das reine, helle Norddeutsch. Er spürte so etwas Damenhaftes, Kühles. Ein breites, verlegenes Lächeln lief über seine, ein wenig gedunsenen, verwähnten, glattrasierten Züge mit den trägen, kleinen, dunklen Augen.
„Da bin ich ausgerutscht!” sagte er gemütlich in lässigem Münchnerisch. „Ich muss meine Entschuldigung machen, Fräulein Farmerin, oder wie darf ich sagen? Ihnen gehört sie doch sicher, die schöne Farm Erika?”
„Ja.”
„Und heisst die, wenn ich dumm fragen darf, nach Ihnen Erika?”
„Sie sehen doch rings das Heidekraut! Zum Simmerl müssen Sie jetzt da links quer über das Feld!”
Der dicke, junge Herr aus München liess den Blick sinnend über den Geflügelhof schweifen. Er trug einen mächtigen Siegelring, einen flimmernden Diamanten als Busennadel und einen dicken Goldgriff an dem Bambus-Spazierstock.
„Das hier bewirtschaften’s alles allein, Fräulein?” fragte er in seiner weichlich-trägen Art. „Ohne ein Mannsbild? Ach geh!”
„Das trägt’s nicht! Wollen Sie Eier kaufen? Oder fette Suppenhennen? Sonst bitte . . .’
„Mutti . . . Mutti!” Ein achtjähriges Mädelchen im Dirndlkleidchen, mit zwei Rattenschwänzchen von Zöpfen und blossen Beinchen in Haferlschuhen, sprang aus dem Blockhaus. Ein Bub, ein Jahr älter, in grauer Hirschhornjoppe, kurzen Lederbuxen und blossen Knien hinterher. „Es geht auf die Nacht. Wir müssen die Eier suchen!”
„Jesses — Kinder haben’s auch noch!” sprach der junge Münchner ergriffen.
„Adieu!”
„Na — wenn Sie nix von mir wissen wollen — no ja — das is halt das harbe Norddeutsche — das kennt man schon! Dank’ schön! Hab’ die Ehre, gnä’ Frau!”
Der Fremde stiefelte durch die Streuwiesen davon, ohne sich um seinen Begleiter zu kümmern. Dieser trat geheimnisvoll auf die junge Frau zu. Sie war aufgestanden und schaute, mittelgross, schlank gewachsen, mit ruhiger Sicherheit auf den unscheinbaren, nervösen Herrn im schlichten Lodenmantel vor ihr, der trotz alledem etwas Verwittert-Vornehmes an sich hatte.
„Ich muss die Gelegenheit wahrnehmen, gnädige Frau! Ich tue das in jedem Falle. Bin nämlich Gütervermittler. Darf ich Ihnen meine Karte überreichen? Baron Erwin von Pfeidt zum Sand. Ich berate jetzt soeben den Herrn Kürbl aus München da. Er will das Simmerl-Anwesen erstehen!”
„Ja, bitte . . .”
„Gnädige Frau . . .” Der Agent faltete beschwörend die Hände unter dem Kinn. „Wenn Sie die Hühnerfarm loswerden wollen, dann denken Sie an mich: Sie können sie auf die Dauer nicht halten!”
„Ich hab’ sie schon über ein Jahr!” Die junge Frau nickte ihm belustigt zu. Es war ein zwinkern in ihren glänzenden, braunen Augen: ,Den Schwindel kennen wir!‘
„Ich bin doch Fachmann in Grundstücken! Wie viele sind schon mit ihrer Hühnerzüchterei mit Schuh’ und Strümpfen pleite gegangen!”
„Weil sie falsch gespart haben!” Die klaren Züge der jungen Farmerin belebten sich im Eifer des Fachgesprächs. „Wenn man natürlich Fischmehl füttert, wird das Dotter eine weissgelbe Brühe! Und sofern man die grosse Mode mit den weissen Leghorns mitmacht — die sieht natürlich der Habicht auf zwei Meilen!” Ihr Antlitz war sachlich entschlossen. „Ich bleibe bei den rebhuhnfarbenen Italienern und bei dem freien Auslauf. Die ganzen Filzen, bis zu der einzelnen Kiefer drüben, habe ich für ein Spottgeld gepachtet!”
„Trotzdem . . .” rief der Agent verzweifelt.
„Ausserdem, wenn es Sie schon interessiert, beziehe ich eine Pension als Hauptmannswitwe!”
Der Baron Pfeidt rechnete blitzschnell im Kopf.
„Dann schaffen Sie’s vielleicht, gnädige Frau!” sprach er. „Aber allenfalls — bitte schön, gnädige Frau: darf ich mir wenigstens Ihren Namen in mein Büchel schreiben?”
„Wenn Ihnen der Name Gertrud Hellwig etwas sagt. . . Und nun laufen Sie, dass Sie Ihren Herrn nicht verlieren!” Sie drehte sich um. „Kinder — kommt! Ich hab’ so ein paar Hennen im Verdacht!”
Es gab Hühner, die heimlich da draussen statt im Stall legten, ganze Nester voll Eier, die man retten musste, ehe Krähe und Wiesel das Tischleindeckdich lobten. Die junge Frau und die beiden Kinder gingen suchend, den Blick am Boden, durch das kurzgemähte Riedgras. Das Mädelchen fragte:
„Mutti — dürfen wir jeden Monat das Geld holen, weil der Pappi weg ist?”
„Ja — Lütte!”
„Mutti — kommt der Pappi nicht einmal wieder?”
„Nein, Kind: der Pappi kommt nicht wieder!”
Nach einer Weile:
„Mutti — hat mich der Pappi wirklich niemals gesehen?”
„Nein — Lütte! Der Pappi hat dich nicht mehr gekannt.”
„Und ich werde den Pappi auch nie sehen?”
„Wenn du ganz lang, lang gelebt hast, dann wirst du ihn sehen! Da, wo der Pappi jetzt ist!”
„Mutti, muss ich da nach Frankreich?”
„Nein!”
„Du sagst doch immer, der Pappi liegt in Frankreich begraben?”
„Ach — sei still, Lütte! Du tust mir weh!”
Von der anderen Seite zupfte der Hansel:
„Mutti — wer war denn der dicke Herr, mit dem du vorhin gesprochen hast?”
„Ich weiss es nicht, und es interessiert mich auch nicht!” sagte Gertrud Hellwig. „Er hat gutmütig ausgeschaut, wie so ein rechter Münchner. Aber trauen tät’ ich dem doch nicht über den Weg!”
„Jetzt hat ihn der andere eingeholt!” Der Hansel streckte den Zeigefinger aus. „Ganz dahinten gehen sie beisammen!”
Also da wollen Sie sich wirklich eine Fuchsfarm einrichten, Herr Kürbl?” meinte auf dem Weg zum Simmerl der Agent.
„Keine Silberfüchs’!” sagte der junge Mann. „Da darfst gleich achttausend Markln für ein Zuchtpaar hinlegen und weisst noch nicht, ob du je zum Abpelzen von Jungfüchsen kommst. Da spekulier’ ich schon selbst lieber an der Börs’! Nein: Sumpfbiber werden da eingesetzt! So einer ist billig. Aber das haben’s mich jetzt schon ein paarmal gefragt, Baron!”
„Ich meine nur: wo Sie die Zeit hernehmen werden, bei Ihren häufigen Reisen nach dem Balkan . . .”
„Die Firma Kürbl dort gehört meinem Vater und nicht mir! Das hab’ ich Ihnen auch schon zwei-, dreimal gesagt!”
„Aber Sie gehen Ihrem Vater doch zur Hand bei dem Holzexport nach Deutschland?”
„Wenn ich halt gerad’ mag! Es ist kein Vergnügen für einen Münchner, mitten zwischen den Schlawinern!”
„Das glaub’ ich gern!”
„Wann ich kann, druck’ ich mich nach München und leb’ da als Privatmann. Ist schon zünftiger, wann man seine Spezis da hat und mal a Gschpusi!” Der Herr Kürbl blieb stehen und stiess den anderen pfiffig in die Seite. „Wissen’s: wann man da mal was Besseres hat — wissen’s: eine Dame — dann ist solch ein verschwiegenes Häusl draussen in der Öd’ gerad’ recht! Das ist der Hauptgrund, weshalb ich’s kaufen möcht’! Die Pelztiere — das sind bloss die Tugendwächter.”
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