Die grünen, fruchtbaren Gründe ringsum — die hast du, Simmerl, dem stillen, toten Moor abgewonnen, das seit Jahrhunderten und Jahrtausenden, seitdem hier ein Alpensee aus der Steinzeit versumpfte und verfilzte, nur noch die Heimstatt von Unke und Otter war. Du hast die Gräben ausgeschachtet und die uralten, braunverkohlten Stämme im Erdinnern im Schweiss deines Angesichts blossgelegt und ausgegraben. Du hast drei Jahre Kartoffeln gepflanzt, um dem Boden etwas abzugewinnen, und dann mit gleichmässigem Handwurf den Grassamen der ewigen Mutter Erde anvertraut, wo sonst die Frösche quakten, da brüllt jetzt das liebe Vieh.
Dann aber kommen’s aus der Stadt — fuchzehn Prozent — blutsakra — fuchzehn Prozent . . . Auf dem Wege der Zwangsvollstreckung . . .
Dann aber schirmte der Simmerl die weissen Brauenbuschen mit der Hornhand und blinzelte ungläubig auf das grüne Nutzland um sie her. Sonst waren die weiten Wiesenflächen jetzt im Herbst leer wie ein Bettelsack; das Krähenvolt krächzte darüber hin, und um Mittag stiess der Maulwurf seine lockeren Erdhügel, oder es hoppelte da ein später Junghase unbesonnen am hellen Tag. Aber jetzt . . .
„Alles voller Leut’”, murmelte der Alte. „Alles voller Leut’! . . . Überall steigen’s umeinand . . . Bis wo die Filzen anfangen, stehen’s schon, die Deppen!”
„Die betrachten sich das Anwesen, weil’s halt morgen mitsteigern wollen . . .” Es verschlug der Simmerl-Mutter die Sprache. Sie betete nur wieder innerlich zu Unserer lieben Frau vom Troste . . . Und richtig — da stand schon am Weg so ein Städtischer, Bebrillter, schlecht im Futter und blass um seine spitze Nase herum, mit seiner Frau, grüsste höflich und sagte:
„Sie sind gewiss ein Einheimischer und können mir Auskunft geben!”
„Du kannst mir sonst was!” knurrte der Filzensimmerl verbissen. Der Herr verstand ihn nicht und fuhr fort:
„Ich bin nämlich ein Rechnungsrat aus Augsburg, der das Häuschen da drüben, so für die Sommerferien, gern haben möchte. Den Rest des Jahres könnte es ja leerstehen!”
„Gleich wirst zeitig . . .” brummte der Simmerl, grünes Gift in den Augen.
„Könnten Sie mir den Ankauf des Häuschens empfehlen? Wird es billig zu haben sein?”
„Schau, dass d’ weiterkommst, oder ich lass dir die Därm’ aussi!” zischte es jetzt unheimlich drüben aus den zahnlosen Kiefern unter den weissen Schnurrbartborsten.
„Mathilde — was lässt er?” fragte der Rechnungsrat begriffsstutzig seine Gattin.
„Ihnen Ihre Därm’!” belehrte ein dicker, fröhlicher Mann mit einem mächtigen Gamsbart auf dem Hütl, der daneben stand. „Wissen’s: das ist so eine persönliche Ausdrucksweise bei uns, bald einem etwas nicht recht ist. Der Simmerl ist halt ein Gradaus! Ich tät’ an Ihrer Stelle aber doch gehen, ehe er sein Brotmesser hinten vorlangt!”
„Otto — um Gottes willen — komm!” Das Ehepaar flüchtete im Lauf- und Trippelschritt. Erst ganz fern wagten sie stehen zu bleiben und sich umzuschauen. Der dicke Mann mit dem roten Gesicht lachte und klopfte dem Alten auf den krummen Buckel.
„So ist’s recht, Simmerl! Begehr’ auf! Lass dir net alles bieten!”
„Was soll ich dann tun, Kreuzpointner? Was kann ich dann machen gegen die Grosskopfeten alle — ein armes, altes Manderl wie ich?”
„Wir Gütler stellen uns hinter dich!” meinte der Kreuzpointner, und plötzlich veränderte sich sein blühendes, gutmütiges Gesicht: es bekam einen ganz gefährlichen Ausdruck. „Wir leiden’s nicht, dass dir die G’wappelten dein Häusel wegnehmen. Ich sag’ dir’s: es rumort gewaltig in Stoissham, nach Pfaffing hin und weiter im Land . . .”
„Wann’s was helfen tät’!” seufzte der Simmerl.
„Ich bin ein heisser Mann! Dafür kennt mich an jeder! Sie dürfen morgen in Pfaffing was erleben, wann sie’s zur Versteigerung kommen lassen wollen. Ich bring’ die Bauern in Schwung. Dein Beni da — der ist für so was zu langweilig!”
Der Sohn des Simmerl, der Beni, der sich bekümmert heranschob, war freilich ein Langsamer. Ein Bedächtiger. Man sah es seinem treuherzigen, blondschnurrbärtigen Gesicht an: was der Beni anfasst, das macht er recht. Aber Zeit musst ihm lassen. Sonst ist’s gefehlt. Wird auch nimmer anders, der Beni, mit seinen bald dreissig Jahren.
Des Simmerl-Beni stämmige, untersetzte Gestalt stak in einem städtischen Gewand. Gehört sich so, wann einer Hausdiener in dem Pilgergasthof vom Sebastian Marchl in dem heiligen Alt-Ötting ist und nur gerade für den Unglückstag morgen frei bekommen hat.
Er drückte den Eltern stumm die Hand. Wozu noch viel reden? Das Wasser stand ihm in den gutmütigen blauen Augen. In vierzehn Tagen wär’ man ein Hochzeiter, und der Pfarrer tät’s von der Kanzel allen ausdeutschen, dass der ehrengeachtete Jüngling Benediktus Simmerl vor den Traualtar tritt. Und jetzt ist alles zum Teifi — für ihn und für die Afra!
Die Afra Suppenmoser, seine Braut, stand neben ihm, mit einem verweinten, zarten, dunkeläugigen Gesicht, dicke, dunkle Flechten nach guter alter Art um das schmale Köpfchen, recht ein Dirndl aus den Bergen, aus St. Josef in der Öd — den fernen Bergen, aus denen nichts mehr an Juhu und Zitherklang, an Schnadahüpfeln und Schuhplattlergestampf in die riesigen, weithin weiss über das oberbayrische Städtchen qualmenden Stickstoffwerke von Trostberg wehte, in denen sie, die Afra, arbeitete, gerad’ nur, um dem Beni in dem langen Brautstand nah zu sein.
„Schaut’s nur all die Leut’ beisammen!” sprach ihr Verlobter hilflos, und seinen Vater, den Filzensimmerl, packte die Wut. Er lief knickebeinig, mit geballten Fäusten auf die nächste Gruppe zu und keuchte einem vierschrötigen Jungkerl ins Gesicht.
„Was bist? Ein Stallschweizer bist — mit deiner Freundschaft um dich rundumadum? Steigern willst? Ich rat’ dir: lass das unterwegens! Das Gütl taugt eh’ nix! Der Boden hat kein Schmalz! Ich muss dasselbige ja wissen. Mir gehört’s doch!” Der Alte überhastete die Worte, um sein Gütl, sein liebes Gütl, schlecht zu machen. „Da derfst lang düngen! Wann das Grundwasser steigt, laugt’s dir sauber wieder alles aus!”
Jetzt bekam auch der Beni Schneid und rannte auf ein paar Männer los, die hinten beim Häusl neugierig in den kleinen Kuhstall guckten.
„Ihr Viehschmuser, ihr! Wir werden net alt miteinand! Die Viecher — die bleiben im Stall! Da stell’ ich mich morgen davor! Schaut’s, dass ihr weiterkommt — ihr Kaschperle — ihr verdächtigen!”
„Lassen wir den saugroben Lackl!” Die Viehmakler trollten sich. Weiter in den Wiesen faltete die Simmerl-Theres die zitternden, gichtigen Knochenfinger vor einem Heuhändler.
„Steh’ dir doch net die Haxen in den Bauch! Habt’s doch ein Mitleid. Lasst uns doch unser Häusl!”
Und selbst die sanfte, kleine Afra schrie mit ihrer klagenden Kinderstimme den Jüngling an, der durch einen Zwicker das Moor prüfte und sich Notizen machte:
„Ein Agent für Prestorf sind’s? Ja — schamen’s Ihnen denn gar nicht, den Leuten das Letzte zu nehmen?”
„Lassen wir halt den alten Deppen, dem wo der Kalk schon im G’hirn raschelt!” sprach, mit einem Blick auf den Simmerl, drüben der Stallschweizer zu seinem Anhang und ging. Es war keinem wohl bei dem Geschrei und Gejammer der Simmerl-Leut’! Da biss einen was! Leicht kein Floh, sondern ein Stückel schlechtes Gewissen. Einer nach dem anderen machte sich still auf den Heimweg. Die Wiesen wurden leer. Der Simmerl wischte sich mit dem Handrücken den Zornschweiss von der Stirn und nickte:
„Für heut’ sind wir sie los!”
„Ist noch nicht Abend!” sprach dumpf der Beni.
Und da fragte auch schon gleichzeitig, eine Viertelstunde von dem Gütl entfernt, ein, für seine dreissig Jahre bereits etwas dicklicher, junger Herr in einem grellkarierten Ulster und modischen Münchner Schlapphut in gönnerhaftem Ton:
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