„Ich bin morgen doch zeitig hier!” versetzte der Agent, stieg unten in seinen Kleinwagen und ratterte davon. Der Kürbl guckte ihm von seinem Fenster nach, recht behaglich, die Zigarre zwischen den dicken, geniesserischen Lippen. Er hatte von dort oben den Blick über die ganze Dorfgasse. Diese dunkelte allmählich. Aber sie wurde nicht wie sonst auf die Nacht hin leer. Es standen da schattenhafte Gruppen. Männerstimmen raunten. Aus der Wirtsstube unten drang Lärm und dazwischen die dröhnende Stimme des Kreuzpointners. Dann stiefelte der Gendarm mit langen Schritten einem wirren Geschrei am Dorfausgang zu:
„Sind da die Wülden gekommen oder was is los?” rief er. Der Bürgermeister, hemdärmelig, wie man ihn vom Dunghaufen geholt hatte, klapperte ihm in seinen Holzpantoffeln entgegen.
„Der Filzensimmerl is da und macht die Leute narrisch!” meldete er. „Ihm sei draussen vor seinem Häusl der Teifi erschienen”, spricht er, „und gegen den Teifi heisst’s zusammenhalten! Morgen vor dem Notar!”
„Wenn das nur dort net bös ausgeht!” Der Wachtmeister Florian Wiesböck schüttelte würdevoll seinen Kopf. „Mich dünkt, es wetterleuchtet über Pfaffing!”
Also ganz gross und vierecket is er dagestanden, auf der Wiesen vor meinem Häusl, der Teifi”, berichtete keuchend, mit irren Augen der Filzensimmerl den Bauern, die sich um ihn drängten, „und hat mir mein Hab und Gut abgefordert — der Münchner Aff’, der g’schnakelte, mit der Zigarre im Maul! Ich hab’ zuschlagen wollen, ihr Leut’, und ich hab’ mich nicht getraut! Derselbige hat zu grausame Augen gehabt und einen angeschaugt! Da kannst nix machen!”
„Und morgen, vor dem Notari, da wird der wampete Teifi wieder vorhanden sein”, schrie der Simmerl weiter, „und mir mei’ Häuserl absteigern. Er hat’s mir fest versprochen, eh’ dass er gegangen is! So einer hält sein Wort! Der lasst net aus! Das ist einmal gewiss. Ihr müsst mir helfen, Leut’! Ich bitt’ euch um eurer Seligkeit willen — helft’s!”
„Dös is a ganz a raffinierter Bazi”, bestätigte der Bacherlvater, und wies mit dem schiefen weissen Kopf zum Kirchturm hinauf. „Sturm müsst’s läuten — jetzt noch auf d’ Nacht, dass sie’s in den Dörfern rundum hören!”
„Ruhe jetzt!” gebot der breitschultrige Gendarm Wiesböck mit der strengen Dienstmiene eines Feldgrauen von einst.
„Ruhe — sagen’s?” schrie der hitzige Kreuzpointner, der mit seinem Anhang vom „Alten Wirt” her eingerückt war. „Wir Bauern wollen ja bloss Ruh—e haben — vor dem Gerichtsvollzieher . . .”
„. . . der heut’ wieder in Stoissham von einem Haus zum andern gelaufen ist”, ruft der hemdsärmelige Bürgermeister. „Ja — wo sollen wir’s denn hernehmen? Aus dem Mist kratzen können wir’s net!”
„Da schmeiss ich bald lieber meine ganze Sach’ hin und geh’ nach Amerika.” Eine rauhe Stimme von irgendwo aus dem Hofdunkel: „Dort könnt ihr mich gern haben!”
„Da!” Der Kreuzpointner hatte einen Stall aufgerissen und leuchtete mit der Laterne hinein. „Da schaut’s die gepfändeten Küh’! . . . A jede kein mit dem Wapperl auf dem Kopf!”
„So schaugt’s bei jedem hier im Dorf aus!”
Die Kühe verdrehten verdutzt die Hörner, an denen die Siegel des Gerichtsvollziehers klebten, bei der nächtlichen Ruhestörung. Es rasselte etwas. Der baumlange, zaundürre Bacherlvater, der in seiner Jugend ein ganz Wilder gewesen war, fuhr verschmitzt lachend einen schmutzigen Schubkarren vom Misthaufen herunter und kippte ihn um.
„Da derft’s lesen: Gepfändet wegen zwanzig Markln!”
Ja — da klebte zwischen den Dungspuren an der Holzwand das blaue Adlerwappen des deutschen Reichs von 1926 — der Simmerl gab dem Karren einen Tritt und ächzte, während der Zug sich durch die Dorfgasse weiterwälzte, mithumpelnd.
„I sag’s ja: der Teifi is im Land!”
„Da oben steht er ja!” schrie er dann plötzlich und deutete mit dem zitternden, hornigen Zeigefinger nach der einen hellen Scheibe des Oberstocks beim „Alten Wirt”. In dem Fensterrahmen war die behäbige Gestalt des Privatmanns Liborius Krübl sichtbar, der mit phlegmatischem Interesse die aufgeregten Bauern unten betrachtete, so als sässe er im Kino.
„Auf geht’s, ihr Leut’!”
„Holt’s den Münchner herunter!”
Aber der „Alte Wirt” hatte schon vor der Zeit Feierstunde geboten und das Haustor von innen verschlossen. Vor dem Eingang hatte sich der Wachtmeister Florian Wiesböck aufgepflanzt. Sein Revolver stak zwar noch im Futteral, aber es klang doch sehr nachdrücklich, als er sagte:
„Jetzt hört’s auf mit die Sprüch’ und geht’s schlafen! Morgen ist auch noch ein Tag!”
„Morgen beim Notar!”
„Gelt — ihr kimmt’s alle nach Pfaffing eini!” bettelte der Filzensimmerl.
„Da lässt keiner aus!” bestätigte der Kreuzpointner, und alle Köpfe nickten. Bloss die Wirtsmarei, die schwarze Katz’, konnte sich nicht enthalten, auf dem Treppenabsatz zu blecken:
„Hintenauf tatscheln — dös könnt’s ihr Mannsbilder! Jetzt weist mal morgen, was ihr sonst vermögt!”
Und bei den Worten der schwarzen Marei bekam es der Simmerl plötzlich mit der Furcht in seinem verwirrten, verstörten, alten Kopf. Herrgott — wann’s nur net morgen doch ausbleiben — die Stoisshamer — und ich steh’ allein vor dem Notar und dem Teifi da oben — dann gnad’ mir Gott — ich weiss mich nicht zu wehren! „Helft’s, ihr Leut’! Helft’s einem armen, alten Krauter, der wo nix auf der Welt hat als das bissel Land und Weib und Kind, und eh’ bald heimfahrt zu unserem Herrgott . . .”
Aber wer soll helfen? Wer? Eine blinde Angst packte den Filzensimmerl. Er lief davon, vor das Dorf hinaus, blindlings in die Nacht . . . Patsch . . . da war er schon mit einem Bein im Moor, zog es nass heraus. Gewann wieder den schmalen Fahrweg. Zu beiden Seiten dunkelten die Streuwiesen. Alles war still bis auf das sanfte, klagende Kä—kä, mit dem die Sumpfohreule in unhörbarem Schattenflug dicht über dem Boden hinstrich und sich die Mäuse aufgriff.
Dann warnte da das dumpfe Bellen eines grossen Wachhundes und ein einsamer Lichtpunkt blinkte auf — das hellerleuchtete Fenster in einem kleinen Blockhaus, überall lagen Federn und Flaum auf dem zerkratzten Boden. Aha — das war bei der Spinneten — der Städtischen — der Geflügelzüchterin . . . Und da stand die Frau selbst im hellen Schein des Fensters vor ihrer Farm Erika — mit der linken Hand die Augen schirmend, in der rechten ein Schrotgewehr — net schlecht anzuschauen — das musste sich der Simmerl schon sagen — frisch und jung — braune, lebhafte Augen — ein bissel zu dünn die Frau — für das, was man auf dem Lande gewohnt ist — aufg’futtert g’hört sie — aber schon sehr a Hübsche. Bildsauber, bald du sie so aus der Nähe anschaugst . . .
Blass war sie jetzt, die Städtische, und hat gezittert, als sie dem Alten in die verrunzelten Züge geguckt hat, bald aber hat sie aufgeatmet, dass das kein Böser nicht war.
„Mir war so bange!” sagte sie hochdeutsch. „Nicht für mich, sondern für meine Kinder!”
„Jesses! Vor ’nem Mandl wie mir?”
„Nein! Vor dem Radl-Kramer! Ich hab’ mir immer eingebildet, es schleicht wer ums Haus! Da konnt’ ich mir nicht helfen. Ich musst’ ’raus und nachschauen!”
„Da draussen bringt dich der Radl-Kramer eh’ um, Frau!” tröstete der alte Gütler. Dann stieg jäh wieder der Koller in ihm hoch. Er schrie:
„Was soll er denn dir tun, Frau? Du hast ja nix! Wann der Radl-Kramer kommt, dann bestell’ ihm: er soll heut’ Nacht noch mit dem Münchner abfahren — mit dem Wampeten in Stoissham — oben beim Alten Wirt! Da erhält er was Recht’s! Das ist ein Schmankerl für die Höll’!”
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