„Frag’ ich nach Ihren Sachen?” sagte Jefroykin. „Nix kümmere ich mich darum, Herr Johannsen! Tät’ man auch vielleicht manches Interessante hören!”
„Das einzige Bemerkenswerte an mir ist, dass ich alle die Kameraden da hinter mir wieder zu guten Deutschen bekehrt habe. Die waren mutlos. Ihnen war die Zeit zu viel für unser bisschen Menschenverstand. Sie waren verdrossen. Vielen war überhaupt alles gleich. Diese alle habe ich aufgerüttelt. Weithin, wo die Lager in den Filzen sind. Das ist gewiss nicht mein Verdienst! Es geht so von mir aus. Die glauben jetzt, dass es einmal wieder bei uns in Deutschland besser wird, und haben neuen Mut! Da sollen Sie rotes Moskauer Gespenst mir nicht mehr lange in die Quere kommen! Schauen Sie jetzt zu, dass Sie in nächster Zeit von hier verschwinden, oder . . .”
„Nü — oder . . .?”
„Oder ich werde dafür sorgen, dass Sie kein Vergnügen mehr am Aufenthalt hier finden!”
Jefroykin ging nach der Tür, ein paar finster blickende Filzer mit ihm. Er hatte immer eine demütig gebückte Haltung, aber dabei ein grausam listiges Lächeln, während er noch einmal stehen blieb und sagte:
„Glaub’ ich nicht, dass Sie mir etwas tun!”
„Verlassen Sie sich darauf, dass ich Sie auf den Trab bring’!”
„Wie denn? Und die Behörden? Werden Sie sagen: die Behörde ist weit. Sie findet nicht leicht den Weg hier heraus! Aber wenn hier etwas geschieht, kümmt sie doch — die Behörde . . .”
„Dann wird sie endlich mit der Nase darauf gestossen, was Sie sind, und was Sie hier treiben!”
„Sag’ ich Ihnen das Gegenteil!” Die Sprechweise des Moskauers wurde plötzlich schnell, rabulistisch. Das geläufige Händespiel verwandelte sich in einen Dolchstoss mit dem Zeigefinger gegen den straff breitbeinig, finster dastehenden Torfstecher Johannsen. „Wird die Behörde nicht mich suchen, sondern den, der Gewalt gegen Chaim Jefroykin aus Kischinew verübt hat. Wird Sie, Herr Johannsen, nicht mich fragen: Nü — wer sind Sie eigentlich? Zeigen Sie doch mal Ihre Ausweise! Gottes Wunder — was sind das für welche? Gibt’s nicht auch falsche Papierchens, Herr Johannsen? Was sagen Sie nü?”
„Hinaus jetzt!”
„Ich hab’ nix gesagt!” Jefroykin trat eilig über die Schwelle. „Hat das ’ne Wichtigkeit, was ich red’? Ein armer Ausländer?” Er blickte noch einmal schadenfroh über die Hängeschulter zurück. „Vielleicht überlegen Sie sich’s noch, Herr Johannsen! Meinen Sie nicht?”
Chaim Jefroykin schlurfte mit seinen Getreuen davon, einer etwas abseits gelegenen Baracke zu. Dort war in dem Torfstecherlager das Standquartier Moskaus, auf dessen schwarzem Pappdach bei Tag das blutrote Sowjetfähnchen im Ödwind flatterte, und an dessen Holzwand innen die Bilder Lenins und Liebknechts angenagelt waren.
Der Filzarbeiter Johannsen stand hell im Licht, auf der Türschwelle der Kantine, hager, straff und sehnig, mit auf der Brust gekreuzten Armen, und blickte verächtlich aus seinen durchdringenden blauen Augen dem Rückzug Russlands nach. Hinter ihm drängten sich die verwetterten und verwitterten, braunen Köpfe der Torfgräber. Einer von ihnen, ein grosser, kräftiger, bärtiger Mann mit dem verwaschenen Band des Eisernen Kreuzes auf der ausgeblichenen Arbeitsjoppe hob eine arbeitsharte Faust.
„Ich tät’ dem Russki, dem hundsledernen, gleich auf der Stell’ an Schwung geben . . .”
„. . . dass er bis nach dem Moskau hintri fliegt”, ergänzte mit heller Stimme ein junger Fanatiker, fast noch ein Bub. Johannsen zupfte ihn väterlich am Ohr.
„Red’ nicht mit, Domini! Das verstehst du noch nicht!” Und dann zu dem alten Frontsoldaten: „Schau, Gori — mir zuckt’s ja auch in den Fingern. Aber es heisst warten!”
„Meinst, Klaus?”
Der Torfstecher Klaus Johannsen nickte.
„Ich will erst den Ort im Moor ausfindig machen, wo der Jefroykin seine verdammten Hetzschriften versteckt hält und von da aus verteilt. Das muss ein ganzes grosses Lager von stinkiger Druckerschwärze sein. Es ist wie ein heimlicher Brandherd mitten im Moor. Dort trifft sich der Jefroykin nachts mit den anderen Moskowitern, und sie hecken neues Sauzeug aus. Da möcht’ ich sie, wenn sie schön auf einem Haufen beieinander sind, mit euch zusammen . . .”
„. . . umzingeln und fei’ abzwicken!” rief der bärtige Gori begeistert.
„Ich bin ihnen schon auf der Spur!” sagte Klaus Johannsen. „Heute vor Sonnenaufgang schleich’ ich mich auch wieder hinaus!” Er beugte misstrauisch den hartgeschnittenen Kopf vor. „Da hinten rührt sich doch etwas im Schatten?”
„Gleich gehst bei!”
„Ja — wer is denn das Manderl aus der Nacht?”
„Ich kenn’ ihn nie net!”
„‘s is halt der Filzensimmerl!” rief die Knabenstimme des Domini Kastl. „Weiter nix!”
„Ja — was machst denn nachher du hier? Du zitterst ja am ganzen Leib! So red’ doch!”
„Tut dir keiner was, Simmerl!”
Das alte Bäuerlein krampfte den Hut in den Händen. Es humpelte erschöpft in die Mitte der Filzer. Die heissen Tränen liefen ihm über das verrunzelte Gesicht. Es keuchte:
„Helft’s, Leut, helft’s!”
„Bist leicht dem Radl-Kramer begegnet?”
„Selbiger Näuber wär’ mir lieber als der dicke Teifi, der wampete Münchner, oben beim Alten Wirt in Stoissham. Der hat a Geld! Er macht vor allen Leuten seine Brieftaschen auf. Da stecken die Tausendmarkscheine übereinander, dick wie die Kirchweihnudeln!”
„Was geht das dich an, Simmerl! Du bist alt! Wannst wieder auf die Welt kommst, wirst vielleicht ein ganz Reicher!”
„Mit dem Geld will er mir doch mein Gütl nehmen!” wimmerte der Filzensimmerl. „Das tät’ der Radl-Kramer nie net! Da würd’ sich selbst ein Räuber im Wald schämen! Aber der Wampete aus München net!”
„Die Stoisshamer haben mir zwar versprochen, sie ziehen morgen vor dem Notar seinem Haus auf und lassen keinen herein”, wandte er sich atemlos an die gedrängten, braungebrannten Gesichter in der Runde. „Aber schaut’s: die Stoisshamer haben selber Häuseln. Denen bangt’s am Ende um ihr eigenes bissel Fahrnis, wann’s wider die Obrigkeit aufbegehren! Ihr hier — ihr seid nix! Ihr habt nix! Euch kann keiner etwas nehmen! Ihr dürft’s Mäu’ aufmachen! Und wann sie sogar einen von euch einsperren täten, so hat er’s im Winter dort wärmer als hier draussen und tut sich leichter mit der Arbeit!”
„Ich hab’ wie ich jung war, akkurat so Torf gestochen wie ihr, um mein Gütl zu gewinnen!” Der Filzensimmerl hatte das Hütl auf den weissen Kopf gestülpt und faltete die Hände. „Ich weiss, was dies für ein blutsaures Brot is — genau wie ihr. Ich bin einer von den eurigen! Ihr tätet euch ja so leicht mir zu helfen. Ihr geltet für keine Guten, wann man euch z’nahe kommt. Wann ihr euch bloss beim Notar draussen hinstellt und redet miteinander übers Wetter oder sonst etwas, nachher getraut sich der dicke Saukerl mitsamt seinen Tausendmarkscheinen gar net erst hinein!”
„Wir lassen ihn fei’ net durch, bald er kommt!” rief der junge Kastl-Domini. Klaus Johannsen winkte ihm ab.
„Erst soll mir der Simmerl genau erzählen, wie alles liegt!” sagte er. „Dann werden wir schauen!”
Der Filzensimmerl berichtete, unter Zittern und Tränen. Er schloss:
„Ich hab’s gerad’ gesagt, wie’s eben is! Wahr und wahrhaftig! Da tu’ ich darauf einen Eid . . . Wer weiss, wie bald ich heimfahr’! Da möcht’ ich doch net als Sünder vor unserm Herrgott hinstehn. Also glaubt’s mir, ihr Leut’!”
„Simmerl — du lügst nicht! Das merkt man dir an!” Der Torfstecher Johannsen schaute aus seinen stahlblauen Augen auf die schweigenden Arbeitsmänner aus Moor und Moos um ihn her. Er fragte sie nicht. Er befahl:
„Kameraden: dem alten Mann da geschieht bitter unrecht! Da mag in den Gesetzbüchern stehen, was will! Dem Alten verteidigen wir sein Gütl. Wir lassen morgen eine halbe Tagschicht fahren und marschieren nach Pfaffing!”
Читать дальше