Nanguo Ziqi (Meister Verstecktes Bunt von der Südmauer) kauerte auf seinem Stuhl, blickte zum Himmel auf, seufzte gedankenverloren, trauernd um den Verlust seines Gefährten. [Sein Schüler] Yancheng Ziyou (Meister Sich Wandelnder Wandersmann) stand ihm bei und sprach: »Wie geht das? Vermagst du wirklich dem Körper die Form von dürrem Holz und dem Herz-Geist die Form von toter Asche zu geben? Jetzt ist der Mann, der auf dem Stuhl kauert, nicht derselbe, der vorhin auf dem Stuhl kauerte!«
Meister Qi sprach: »Yan, hast du nicht eine gute Frage gestellt? Gerade habe ich mich selbst verloren, verstehst du das? Du hörst die Klangwelt der Menschen, aber du hörst nicht die Klangwelt der Erde; du hörst die Klangwelt der Erde, aber du hörst nicht die Klangwelt des Himmels.«
Meister You sprach: »Darf ich fragen, worauf du hinauswillst?«
Meister Qi sprach: »Die Atemluft des großen Erdballs wird ›Wind‹ genannt. Solange er nicht da ist, geschieht nichts. Sobald er da ist, pfeift es heulend durch zahllose Öffnungen. Hast du dieses Windheulen noch nie gehört? In den schönen Bergwäldern mit hundert Fuß hohen Bäumen gibt es Höhlen und Kuhlen: wie Nasen, wie Münder, wie Ohren, wie Weinschalen (Quadrate), Reisschüsseln (Kreise) und Mörser, wie Brunnenlöcher, wie Pfützen. Er faucht, haucht, röhrt, pfeift, brüllt, lacht, zerstört; anfangs ein dünnes Singen, dann ein Keuchen und Klingen. Sanfter Wind hat nur wenig Wirkung, Wirbelwind hat große Wirkung; legt sich der Sturm, so sind alle Öffnungen leer. Hast du die Raffinesse dieser Klänge noch nie vernommen?«
Zi You sprach: »Die Klangwelt der Erde entsteht durch alle Öffnungen, die es gibt; bei der Klangwelt des Menschen ist es ähnlich; darf ich fragen, wie die Klangwelt des Himmels entsteht?«
Zi Qi antwortete: »Die Klangwelt des Himmels entsteht aus dem Blasen der unterschiedlichen Winde, jeder erzeugt von selbst seinen eigenen Klang, und auch, wenn sie zusammenklingen, bleibt jeder in seiner Eigenart erhalten. Was sonst sollte sie hervorbringen?«
Wer viel weiß, hat Schwierigkeiten; wer wenig weiß, hat Muße. Wer viel redet, entfacht Feuer; wer wenig spricht, hat etwas zu sagen.
Wessen Seele im Schlaf verbunden ist, dessen Körper öffnet sich beim Aufwachen, Geben und Nehmen schaffen ihm Halt, damit am Tag sein Herz-Geist die Kämpfe besteht. Flach sind sie, tief sind sie, nahe gehen sie. Kleine Ängste beunruhigen, große Ängste lähmen.
Sie eilen voran, pfeilschnell, wissend um die Bedeutung von »richtig« und »falsch«; sie klammern sich an Verträge, verteidigen sie, wissend um die Bedeutung des Sieges; sie gehen dahin wie Herbst und Winter, benutzen Worte, die nach einem Tag verblassen; sie geben sich hin an ihr Tun und lassen sich nicht zur Umkehr bewegen; verschlossen sind sie, wie versiegelt, benutzen Worte wie einen alten Stadtgraben; nahe am Tod ist ihr Herz-Geist, nichts gibt ihnen die lichte Lebenskraft zurück.
Frohsinn und Zorn, Trauer und Lust, Sorge und Anerkennung, Veränderung und Zaudern, Schönheit und Behaglichkeit, Offenheit und Künstlichkeit – Musik entsteht durch Hohlräume, Pilze wachsen, wo es feucht ist, bevor Tag und Nacht ineinander übergegangen sind, und niemand weiß, woraus sie keimen.
Genug, genug! Können wir auch nur für einen Moment zwischen Morgengrauen und Abenddämmerung den Grund des Lebens erkennen?
Gäbe es ihn nicht, gäbe es uns nicht; gäbe es uns nicht, hätte er nichts, worauf er sich bezieht. Wir sind ihm so nah, und doch wir wissen nicht, wie er wirkt. Vermutlich gibt es den wahren Meister, nur haben wir kein Zeichen von ihm empfangen. Gewiss, er hat eine Gestalt, doch wir sehen sie nicht; hat Eigenschaften, obwohl er gestaltlos ist.
Hundert Gelenke, neun Öffnungen, sechs Organe – ihr Zusammenspiel ermöglicht das Leben; welches sollte mir da am nächsten sein? Sprechen dich alle gleichermaßen an? Welchem gibst du den Vorzug? Wenn sie alle gleich sind, betrachtest du sie als Diener und Nebenfrauen? Diener und Nebenfrauen können nicht übereinander bestimmen. Stehen sie zueinander wie Herr und Diener? Gibt es wirklich einen Herrn, der das Leben bestimmt? Ob es gelingt, ihnen gewisse Eigenschaften abzuverlangen, oder nicht – nichts vermehrt und vermindert ihre Wahrhaftigkeit. Wer es einmal empfangen und seinen Körper ausgebildet hat, verliert ihn nicht mehr, sondern behält ihn bis ans Ende.
Dass sich die Lebewesen gegenseitig zerteilen und einander zerfleischen, dass sie sich hetzen wie im Galopp und dass sie dabei nichts aufzuhalten vermag – ist das nicht schade? Am Ende ist der Körper abgekämpft und gelangt nicht in den Genuss seiner Verdienste, so müde, so ausgelaugt ist er, dass wir nicht wissen, wie wir innehalten können – ist das nicht traurig? Wenn die Leute davon sprechen, sie seien ja noch nicht tot – welchen Nutzen hat das? Sobald der Körper verfällt, folgt der Verfall des Herz-Geistes – ist das nicht ungeheuer traurig? Des Menschen Leben, es schwankt wie ein Grashalm! Bin ich der Einzige, der schwankt wie ein Grashalm, sind die anderen nicht ebensolche Gräser?
Bezeichnenderweise taucht hier nicht die Frage nach Gott auf, sondern der wahre Leiter und Lenker des Kosmos wird direkt mit dem Zeichen für »Herrscher« beschrieben. Die Passage ist bedeutsam, da sie die frühe Ablehnung der chinesischen Philosophie gegenüber personifizierten Gottheiten ausdrückt.
Daher: Seinen Herz-Geist vervollkommnen und ihm folgen, heißt, ihn zum Lehrmeister zu wählen – wer bliebe dann allein zurück ohne Lehrmeister? Warum muss man verstehen, wie sich alles verändert, ehe sich der Herz-Geist selbst einen solchen Lehrmeister wählt? Die Dummköpfe haben ihn ebenso.
Seinen Herz-Geist nicht zu vervollkommnen, sondern auf »richtig« und »falsch« zu beharren – das ist, wie heute nach Yue aufbrechen und gestern bereits ankommen.
Das bedeutet: etwas, das es nicht gibt, als etwas, das es gibt, zu betrachten. Wer Nichtseiendes als Seiendes betrachtet, den versteht niemand, nicht einmal der große Yu (legendärer Begründer der Xia-Dynastie, 21.–16. Jahrhundert v. u. Z.), um wie viel weniger ich.
Worte sind nicht bloß Luft, Worte sagen etwas. Wenn jemand unklar daherredet, hat er dann etwas zu sagen? Oder sagt er nichts? Wir glauben, sie seien etwas anderes als das Piepsen eines Kükens. Gibt es einen Unterschied oder gibt es keinen Unterschied? Wo ist das Dao verborgen, wenn es um »Wahrhaftigkeit« und »Heuchelei« geht? Was verbergen die Worte, wenn es um »wahr« und »falsch« geht? Kann das Dao verschwinden und aufhören zu existieren? Kann es Worte geben, die es nicht geben soll?
Das Dao ist verborgen in winzigen Wandlungen, Worte verbergen sich in blumiger Rede. Daher streiten Konfuzianer und Mohisten über »richtig« und »falsch«: Was die einen für richtig halten, ist für die anderen falsch; was die einen für falsch halten, ist für die anderen richtig. Wer richtigstellen will, was verneint wird, und verneinen will, was für richtig gehalten wird, für den gibt es nichts Nützlicheres als Klarheit.
Es gibt nichts ohne jenes, es gibt nichts ohne dieses. Wenn man jenes nicht sieht, so erkennt man es an diesem. Daher heißt es: Jenes geht aus diesem hervor, und dieses kommt von jenem. Jenes und dieses – sie bringen einander hervor, sagt man.
Denn: Wenn es Leben gibt, muss es Tod geben; wenn es Tod gibt, muss es Leben geben; wenn es Erlaubtes gibt, muss es Unerlaubtes geben; wenn es Unerlaubtes gibt, muss es Erlaubtes geben; wenn man etwas richtig findet, muss man etwas falsch finden, wenn man etwas falsch findet, muss man etwas richtig finden. Daher befasst sich der Weise nicht mit Argumentationen, sondern beobachtet die Natur – so findet er das Richtige.
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