Xu You sprach: »Du regierst, und der Staat ist schon geordnet. Soll ich nun deinen Platz einnehmen, um Ruhm zu erlangen? Ruhm ist nur ein Beiwerk des Wirklichen. Soll ich es tun, um ein Beiwerk zu ergattern? Der Zaunkönig baut sein Nest tief im Wald und braucht nicht mehr als einen Ast. Der Maulwurf nippt Wasser aus dem Fluss und trinkt nur so viel, bis sein Bauch gefüllt ist. Kehr um und harre aus, Herr! Für mich ist es nutzlos, den Staat zu regieren. Selbst wenn ein Koch die Küche nicht in Ordnung hält, überlässt er dem Totenpriester die Kelche und Opfergefäße nicht und lässt ihn nicht an seine Stelle treten.«
Jian Wu (Der das Selbst schultert) fragte Lian Shu (Verbindung zur Verwandtschaft): »Ich habe Jie Yu (Geerdet) reden gehört: große Worte, aber ohne Stimmigkeit, er schweift ab und kommt nicht auf den Punkt. Seine Worte überraschen und beunruhigen mich, sie sind grenzenlos wie die Milchstraße, großartig, voller Pfade und Winkelzüge, aber sie haben nichts zu tun mit menschlichen Erfahrungen.«
Lian Shu fragte: »Was hat er gesagt?«
Jian Wu sprach: »Jie Yu sagte, in weiter Ferne gebe es einen Berg namens Gu Ye. Dort lebe ein Heiliger, dessen Haut weiß wie Eis und Schnee sei, seine Anmut sei wie bei einer jungen Frau. Er ernähre sich nicht von den fünf Getreidesorten, sondern atme den Wind und trinke den Tau, reite auf den Wolken, spanne den fliegenden Drachen vor und schweife jenseits der vier Meere umher. Indem er seine Lebensgeister sammle, bewahre er die Lebewesen vor Plagen und Krankheiten und lasse Jahr für Jahr das Getreide reifen. Ich hielt das für verrückt und unglaubwürdig.«
Lian Shu sprach: »So ist es. Ein Blinder hat nichts von der Betrachtung von Ornamenten und Formen, ein Tauber hat nichts vom Klang der Glocken und Trommeln. Doch nicht nur der Körper kann blind und taub sein. Das Verständnis kann es ebenso sein. Diese Worte, sie treffen auf dich zu. Dieser Mensch mit seiner Wirkkraft, hätte er nicht die Fähigkeit, die zahllosen Lebewesen zu vereinen, während die Welt im Chaos liegt, warum sollte er sich damit abmühen, sich um alles unterm Himmel zu kümmern? Diesen Menschen, nichts kann ihn verletzen: das Hochwasser kann bis zum Himmel reichen, doch er ertrinkt nicht; große Hitze kann Erze zum Schmelzen bringen, so dass Erde und Berge versengen, doch ihm ist nicht heiß. Noch aus seinem Staub und Stroh könnte man [die Könige] Yao und Shun formen – warum sollte er sich um äußerliche Dinge kümmern?«
Ein Mann aus dem Staat Song, der Festhüte für Zeremonien verkaufte, zog in den Staat Yue. Die Leute von Yue schnitten sich die Haare kurz und tätowierten ihre Körper, so dass sie keine Verwendung dafür hatten.
Yao regierte das Volk unterm Himmel, die Verhältnisse zwischen den vier Meeren glich er an; um die vier Einsiedler aufzusuchen, zog er in die Guye-Berge; am Südufer des Flusses Fen angekommen, vergaß er allmählich die Herrschaft über sein Reich.
Jian Wu und Lian Shu gelten in der chinesischen Mythologie als daoistische Gelehrte, eigentlich sind sie von Zhuangzi erdachte Figuren.
Huizi (Meister Freundlichkeit) sprach zu Zhuangzi: »Der König von Wei schenkte mir den Samen für einen großen Kürbis; ich säte ihn, und als er herangewachsen war, hatte er ein Fassungsvermögen von fünf Dan (Scheffel); gefüllt mit Wasser, war er nicht fest genug, um ihn hochheben zu können. Ich zerschnitt ihn, um Schöpflöffel aus ihm zu schnitzen, doch sie wurden zu groß und flach, um darin etwas aufzunehmen. Sie hatten nichts als ihre Größe, waren völlig nutzlos, und ich zerschlug sie.«
Zhuangzi sprach: »Ihr seid wirklich nicht gut im Nutzen großer Dinge. Einmal gab es einen Mann in Song, der war geschickt im Mischen einer Salbe gegen spröde Hände. Mit Hilfe dieser Salbe betrieb seine Familie von Generation zu Generation das Geschäft des Seidebleichens. Ein Fremder, der davon hörte, wollte für hundert Goldstücke das Rezept dieser Salbe kaufen. Er rief seine Angehörigen zusammen, beriet sich mit ihnen und sprach: ›Wir betreiben von Generation zu Generation dieses Bleichgeschäft und bekommen nur wenig Geld. Wenn wir jetzt das Rezept verkaufen, gewinnen wir auf einmal hundert Goldstücke. Bieten wir es ihm an.‹ Der Fremde bekam das Rezept und sprach mit dem König von Wu. In jener Zeit gab es Auseinandersetzungen mit [dem Staat] Yue. Der König von Wu ernannte ihn zum General. Im Winter fügte er Yue bei einer Seeschlacht mit Hilfe der Salbe eine schwere Niederlage zu, wofür er von König Wu mit einem Stück Land belehnt wurde. In beiden Fällen schützte die Salbe die Hände vorm Austrocknen; den einen führte sie zu einem Lehen, den anderen diente sie nur dem Bleichen von Stoffen, sie wurde jeweils unterschiedlich angewandt. Jetzt hast du einen großen Kürbis, der fünf Dan fassen kann; wieso überlegst du nicht, daraus ein großes Boot anzufertigen und damit über Flüsse und Seen zu fahren? Stattdessen bist du bekümmert, dass der Kürbis zu groß sei, um etwas in sich aufzunehmen. Wie wirr ist dein Herz-Geist, Meister!«
Manche halten Huizi für einen Schüler des Zhuangzi, andere für einen Vertreter der Sophisten (vgl. Graham, S. 3; Ziporyn, S. xv; Wohlfahrt, S. 22). In jedem Falle war Huizi (ca. 370–310 v. u. Z.) ein Zeitgenosse des historischen Zhuangzi; Ziporyn beschreibt ihn als »Zhuangzi’s best friend, sparring partner, straight man and arch-foil«, Sima Biao beschrieb ihn als Minister im Staat Liang. Verkürzt lässt sich sagen, dass Huizi eine prälogische Methode entwickelt hat, Argumente des volkstümlichen Denkens zu widerlegen, indem er die Willkür der Differenzierungen aufzeigt, denen sie entspringen, eine Methode, die dem »Sokratischen Dialog« nicht unähnlich ist. Die Schlüsse, zu denen Huizi damit gelangte, waren ihrerseits nicht frei von Willkür. Ziporyn geht so weit zu behaupten, dass die Inneren Kapitel eine ironische Replik auf Huizi’s Überlegungen darstellen würden, wobei Zhuangzi die Methode Huizi’s übernommen habe, jedoch nicht den Inhalt seiner Schlussfolgerungen.
Huizi sprach zu Zhuangzi: »Ich habe einen großen Baum, den die Leute Götterbaum nennen. Sein riesiger Stamm ist bedeckt von Schwielen, und es lässt sich keine Richtschnur anlegen; die kleinen Zweige sind so verdreht und gekrümmt, dass sie für Zirkel und Winkelmaß nicht geeignet sind; auch wenn er an einer Straße stehen würde, würde ein Zimmermann ihn nicht beachten. Nun, Meister, du drechselst große und nutzlose Worte, daher wendet sich die Menge einmütig von dir ab.«
Zhuangzi antwortete: »Bist du der Einzige, der noch keinen Marder oder Wiesel gesehen hat? Sie ducken sich flach auf den Boden und lauern, ob jemand vorbeikommt. Sie springen hierhin und dorthin, nach oben, nach unten, bis sie in die Falle gehen und im Netz sterben. Das Gleiche gilt für Grunzochsen, die groß sind wie Wolken, die den Himmel bedecken. Groß sind sie, aber können keine Mäuse fangen. Wenn du schon einen großen Baum hast, dessen Nutzlosigkeit dir Sorgen macht, warum pflanzt du ihn nicht außerhalb des Dorfes auf freiem Feld oder im leeren Ödland? Da kannst du, wenn du nichts zu tun hast, um ihn herumspazieren oder dich unbekümmert zum Ausruhen bei ihm niederlegen. Weder Axt noch Beil setzen ihm ein frühes Ende. Nichts kann ihm Leid zufügen. Wenn etwas nutzlos ist, warum sollte es dir Sorgen bereiten?«
2
齊物論 (qí wù lùn)
Gespräch über das Angleichen der Dinge
Shi Deqing (1546–1623) würdigte die Besonderheit dieses vielkommentierten Kapitels, das den Kern der Philosophie Zhuangzi’s in kondensierter Form zusammenfasst und vom Umfang her an drei Fünftel des Daodejing heranreicht: »This chapter speaks literally and vertically, up down and back and forth, for over three thousand characters, finally arriving at this one word ›other‹ to conclude it. What power it has!« (Shi Deqing / Ziporyn, S. 160) Guo Xiang kommentierte die Überschrift des Kapitels mit einem Satz, der für die nachfolgende Zeit eine wegweisende psychologische Interpretationslinie markierte: »Every creature without exception considers itself right and the others wrong, praising itself and defaming others. It is in precisely this sense that, although each embraces a different definition of right and wrong, self and other are exactly equal.« (Guo Xiang / Ziporyn, S. 135) In der Song-Zeit kehrte der Gelehrte Wang Pang zu einer schlichten existenzphilosophischen Interpretation zurück: »The myriad of things receive yin and yang and are born; I also received yin and yang and was born. Though they may be bestowed with different appearances, all that is born comes from the same source … hence Zhuangzi has a chapter on levelling things.« (Wang Pang / Chai, S. 13)
Читать дальше