»Die Zombies gehen gerade von einem Friedhof aus durch die Straßen.«
»Zombies gehen nicht einfach, Schatz – sie humpeln, torkeln oder was weiß ich.« Ron öffnete die Speisekammertür und sichtete kurz, was an Knabberzeug, das zu dem Sandwich passte, zur Auswahl stand. Nachdem er etwas aus einer Packung Maisflips probiert und sie für fade befunden hatte, öffnete er eine frische Tüte Kartoffelchips mit saurer Sahne und Zwiebeln. »Fressen die Zombies schon irgendwen?«
»Nein – hey, das sieht ganz so aus, als sei es bei uns in der Innenstadt gedreht worden.«
»Innenstadt? Hier in Killeen? Warum sollte jemand hier einen Zombiefilm drehen wollen? Das ist doch nur ein kleines Nest in Texas; da wären sogar Zombies an einem Strand reizvoller. Es kann nicht in unserer Stadt gedreht worden sein, es muss sich um einen anderen Ort handeln. Schließlich sehen die Zentren der meisten Städte alle gleich aus.«
Er zog einen Chip aus der offenen Tüte und biss hinein, bevor er den Kronkorken von der Bierflasche entfernte und einen Schluck zum Hinunterspülen trank. Als er den oberen Rand der Chipstüte umgeschlagen und eine Wäscheklammer darauf gesteckt hatte, um sie frisch zu halten, legte er sie wieder zurück in die Speisekammer.
»Ich verstehe dich so schlecht. Ich versuche gerade, da zuzuhören. Ehrlich gesagt sieht mir das gar nicht nach einem Film aus.«
Ron betrat nun das Wohnzimmer mit Bier und einem Teller in seinen Händen. Er blieb neben Leah stehen und nahm noch einen Schluck. »Das sind doch die Nachrichten auf Channel Ten. Sieh doch, da ist Meg Gallo. Hast du umgeschaltet?«
»Nein. Diese Zombies kommen offenbar vom Friedhof Memory Gardens , du weißt schon, dem an der großen Baptistenkirche. Zu Anfang war der Ton noch da, aber jetzt ist er scheinbar ausgefallen. Meg macht einen ganz schön ängstlichen Eindruck.«
Ron setzte sich neben Leah auf die Couch und stellte das Bier auf den Tisch.
So viel zum Thema: Ziehen wir uns mal einen guten Horrorstreifen rein , dachte er.
Meg, die Sprecherin, verschwand nun mit einem Kameraschwenk aus dem Bild.
»So was … der Obdachlose ist gerade aus der Gasse gekommen, und die Zombies dort drüben holen ihn gleich ein.« Ron biss von seinem Sandwich ab. Mit halb vollem Mund fuhr er fort: »Wow, zieh dir das mal rein, die fallen gleich über ihn her wie die Heuschrecken.«
Die Übertragung brach auf einmal abrupt ab. Der Bildschirm war plötzlich pechschwarz und schien die beiden förmlich anzustarren.
»Oh mein Gott, was ist denn da los? Ron, was sollen wir jetzt tun?«
»Äh, umschalten und sehen, was auf einem anderen Kanal läuft?« Ron trank noch mehr Bier und rülpste.
Leah stieß gegen seine Schulter. »Ich meine es ernst. Du hast doch gerade selbst gesehen, was passiert ist. Was geht denn da vor sich? Was sollen wir jetzt unternehmen?«
»Du hast das Ganze tatsächlich geschluckt? Du glaubst, das sei echt?« Ron kicherte.
»Was soll ich denn sonst glauben? Das kam schließlich in den Nachrichten.«
»Ich gebe dir mal einen Hinweis: Welcher Tag ist heute?«
»Dienstag.«
»Nein, das Datum meine ich.«
»Der erste.«
»Und der erste was ?«
»April.«
»Uuuund? Wofür ist der erste April bekannt?«
Leahs angespannte Gesichtszüge erschlafften. »Oh, das ist also nur ein Aprilscherz?«
»Ganz genau: Die Toten erwachen zum Leben – verarscht, verarscht.« Ron grinste überlegen.
»Aber das sah für mich nicht nach einem Scherz aus. Es kam mir sehr real vor.«
»Weiß du noch, als es einmal am ersten April hieß, die Liberty Bell hätte jetzt einen Sponsor und würde in Zukunft Taco Liberty Bell heißen? Was wir gerade gesehen haben, war genau das Gleiche. Dieser Nachrichtenbericht ist aber anscheinend in die Hose gegangen; sie hatten Tonprobleme und haben die Liveübertragung unterbrochen, worauf das Studio natürlich nicht vorbereitet war. Die Zombies wirkten echt, auch wenn es für mich ein bisschen gestelzt aussah, als der Typ wie bestellt aus der Gasse trat, um sich fressen zu lassen. Die hätten eindeutig ein besseres Drehbuch gebraucht.« Ron griff zur Fernbedienung und schaltete um. »Oh, Pulp Fiction , ich liebe diesen Film. Lass uns lieber den ansehen.«
Leah langte geistesabwesend in die Tüte und nahm sich etwas Popcorn. Sie kaute mechanisch, scheinbar ohne zur Kenntnis zu nehmen, was gerade auf der Mattscheibe vor sich ging.
»Rico, findest du nicht, dass es für heute Abend langsam reicht? Warum gehst du nicht nach Hause zu deiner Frau?«
James Connors, besser bekannt als Pop und der Besitzer von Pop's Lounge , stützte sich auf einem Ellbogen ab und lächelte, während er ein Auge halb schloss. In seiner Stimme schwang ein Hauch von aufrichtiger Besorgtheit mit – so wie immer. Im Laufe seiner vierzig Jahre als Wirt einer Kneipe im Zentrum von Killeen hatte er bereits zahlreiche Lektionen fürs Leben gelernt, was die Macht der Suggestion betraf. Darauf zu achten, wie betrunken seine Gäste waren, spielte dabei eine wesentliche Rolle.
Rico verzog keine Miene, während er einfach durch den klein gewachsenen, rothaarigen Betreiber hindurchsah. Vor ihm auf dem Tresen standen sauber aufgereiht vier leere Schnapsgläser, wobei er sich gerade an dem Letzten festhielt, das er ungefähr fünf Minuten zuvor ausgetrunken hatte. Das leere Glas erinnerte ihn daran, wie er sich fühlte, während er es fest mit einer Hand umschloss.
»Rico … Hey, großer Junge. Was auch immer dir momentan die Laune verhagelt: Lass es einfach los.«
Keine Reaktion.
Rico wandte seinen Blick von James ab und starrte weiter ins Nichts.
»Du sitzt hier in deiner Polizeiuniform und besäufst dich. Was, wenn dein Vorgesetzter Wind davon bekommt? Du willst doch deinen Job wohl nicht aufs Spiel setzen.«
Der Officer blähte seine Backen auf wie ein Ochsenfrosch, sodass sein Mund immer breiter wurde, als ihm der Whiskey im Magen aufstieß und in seinem Rachen brannte. »Ich bin aber nicht im Dienst, also gib mir noch einen.«
»Du hast innerhalb der letzten Stunde fünf Stück getrunken. Ich kann dir nicht mehr geben. Als Wirt stehe ich gesetzlich in der Pflicht, einem Gast den Ausschank zu verweigern, wenn ich ihn für zu betrunken halte.«
»Scheiß auf das Gesetz.«
»Das kann ich nicht, Kumpel. Denn wir reden hier zufällig über meine Existenzgrundlage. Ich darf dich nicht so sehr abfüllen, dass du von hier losfährst und jemandem im Straßenverkehr verletzt. Würde das passieren, könnte ich hart zur Kasse gebeten werden und den Laden anschließend dichtmachen.«
Rico schloss seine Augen und schwebte sofort wie mit einem Raumschiff in anderen Sphären. Die Gespräche und die Musik im Lokal verstummten und wurden zu einer unheimlichen Stille. Er war zwar schon zuvor in seinem Leben allein gewesen, hatte sich aber noch nie derart verlassen gefühlt. Mit jeder Sekunde, die verging, schwand sein Lebenswille ein Stück mehr. Der Whiskey wog einfach nicht auf, was er verloren hatte, obwohl er es gehofft hatte. Sein vertrauter Freund, der seinen Schmerz linderte, hatte ihn letzten Endes im Stich gelassen. Er nahm das Glas in seine andere Hand und tippte dann beiläufig mit einem Finger dagegen.
»Sie ist nicht zu Hause«, antwortete er schließlich.
»Wer? Ach, deine Frau?«
»Sie ist nicht daheim; sie hat gesagt, sie kann nicht mehr mit mir zusammenleben. Schuld daran sei meine Trinkerei.« Rico richtete seinen Blick nun zum ersten Mal, seit er Platz genommen hatte, wieder auf Pop. In letzter Zeit tat er sich schwer damit, seinen Mitmenschen in die Augen zu schauen … er glaubte, sie würden ihn vielleicht nicht bemerken, wenn er sich ihnen nicht direkt widmete. Erkannte ihn nämlich jemand als das, was er tatsächlich war, würde er sich gezwungen sehen, das Problem anerkennen zu müssen. Pops irisches Grinsen löste bittere Emotionen in ihm aus. »Ich führe die Trinkerei nur auf meine Arbeit zurück. Scheiß auf den Job, scheiß aufs Gesetz; scheiß aufs Leben!«
Читать дальше