Die beiden sind nun schon seit über acht Jahren zusammen. Es war Liebe auf den zweiten Blick. Obwohl sie sich bereits einige Jahre kannten, funkte es erst als André, letzter Abkömmling einer ehemals verzweigten und wohlhabenden Familie, nach dem Tod seiner Mutter das Anwesen übernahm. Sie hatten nun oft miteinander zu tun und kamen sich zu ihrer eigenen Überraschung, sowie dem großen Erstaunen der Mitarbeiter, näher als vermutet. Letzteren war zwar Andrés sexuelle Orientierung durch seine häufigen Besuche nicht verborgen geblieben, da er nie einen Hehl daraus machte, aber niemals hätte jemand die gleiche bei Johannes vermutet. André war es auch zuzuschreiben, dass die Beziehung öffentlich wurde, da es keinesfalls in seiner Absicht lag, sich zu verstecken. Es hatte eine Weile gedauert Johannes, der sein Privatleben konsequent abschirmte, davon zu überzeugen, dass Offenheit der bessere Weg sei, um Gerüchten von vornherein die Grundlage zu nehmen. Wie sich bald herausstellte, war die Entscheidung goldrichtig, denn ihr Ansehen wurde in keinster Weise geschmälert. Auch den Mitarbeitern wäre es im Traum nicht eingefallen, eine despektierliche Bemerkung zu machen, denn es ist ein Privileg, in diesem Haus zu arbeiten und Diskretion ist ohnehin oberstes Gebot.
Allerdings wissen nur ganz wenige Gäste, die zum Freundeskreis zählen, von der Verbindung. Obwohl das Paar sie nicht verschweigt, wird sie auch nicht an die große Glocke gehängt, zumal ihre Aufgabenbereiche ohnehin unterschiedlich sind: Andrés Mutter, in deren Händen alle Fäden zusammenliefen, hatte ihren Sohn nach der Diagnose eines fortgeschrittenen Leberkarzinoms gebeten, die Geschäftsführung von Restaurant und Hotel zu übernehmen und er hatte es nicht übers Herz gebracht, abzulehnen. Keine einfache Entscheidung, denn als Geschichtswissenschaftler war er für die Redaktion des Feuilletons einer überregionalen Zeitung zuständig. Die Zusage, im Status eines freien Mitarbeiters weiter an deren Gestaltung mitwirken zu können, hatte den Ausschlag gegeben. Glücklicherweise blieb Zeit für eine gründliche Einarbeitung, sodass er nach dem Ableben seiner Mutter für die Aufgabe gerüstet war.
Johannes berührt Laura leicht am Arm. »Nun, wie sieht es aus, wollen wir ein Gläschen Champagner nehmen, bevor wir in die Unterwelt hinabsteigen?«
Sie winkt ab. »Nein, lieber nicht. Es gibt nachher noch genug Alkohol. Ich bin leider nicht diszipliniert genug, den Probeschluck wieder auszuspucken, wenn mir ein Wein besonders gut gefällt. Außerdem freue ich mich auf die Privatführung zu den Kostbarkeiten.«
Gut, dass wir nicht wirklich hinabsteigen müssen, denkt Laura, als der geräumige Aufzug ein Stockwerk tiefer gleitet, meinem Knie wäre das nicht gut bekommen. Kühle Luft schlägt ihnen entgegen, als sich die Tür öffnet und Laura zieht unwillkürlich ihren Mantel etwas enger um sich. Mehr als fünfzehn Grad werden es wohl nicht sein. Ein Glück, dass sie mit der Kleidung vorgesorgt hat, auch wenn die Temperatur im Probierraum etwas höher liegen dürfte.
Johannes hat die Führung übernommen. Seine weit ausholende Geste umfasst das ausgedehnte Gewölbe. »Mein Reich.« Stolz schwingt in seiner Stimme mit. »Du kennst es ja bereits.«
Ja, Laura kennt es und kann seinen Stolz nachvollziehen. Die Anzahl der Flaschen ist atemberaubend, aber noch atemberaubender ist, dass ihr Begleiter jede einzelne kennt, sie in der Hand gehalten, das Etikett betrachtet und Rückschlüsse auf den Inhalt gezogen hat. Er ist für den Einkauf und die optimale Lagerung verantwortlich. Weine aus ganz Europa sind hier versammelt, aber auch solche aus Kalifornien, Argentinien, Brasilien, Chile, Australien, Südafrika und Neuseeland, wo in den letzten Jahren riesige Kulturflächen mit Reben entstanden sind. Wenn auch ein großer Teil der Produktion zu gefälligen Industrieweinen verarbeitet wird, so sind doch auch Tropfen von ausgezeichneter Güte dabei, wie selbst Christoph zugeben musste, der oft genug monierte, dass ein großer Teil der Rotweine ›marmeladig‹ schmecke. »Die reinsten Fruchtbomben«, war sein häufig wiederkehrender Kommentar, »längst nicht so facettenreich wie die hiesigen Gewächse.« Laura jedoch konnte sich damit anfreunden, ihr gefallen die schweren Geschütze ausgesprochen gut zu kräftigen Fleischgerichten. Dies mag allerdings auch darauf beruhen, dass ihr kein so differenzierter Geschmacks- und Geruchssinn wie ihrem verstorbenen Mann und Johannes gegeben ist. Die beiden jedenfalls waren sich in ihrer Einschätzung einig und öffneten im privaten Rahmen nur in Ausnahmefällen einen Wein aus Übersee.
Als sie den größten Teil des Kellers durchschritten haben, deutet Johannes nach rechts. »Hier entlang. Um die Ecke gibt es ein kleineres Nebengewölbe, von dem man vermutet, dass es früher als Eiskeller diente.«
Nur wenige Schritte sind sie gegangen, als der Sommelier so abrupt innehält, dass seine Begleiterin fast gegen ihn prallt. »Was zum Teufel …« Er beugt sich vornüber. »Das darf doch nicht wahr sein! Sieh dir diese Bescherung an.«
Laura drängt sich an ihm vorbei und nimmt die Bescherung in Augenschein. Direkt hinter dem Eingang der offen stehenden, schmiedeeisernen Tür liegen in einer riesigen Pfütze die Überreste einer Weinflasche, von der nur das untere Drittel mit dem dicken Boden heil geblieben ist. Vorsichtig, um sich nicht die Schuhe zu beschmutzen, tritt sie hinzu und dreht mit spitzen Fingern eine Scherbe mit dem größten Teil des Etiketts nach oben.
»Ach du lieber Himmel!« So viel versteht sie von Wein, um einschätzen zu können, dass hier eine Menge Geld vernichtet wurde. »La Tache, Jahrgang 1961. Das ist ja wirklich ein Malheur. Burgund, wenn ich mich nicht irre?«
Es dauert einen Moment, bis Johannes die Sprache wieder findet. »Ja, Côte de Nuits, einer der teuersten Weine überhaupt. Viele dieses Jahrgangs gibt es nicht mehr. Wir wollten ihn irgendwann auf einer Auktion versteigern lassen. Einige Tausender hätte er auf jeden Fall gebracht.« Er fährt sich mit beiden Händen durch die Haare, sucht nach Worten. »Er war mir anvertraut, ich bin für ihn verantwortlich. Es ist mir völlig unbegreiflich, wie das passieren konnte. Nur ganz wenige haben einen Schlüssel. Ich natürlich, André und Marcel, der Küchenchef. So viel ich weiß, war keiner von beiden in der letzten Zeit hier und bei mir ist es auch schon eine Weile her.«
»Wieso Marcel? Der hat doch eigentlich hier unten nichts verloren.«
»Eigentlich nicht, aber auch er schätzt edle Tropfen und kauft ab und zu einen, wenn sich eine günstige Gelegenheit bietet. Sein Keller eignet sich nicht zur Lagerung und so bot ich ihm an, die Flaschen hier aufzubewahren.« Er deutet auf ein kleineres Regal. »Die gehören ihm. Es sind interessante Sachen dabei.«
Vorsichtig die Pfütze umgehend nähert sich Laura den Flaschen und betrachtet die Etiketten ohne sie zu berühren. »Überwiegend Bordeaux und viele aus den 80er Jahren«, stellt sie fest.
Johannes nickt. Er hat die Fassung wiedergewonnen. Das Gespräch über sein Lieblingsthema gibt ihm Sicherheit zurück. »Ja, das beste Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts. Außer 1984 – und auch der ist teilweise noch gut in Form, obwohl gegenteilig prognostiziert – alles sensationelle Jahrgänge, im tradierten Stil ausgebaut.«
Sie erinnert sich daran, dass auch Christoph von einem neuen Stil sprach, der sich Ende des vergangenen Jahrhunderts durchgesetzt habe, war aber nicht weiter in die Materie eingedrungen. Jetzt allerdings ergreift sie die Gelegenheit, nachzufragen. »Was ist heute anders?«
»Um die Weine dunkler und dichter zu machen, konzentriert man den Most durch Wasserentzug. Das bedeutet, dass nicht nur der Zuckergehalt höher ist, sondern auch die Säure, die Inhalts-, Farb- und Aromastoffe. Die Bordeaux früher Zeiten wiesen niemals den intensiven, fast ins Violette spielenden Rotton auf, sondern waren wesentlich heller. Engländer, als große Liebhaber dieser Weine, bezeichneten sie als ›Claret‹ und bis heute hat sich dieses Synonym für Bordeaux im anglophonen Raum erhalten.«
Читать дальше