Ruscha roch den Fisch. Und sie hatte Hunger. Aber der rauschende Bach machte ihr angst. Das Wasser schwappte gefährlich nah um den Stein, der vom Ufer aus nur durch eine schmale, flache Wasserrinne zu erreichen war. Und das traute Ruscha sich nicht.
Silm winselte vor Hunger. Aufgeregt tappelte er am Uferrand hin und her, tapste vor lauter Eifer mit einer Pfote versehentlich ins Wasser und zuckte zurück. Dann nahm er all seinen Mut zusammen und platschte spritzend auf den Stein.
Aufmerksam hatte Ruscha zugesehen. Und als ihr Bruder sich jetzt gierig über den Fisch stürzte, hielt sie es nicht länger aus. Vorsichtig schob sie ihren kleinen Körper vor: bis an das fremdartig Nasse. Es war ein sonderbares Gefühl an den Pfoten. Das Wasser plätscherte ihr um den Bauch. Sie strampelte nervös. Und mit einemmal spürte sie den Stein unter sich. Sie hatte es geschafft. Endlich konnte sie auch an dem Fisch knabbern.
Doch kaum hatte sie den ersten Bissen zwischen den Zähnen, da machte Silm eine unverhoffte Bewegung, stieß Ruscha heftig an. Der Stein war glitschig, und mit ihren nassen Pfoten konnte Ruscha sich nicht halten. Sie rutschte ab, klatschte in die flache Wassermulde hinter dem Stein. Spritzend schlugen die Wellen über ihr zusammen.
Eine Weile sah Ruscha nur gurgelnde Luftblasen, hörte das Brausen des Wassers und schluckte verzweifelt. Schließlich bekam sie den Kopf aus dem Wasser. Und sie schrie, schrie markerschütternd vor Angst.
Plötzlich sah sie ihre Mutter neben sich. Aber die Fähe tat nichts, blieb nur bei ihr. Hier konnte Ruscha nicht ertrinken; das Wasser war viel zu flach. Sie holte tief Luft. Und mit einemmal begann Ruscha zu paddeln, noch unbeholfen, aber sie fand Spaß daran. Und sie paddelte weiter. Ruscha hatte ihre Wasserscheu überwunden.
Neugierig sah Silm vom Stein aus zu. Er war froh, daß er den Fisch allein futtern konnte. Doch seine Mutter hatte anderes vor. Geschickt erkletterte sie den Stein, und Ruscha folgte ihr vorsichtig. Noch bevor sie ganz oben war, packte die Fähe Silm beim Genick und glitt mit ihm in den Bach. Nun mußte Silm baden. Er fiepte ängstlich und strampelte. Und Ruscha konnte in Ruhe den Rest der Äsche verspeisen.
Nach diesem Abend führte die Fähe ihre Kinder jedesmal gleich zum Waldbach. Und sie tat es jetzt auch morgens, bevor die Sonne aufging. In der Morgendämmerung aber war alles anders. Zwar strich mitunter noch ein verspäteter Waldkauz durchs Gezweig, doch hoch in den Wipfeln sangen schon die Amseln. Im Schilf erwachten die Stockenten. Und die großen schwarzen Rabenkrähen verließen ihre Nester und gingen auf Futtersuche.
Die Fähe wußte genau, daß ihren Kindern zu dieser Zeit kaum Gefahr drohte. Sie war eine wehrhafte Mutter. Und notfalls blieb noch die Flucht in den nahen Bau. Hier am diesseitigen Ufer des Oberen Sees war es ruhig, vor allem am Rautenbach. Selten nur kam ein Mensch in diese Gegend. Aber sie blieb wachsam. Erst wenn die Kleinen richtig schwimmen konnten, waren sie auch im Wasser sicher.
Noch aber war es nicht soweit. So geschickt erwachsene Otter sich schwimmend und tauchend im Wasser bewegten, alle Jungtiere müssen es erst mühsam lernen. Und Ruscha fand es sehr mühsam. Sie planschte lieber im flachen Wasser der Mulde hinter dem großen Stein, paddelte mit ihren kleinen Vorderpfoten munter darin herum und beobachtete interessiert die winzigen Bachflohkrebse zwischen den wedelnden Wasserpflanzen. Doch ihrer Mutter genügte das nicht.
Im Augenblick war sie allerdings mehr mit Silm beschäftigt. Ihm war es schon genug, daß er durch die schmale Wasserrinne zu dem großen Stein platschen mußte, wo seine Mutter die Futterportionen ablegte. Und er kreischte schauerlich, wenn die Fähe ihn gewaltsam untertauchte. Dann versuchte er so schnell wie möglich wieder an Land zu kommen. Selbst vom Planschen im Flachen hielt er nichts, das überließ er Ruscha. Silm war ausgesprochen wasserscheu.
Gerade war Silm wieder mal fluchtartig ans Ufer geflitzt, da kam auf dem Otterpfad zwischen dem Schilf ein großes schlankes Tier mit breitem Kopf und mächtigem Schnurrbart auf ihn zu. Es war der Otterrüde, der sich sichernd in der Nähe aufgehalten hatte. Und er kam immer näher, stieß dabei ein dumpfes, aber nicht unfreundlich klingendes Knurren aus seiner Kehle.
Silm erschrak. Ängstlich fiepend machte er kehrt. Der Otterrüde folgte ihm und schnappte verspielt nach seiner Schwanzspitze. Und Silm blieb gar nichts anderes übrig, als ins Wasser zu flüchten. Er paddelte verzweifelt. Schließlich rettete er sich zu Ruscha in die flache Wassermulde.
Jetzt lockte die Fähe ihre Kinder. Hier kurz vor der Mündung in den See floß der Rautenbach träge. Und er war tief genug zum Schwimmen. Immer wieder zog die Otterfähe mit schlängelnden Wellenbewegungen vor den Kleinen durchs Wasser und zeigte ihnen, wie ein Otter richtig schwimmt. Das sah sehr elegant aus und eigentlich recht einfach.
Doch Ruscha zögerte. Sie hatte Angst vor dem tiefen Wasser. Und Silm interessierte sich überhaupt nicht für den Schwimmunterricht seiner Mutter. Er beobachtete verängstigt den großen Otter, der vom Ufer aus zuschaute.
Das schien auch die Fähe zu beunruhigen. Sie schwamm hinüber und fauchte den Rüden an. Der Otter stieß einen kurzen Pfiff aus, glitt neben der Fähe ins Wasser und umkreiste sie mit fiependen Lockrufen. Doch die Fähe hatte weder Lust noch Zeit zum Spielen. Endlich gab der Otter seine Spielversuche auf und schwamm bachabwärts zum See.
Silm aber nützte die günstige Gelegenheit geschickt aus. Kaum sah er, daß seine Mutter nicht auf ihn achtete, sauste er an Land und verschwand zwischen dem raschelnden Schilf. Ruscha blickte ihm verdutzt nach. Sie blieb lieber in der Nähe ihrer Mutter. Und sie paddelte noch ein bißchen.
Inzwischen war die Fähe zurückgekommen. Mit einem Blick übersah sie die Lage. Und sie wußte wohl, wohin Silm verschwunden war. Sie packte Ruscha beim Genick und rannte mit ihr zurück zum Bau.
Silm lag flach auf dem Rücken im Gras, hielt den Schwanz zwischen den Vorderpfoten und spielte mit seiner Schwanzspitze. Und er ließ sich bei diesem Spiel auch nicht stören, als er seine Mutter kommen hörte.
Ruscha spürte, wie die Fähe sie vorsichtig absetzte. Und sie blickte zu Silm hinüber. Dann spürte sie die Zunge ihrer Mutter, die sie liebevoll ableckte und von oben bis unten putzte. Und Ruscha genoß das Gefühl von Zärtlichkeit.
Danach putzte die Fähe den kleinen Silm, dem überall Grashalme im nassen Fell klebten. Das dauerte eine Weile. Und er hielt ganz still.
Vom See her kam ein leichter Wind auf, strich leise raschelnd durchs Gezweig der Erle. Die ersten Sonnenstrahlen glitten durch die Wipfel. Es wurde Tag, ein heller blauer Frühsommertag. Ein Graureiher zog träge vorbei, vom Waldrand lärmte ein Eichelhäher. Und in den wärmenden Strahlen nahmen die drei Otter behaglich ein Sonnenbad.
Doch ihre Ruhe währte nicht lang. Über den Berghang hinweg näherte sich ein Geräusch, wurde lauter und mächtiger und schwoll an zu ohrenbetäubendem Dröhnen. Ein Düsenjäger donnerte im Tiefflug über den See. Aber das sahen die Otter schon nicht mehr. Voll panischer Angst flüchteten sie in ihren Bau.
Kurz nach Sonnenuntergang scheuchte die Fähe ihre Jungen wieder aus der Wohnhöhle. Dämmerung lag über dem Bach, eine Zwergfledermaus jagte am Ufer nach Insekten.
Ruscha beobachtete neugierig das seltsame Flattertier. Sie hatte ja noch nie eine Fledermaus gesehen. Doch ihre Mutter ließ ihr nicht viel Zeit dazu.
Plötzlich fühlte Ruscha sich ins Wasser geschubst. Sie strampelte aufgeregt, prustete und begann zu paddeln, den Kopf über Wasser. Dabei sah sie, wie die Fähe ihren Bruder Silm, der gerade wieder ausbüxen wollte, am Schwanz schnappte und hinter sich her ins tiefe Wasser zog.
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