Endlich hatte sie genug Milch im Bauch. Satt und zufrieden schloß sie die Augen. Ihre Mutter jedoch zog prüfend Luft durch die Nüstern. Im Kessel roch es nicht sehr gut. Da die Kleinen den Bau noch nicht verlassen konnten, mußte sie hier selbst für Sauberkeit sorgen. Und die war jetzt dringend nötig.
Plötzlich fühlte Ruscha sich von zwei großen Pfoten vorsichtig gepackt und von oben bis unten abgeschleckt, immer wieder, von der Nasenspitze bis zum Schwanz und vor allem am Bauch. Das war wie ein Spiel, sehr angenehm und kitzelte ein bißchen und tat sehr gut. Und Ruscha hielt ganz still.
Dann kam ihr Bruder dran. Doch Silm war dagegen. Er war noch immer nicht satt, hatte nur auf das Ende von Ruschas Putzerei gewartet. Ungebärdig versuchte er, sich den Pfoten seiner Mutter zu entwinden und nach einer Zitze zu schnappen.
Die Fähe zuckte zusammen. Die spitzen Milchzähne des Kleinen taten ihr weh. Und als Silm weiter so ungestüm drängelte, stieß sie ihn weg. Das mochte Silm gar nicht. Er strampelte wütend. Aber es half alles nichts. Erst mal wurde geputzt. Und Silm knurrte unwirsch.
Ruscha hatte sich vorsichtshalber in eine Ecke des Wohnkessels verzogen. Hier war sie einigermaßen sicher vor Silms strampelnden Pfoten. Aber sie vermißte die Wärme ihrer Mutter. Sie fiepte leise. Und als ihre Mutter mit Silm fertig war, kam sie zu Ruscha und tröstete sie liebevoll. Doch sie blieb nicht.
Enttäuscht starrte Ruscha in das Dunkel der Höhle. Kein Schimmer mehr fiel durch die Öffnung des Luftschachts. Die Dämmerung hatte eingesetzt. Von irgendwo oben hörte sie einen leisen Pfiff. Und ihre Mutter wurde unruhig.
Mit einemmal vernahmen die beiden Kleinen ein seltsames Geräusch. Es klang wie das schwache Plätschern von Wasser. Die Fähe hatte den Kessel durch den Ausgang zum See verlassen. Doch das wußten die beiden nicht.
Sie spürten nur, daß sie allein waren. Langsam kroch Ruscha zu Silm hinüber, um sich an seinem kleinen Körper zu wärmen. Jetzt war Silm ganz friedlich. Er mochte die Wärme seiner Schwester und ihre vertraute Nähe. Auch er wollte nicht allein sein. Und so trösteten sie sich beide gegenseitig in ihrer Einsamkeit.
Allmählich gewöhnte Ruscha sich an den Tagesverlauf. Wenn der helle Schimmer verlöschte, verschwand auch ihre Mutter. Und wenn der Schein durch den Luftschacht zu schimmern begann, kehrte ihre Mutter zurück. Erst dann gab es Milch. Und so lange mußte sie eben warten.
Inzwischen waren die beiden Kleinen schon etwas größer und selbständiger geworden. Und auch ihr Schnurrbart war gewachsen. Zwar blieben ihre Bewegungen noch ein wenig unbeholfen, doch ihre Neugier nahm immer mehr zu.
Und Ruscha war sehr neugierig. Aufmerksam untersuchte sie ihren kleinen Körper, knabberte an ihren Pfötchen und spielte mit ihrem Schwanz, wie es auch ihre Mutter oft mit ihr getan hatte. Dabei legte sie sich auf den Rücken, hielt den Schwanz zwischen ihren Vorderpfoten, wedelte damit herum und biß ab und zu ein wenig hinein. Das machte ihr Spaß.
Ihrem Bruder jedoch machte das auch Spaß. Nur begnügte Silm sich nicht mit seinen eigenen Körperteilen. Mit Vorliebe zwickte er seine Schwester in den Schwanz und manchmal auch in die Oberlippe. Dann versuchte Ruscha ihn mit ihren kleinen Pfoten abzuwehren. Und wenn ihr das nicht gelang, biß sie ihn einfach irgendwohin: ins Ohr oder in die Nase oder in die Schwanzspitze, die sie am ehesten erwischte. Und Silms Schwanz gefiel ihr besonders.
Am wohlsten aber fühlte sie sich, wenn sie beide mit ihrer Mutter zusammenlagen. Dann spielte einer mit dem anderen. Manchmal wußte Ruscha gar nicht, wer gerade an etwas von ihr herumknabberte. Und wenn ihre Mutter nicht da war, wartete sie ungeduldig auf ihre Rückkehr.
Eines Abends, als die Fähe wieder einmal den Bau verließ, hatte Silm einen Einfall: Kaum war seine Mutter durch die Röhre zum See verschwunden, krabbelte Silm hinterher. Er wollte herausbekommen, was sich hinter dem Gang befand. Vorsichtig kroch er auf seinen kurzen Beinen hinein, immer weiter. Dabei gelangte er allmählich abwärts. Und hier wurde es feucht.
Silm zögerte. Doch seine Neugier war stärker. Seine kleinen Pfoten patschten vorwärts. Und schnuppernd schob er seine Nase tiefer in den Gang. Hier roch es nach feuchter Erde. Plötzlich zuckte Silm zurück. Seine Schnauze hatte etwas Unbekanntes berührt. Und das war kühl und sehr naß. Und sein kleiner Schnurrbart auch.
Erschrocken versuchte Silm, rückwärts zu kriechen. Doch das ging nicht. Der Gang hinter ihm war verstopft. Silm knurrte und begann aufgeregt mit dem Schwanz zu fuchteln.
In diesem Augenblick ertönte ein ängstliches Fiepen. Ruscha war ohne Zögern hinter Silm in den Gang gekrochen. Und jetzt bekam sie seinen fuchtelnden Schwanz um die Ohren. Sie wollte ausreißen. Aber rückwärts ging das nicht so schnell. Und umdrehen ging auch nicht. Außerdem war es dunkel.
Jetzt begann Silm zu strampeln, immer wilder. Doch nun spürte Ruscha mehr Raum um ihr Hinterteil. Sie hatte das Ende des Ganges erreicht. Aufatmend wandte sie sich um und flüchtete in die Wohnhöhle.
Nach einer Weile kam auch Silm zum Vorschein und schüttelte sich heftig. Wassertropfen spritzten von seinem Schnurrbart. Ruscha duckte sich entsetzt. Und Silm begann, eifrig seine nassen Pfötchen zu lecken.
Er war noch nicht ganz fertig damit, da kam unerwartet seine Mutter zurück. Sie trug eine junge Forelle in der Schnauze, die sie im Bach gefangen hatte. Leise winselnd legte sie den Fisch auf den Boden und zerteilte ihn.
Die beiden Kleinen stutzten. Sie wußten nicht recht, was sie mit dem Fisch anfangen sollten. Schließlich waren sie bisher nur Milch gewöhnt.
Silm streckte vorwitzig seine Nase vor. Die kleine Ruscha aber war mutiger. Erst leckte sie an dem unbekannt riechenden Ding, dann lutschte sie ein bißchen an einer Flosse. Und das schmeckte ihr.
Inzwischen hatte Silm nach dem Fischmaul geschnappt und knabberte neugierig daran herum. Ein Stück abbeißen konnte er noch nicht.
Trotzdem war die Fähe mit ihren Kindern zufrieden. Sie spürte, daß ihre Milch weniger wurde. Die Kleinen sollten sich allmählich schon an feste Nahrung gewöhnen, auch wenn sie noch weiterhin Milch bekamen. Und lange würde es nicht mehr dauern, bis sie richtig zubeißen konnten. Das war heute nur eine erste Kostprobe.
Sie warf noch einen fürsorglichen Blick auf ihre spielenden Kinder, dann verschwand sie wieder in der Röhre, um ihren eigenen Hunger zu stillen. Und zurück blieb ein angenehm duftender Fisch.
Von nun ab brachte die Fähe von ihren Jagdzügen immer ein paar appetitliche Happen mit in den Bau. Meist spielten die Kleinen erst ein bißchen damit, bevor sie zu lutschen und vorsichtig zu knabbern begannen. Und manchmal blieb schon ein Stückchen zwischen ihren Zähnen, das sie gierig hinunterschlangen.
Die beiden hatten immer Hunger. Und mitunter wurden sie von der Milch schon nicht mehr richtig satt, obwohl ihre Mutter genau darauf achtete, daß jeder die gleiche Portion bekam. Dann waren sie froh, wenn sie zusätzlich noch etwas zu knabbern erhielten.
Ruscha lutschte besonders gern. Silm aber konnte schon ganz gut knabbern. Immer wieder versuchte er, ihr die besten Brocken wegzuschnappen. Dann balgten sie sich. Doch meist blieb Silm der Sieger.
An diesem Abend jedoch kam die Fähe ohne Beute. Und sie kam nicht durch die Röhre vom See, sondern durch den Luftschacht, den sie sorgfältig erweitert hatte. Dabei bekam Silm einen Erdbrocken auf die Nase.
Verdutzt blickte Ruscha ihrer Mutter entgegen. Und sie wunderte sich noch mehr, als die Fähe sich mit einemmal über sie beugte und sie mit den Zähnen vorsichtig am Nackenfell packte. Aber sie hielt still, hing wie ein lebloses Fellbündel zwischen den scharfen Zähnen. Sie hatte Vertrauen zu ihrer Mutter, die sie nun durch den Luftschacht nach oben trug. Dabei wurde es immer heller. Plötzlich setzten die Zähne sie behutsam ab. Und Ruscha saß zwischen knorrigen Wurzeln im Gras.
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