Wenig später, nachdem sie Ina aufs Töpfchen gesetzt und angezogen hatte und mit ihr die Treppe hinunter wollte, hörte sie ersticktes Schluchzen und wütendes Gemurmel aus Andys Zimmer. Sie trat, Ina an der Hand, bei ihm ein.
Andy warf sofort seinen Oberkörper schützend über das Schulheft.
Aber Leonores Stimmung hatte sich geändert; sie war nicht mehr die strenge Schwester, sondern sie empfand Mitleid mit dem kleinen Jungen. „Na, geht es denn gar nicht?“ fragte sie milde.
Andy merkte sofort den Umschwung. „Ich kann nicht“, heulte er verzweifelt, „ich gebe mir solche Mühe – aber ich kann einfach nicht!“
Leonore zog das Heft unter ihm fort. Was Andy sich da geleistet hatte, war wirklich grauenhaft. Er hatte noch viel schlechter geschrieben als beim ersten Mal und zudem noch Tintenkleckse und Schmierspuren in die kurze Arbeit hineinfabriziert.
Sogar Ina, die sich auf die Zehenspitzen gereckt und zwischen Leonore und das Heft geschoben hatte, runzelte das Näschen und sagte: „Pfui bah!“
„Du hast es gerade nötig!“ schrie der Junge.
„Eine Meisterleistung ist das wirklich nicht“, erklärte Leonore in überlegenem Lehrerinnenton.
„Aber wenn ich es doch nicht besser kann!“ Andy drückte die Lider ganz fest zusammen, um die versiegenden Tränendrüsen zu erneuter Produktion anzuregen.
„Laß mich mal!“ Leonore schob ihn beiseite und setzte sich selber an das Pult; wieder zog sie einen Diagonalstrich durch die mißglückte Arbeit.
Aber Andy nahm es gelassen, wenn auch schluchzend hin; er kannte seine Schwester viel zu gut, um nicht zu wissen, was jetzt kam.
„Ich mach’s dir“, sagte sie und begann, indem sie seine kindlich runden Buchstaben sauber und genau nachahmte, den Text abzuschreiben.
Für sie war das eine Spielerei, und in knapp fünf Minuten hatte sie es geschafft.
Andy nahm strahlend sein Heft entgegen.
„Wie du das kannst! Jetzt kriege ich bestimmt eine Eins!“ Glücklich bestaunte er die Buchstaben.
„Lauser!“ Leonore gab ihm eine zarte Kopfnuß.
Er nahm es nicht übel. „Darf ich jetzt raus?“
„Aber dalli, sonst ist die Sonne weg!“
Sie zog auch Ina, nachdem sie ihr zu trinken gegeben hatte, für einen Spaziergang an, hinterließ einen Zettel für die Mutter und brachte die Schwester zum Spielplatz im Stadtpark.
Ina hätte zwar genausogut mit den Nachbarkindern vor dem Haus auf dem Bürgersteig spielen können, denn sie hatte schon gelernt, daß man nicht auf die Fahrbahn laufen durfte, selbst dann nicht, wenn ein Ball fortrollte, aber Leonore nahm ihre Verantwortung sehr ernst. Die Mutter hatte ihr aufgetragen, auf Ina aufzupassen, also durfte sie sie nicht sich selber überlassen. Im Garten wäre die kleine Schwester natürlich ganz sicher gewesen, aber das war nun wieder Ina zu langweilig.
So verbrachte Leonore denn diesen schönen Herbstnachmittag zwischen Müttern und Kinderschwestern auf einer Bank am Spielplatz, behielt Ina im Auge und versuchte gleichzeitig Mathematik zu lernen, während Erwachsenengespräche an ihr vorbeiplätscherten. Sie dachte an ihre Freundinnen, die sich jetzt sorglos im Schwimmbad tummelten, und kam sich ungeheuer alt und erfahren vor.
Tat es ihr leid, nicht bei den anderen zu sein? Ein ganz klein wenig schon. Aber stärker war ihr Gefühl, ihnen überlegen zu sein. Sie war seit eh und je die Stütze ihrer Mutter gewesen, und als Frau Müller – das war jetzt schon über ein Jahr her einen – Unfall gehabt hatte und monatelang im Krankenhaus liegen mußte, hatte sie den Haushalt und die Sorge für die Geschwister ganz allein bewältigt. Seitdem war sie kein Kind mehr, so glaubte sie jedenfalls selber, und konnte nie mehr richtig unbekümmert sein.
Natürlich war es langweilig, still und stumm auf der Bank zu sitzen und sich anhören zu müssen, was ihre Nachbarinnen sich über Kinderkrankheiten erzählten, und mit dem Lernen kam sie dabei auch nicht recht weiter.
Aber als sie später nach Hause kam, Ina müde und befriedigt von dem kleinen Ausflug, und die Mutter ihre Große in die Arme nahm und sie mit einem dicken Kuß für die Entlastung belohnte, da war auch dieses kleine Bedauern verschwunden.
Leonore war sicher, daß sie alles recht gemacht hatte. Mehr denn je wollte sie bleiben, was sie schon seit langem war: ein Vorbild für ihre Geschwister und ihre Freundinnen. Das gab ihr ein wunderbares Gefühl der Überlegenheit, das sie mit Stolz erfüllte.
Ein paar Tage später kam Leonore zu spät zur Schule.
Das passierte ihr nicht eben selten. Zwar pflegte sie abends immer ihre Schultasche zu packen und die Kleider für den nächsten Tag zurechtzulegen, stand morgens auch stets pünktlich, eher überpünktlich auf, aber immer wieder machte ihr jemand aus ihrer großen Familie einen Strich durch die Rechnung. Mal bekleckerte Andy sich von oben bis unten und mußte in Windeseile umgezogen werden, mal brauchte einer der großen Brüder sie unbedingt, und mal hatte die Mutter noch einen dringenden Auftrag für sie.
Wenn sie dann klagte: „Aber jetzt doch nicht … Ich komme zu spät zur Schule!“ hieß es immer nur: „Ach was, du schaffst das schon noch!“
Und Leonore schaffte es auch meistens, wenn auch mit hängender Zunge und auf den letzten Drücker.
An diesem Morgen war ihrem Bruder Paul das Schnürband gerissen, und während er versuchte, es zu knoten, war Leonore davongestoben und hatte ein neues gesucht. Als sie damit ankam, war Paul das alte zum zweitenmal geknackst; er wollte es rasch aus den Ösen ziehen, aber er war so nervös, daß er damit nicht zurechtkam.
„So was Idiotisches!“ schimpfte Zwilling Peter. „Augerechnet jetzt muß dir das passieren! Du hättest doch längst merken müssen, daß das Ding morsch ist!“
„Schrei nicht rum, hilf mir lieber!“ parierte Paul.
Aber dann war es natürlich doch wieder Leonore, die einsprang. „Los, zieh den Schuh aus!“ befahl sie.
„Zieh doch einfach deine Sandalen an!“ schlug Peter vor.
„Bei dem Wetter?“ gab Paul zurück. „Es gibt Regen.“
„Ist doch egal. Hauptsache, wir kommen pünktlich.“
„Wieso wir? Tu doch nicht so, als wenn du auf mich warten müßtest!“
Während die Brüder sich noch zankten, hatte Leonore den alten Schnürsenkel entfernt und den neuen eingezogen. „Da hast du!“ sagte sie, half Paul in den Schuh und band ihm eine Schleife.
Die Brüder verloren kein Wort des Dankes, sondern stoben davon.
Leonore stellte entsetzt fest, daß der Schuh schmutzig gewesen war; sie mußte sich erst noch die Hände waschen, bevor sie das Haus verlassen konnte.
„Beeil dich!“ drängte die Mutter – aber dadurch ging es auch nicht schneller.
Es hatte schon zum zweitenmal geklingelt, als sie die Parkschule erreichte. Sie keuchte die Treppe hinauf. Die meisten Türen waren schon geschlossen. Sie jagte den langen lichten Gang entlang und sah gerade noch, wie auch die Türe zu dem eigenen Klassenzimmer ins Schloß fiel. Das bedeutete für sie so klar und deutlich, als wenn es ihr jemand ins Ohr geflüstert hätte, daß Herr Alte, der die erste Stunde hatte, schon drinnen war und mit dem Unterricht begonnen hatte. Nur noch eine winzige Chance bestand, sich vielleicht doch noch im letzten Augenblick auf seinen Platz drücken zu können.
Leonore wollte die Türe aufreißen und – hielt die Klinke in der Hand.
Auch das noch! Ohne Aufsehen konnte sie nun keinesfalls mehr in das Schulzimmer. Sie holte tief Atem und dachte sich eine artige kleine Entschuldigung aus. Drinnen war es ganz still. Zaghaft klopfte Leonore an. Nichts rührte sich. Noch einmal klopfte sie, kräftiger.
Jetzt wurde die Türe so ruckartig geöffnet, daß sie beinahe in das Klassenzimmer gepurzelt wäre. Gleichzeitig schallte ihr brausendes Gelächter entgegen.
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