Auch wenn es Jens Kraft Dinesen trotz geringer Erfolgsaussichten in einer von vernichtenden Kriegen geprägten Zeit gelang, sich die Welt eines grundsoliden Herrensitzes zu schaffen, trat er nicht »in die Fußstapfen seines kühnen Vaters, sondern führte das ruhige, behagliche Leben eines Gutsbesitzers«, wie einer seiner Nachfahren schreibt.
Jens Kraft Dinesens größte und gewagteste Eroberung scheint die Offizierstochter Ulrica Birgitte Christine Göring gewesen zu sein, die er 1795 heiratete. Sie kam aus einer bekannten deutschen Offiziersfamilie (war allerdings nicht verwandt mit dem berüchtigten Hermann Göring), die seit dem Ende des 17. Jahrhunderts dem dänischen König gedient hatte. Ihr Großvater war in königlichen Diensten gefallen. Ulrica brachte militärische Traditionen und ohne Zweifel auch Geschichten über kriegerische Taten mit in die Familie Dinesen, die bis dahin nur aus friedlichen Landwirten bestanden hatte. Diese Erzählungen und Geschichten über die mächtigen Männer des dänischen Hochadels, die einst auf Kragerup residiert hatten, wurden den Kindern zweifellos wieder und wieder erzählt. Erzählungen, die der drittälteste Sohn geradezu aufsaugte und von denen er geprägt wurde.
Im Gegensatz zu seinem Vater, Jens Kraft Dinesen, hatte dieser drittälteste Sohn, A.W. Dinesen, alles andere als ein ruhiges Gemüt. Er war, wie sein Großvater Anders Dinesen, nicht zu zähmen, um es mit einem Wort zu sagen.
Das Erbfolgegesetz schrieb vor, dass der älteste Sohn Gut und Boden erbte, und weil A.W. Dinesen nicht der Erbe von Kragerup war, schlug er, wie viele andere jüngere Brüder in aristokratischen Familien, eine militärische Laufbahn ein. Es war ein Weg, der sich anbot, auch weil durch seine Mutter Offiziersblut in die Familie gekommen war. Im Alter von nur zehn Jahren wurde A.W. Dinesen nach Kopenhagen auf einen militärischen Vorbereitungslehrgang geschickt. Er sollte der erste Offizier in der Dinesen-Familie werden.
A.W. Dinesens Kindheit und Jugend waren wesentlich von Krieg und Kriegswesen geprägt. Der unersättliche Eroberungsdrang Napoleon Bonapartes – bald Kaiser Napoleon – hatte Europa in diesen Jahren in einen nahezu dauerhaften Kriegszustand versetzt, wodurch sich der Doppel-Monarchie Dänemark-Norwegen mit ihrer relativ mächtigen Flotte keine Möglichkeit bot, neutral zu bleiben. Entweder stand man auf der einen oder auf der anderen Seite der kriegführenden Parteien.
A.W. Dinesens Geburtsjahr wurde für Dänemark zu einem annus horribilis . Im Spätsommer 1807 beschossen die Briten, die eine dänische Neutralität nicht akzeptieren wollten, Kopenhagen und erbeuteten die dänische Flotte. Ohne seine dreißig starken Linienschiffe und Fregatten hatte Dänemark jegliches machtpolitische Potenzial eingebüßt. Die stark geschwächte dänische Monarchie schloss ein Bündnis mit Frankreich. Diese Allianz brachte jedoch nur neues Unheil. Im Jahr 1813 musste die dänische Monarchie den Staatsbankrott erklären, und 1814 wurde sie gezwungen, Norwegen abzutreten. Mit äußerster Kraftanstrengung kämpfte Dänemark darum, diese Katastrophen zu überleben. So war es denn auch ein verwundetes, schwaches und ausgesprochen verarmtes Reich, in dem A.W. Dinesen aufwuchs.
Aber das Land verlor nicht seinen Selbsterhaltungstrieb. Nach dem Wiener Frieden von 1815 waren der dänische König und seine Minister fest entschlossen, dass Dänemark zumindest einen Teil seiner verlorenen Macht wiedergewinnen sollte. Es wurden große Pläne für den Wiederaufbau der Flotte geschmiedet, außerdem wollte der dänische Staat ein taugliches Heer, das im Kriegsfall auf 60 000 Mann verstärkt werden konnte. Man hoffte, mit einer solchen Truppenstärke eine erneute Katastrophe abwenden zu können, falls Dänemark wieder zum Spielball im Streit der Großmächte werden sollte.
Auch wenn die Größe des Heeres in Friedenszeiten bescheiden war, so spielte das wachsende Offizierskorps eine herausragende und sichtbare Rolle im gesellschaftlichen Leben Dänemarks. Außerdem war mit einer militärischen Karriere erhebliches Prestige verbunden.
Als A.W. Dinesen den militärischen Vorbereitungslehrgang abgeschlossen hatte, wurde er an die Artilleriekadetten-Schule aufgenommen, die sich in der alten Kanonengießerei, dem Gjethuset am Kongens Nytorv befand. Hier zeigte sich, dass Dinesen über ein glänzendes Talent für das Kriegshandwerk verfügte. Er wurde schnell befördert. 1823 wurde er Stückjunker (der niedrigste Offiziersgrad in der Artillerie), und 1827 war er bereits Leutnant.
Aber auch wenn A.W. Dinesen der geborene Soldat zu sein schien, hatte er bei Weitem nicht nur Pulver und Blei im Kopf. Er wuchs in einem Staat auf, in dem Kunst und Geistesleben wie in einer Art kollektiver Trotzhaltung gegen alle Zerstörungen durch die Napoleonischen Kriege blühten. Dänemarks Goldenes Zeitalter war angebrochen. Die Romantik, die sich überall in Europa Geltung verschaffte, hatte ihre Blütezeit in der Zeit der Napoleonischen Kriege und in den darauf folgenden Jahrzehnten. Sie durchdrang alle Genres der Kunst und Kultur – von Poesie, Literatur und Malerei bis hin zu Architektur, Philosophie und sogar den Naturwissenschaften.
Die Romantik suchte die Anmut, die Harmonie, das Große, das Schöne, das Vollendete, das Ideal, das Heroische und das Göttliche, die Inspiration und das Himmlische. Somit stand sie in scharfem Kontrast zu der gewaltsamen Zerstörung, Unruhe und Unsicherheit, die das Wüten der Napoleonischen Kriege hinterlassen hatte. Ungeachtet ihrer bescheidenen Größe vermochte die geschrumpfte dänische Monarchie eine lange Reihe glänzender Künstler, Denker und Naturwissenschaftler hervorzubringen: Bertel Thorvaldsen, C.W. Eckersberg, Adam Oehlenschläger, Hans Christian Andersen, Søren Kierkegaard, H.C. Ørsted und M.G. Bindesbøll, um nur einige wenige der bekanntesten zu nennen.
Die Pflege des Großen und Schönen durch die Romantik – und diese Hingabe an Kunst, Kultur, Poesie und Literatur – hinterließ einen tiefen Eindruck auf A.W. Dinesen. Er war nicht nur von dem Gedanken beseelt, ein unvergleichlich tüchtiger Offizier zu werden, sondern auch seinen Hunger nach Wissen und Bildung zu stillen. Und dafür gab es nur eine Möglichkeit: Er musste hinaus in die Welt.
In den folgenden Jahren unternahm der junge Leutnant mit Unterstützung des Heeres unzählige Reisen kreuz und quer durch Europa. Zum Teil waren es militärische Erkundungen, bei anderen handelte es sich um kulturelle Bildungsreisen. Die meisten Reisen unternahm er in Gesellschaft junger Aristokraten, besonders oft zusammen mit dem gleichaltrigen Offizier, Adligen und Kammerjunker Laurentius Neergaard.
Der junge A.W. Dinesen besuchte Preußen, Österreich, die Schweiz, das Rheinland, Holland, Belgien, Tirol und Sizilien; er unternahm etliche längere Rundreisen durch Frankreich und Italien, wo er sich besonders von Paris und Rom angezogen fühlte.
Für A.W. Dinesen war und blieb Paris die wunderbarste Stadt der Welt. Aber die denkwürdigste seiner vielen Jugendreisen war die Reise, die er zusammen mit Neergaard und dem jungen Schriftsteller Hans Christian Andersen im Spätsommer 1833 von Mailand nach Rom unternahm. A.W. Dinesen und Neergaard hatten in diesem Sommer zufällig in einem Hotel in Paris neben Andersen gewohnt und beschlossen, die Reise gemeinsam fortzusetzen. Mit Andersens Worten bildeten sie »ein nordisches Kleeblatt«.
An seine Schwester Augusta schrieb A.W. Dinesen zu Beginn der Reise, er und Neergaard wären »mit dem Poeten Andersen zusammengetroffen, der sich vermutlich glücklich preist, durch dieses für Banditen so berüchtigte Italien in Begleitung von zwei Militärs weiterzureisen, er ist nämlich ein großer Poet, aber ein sehr kleiner Held«.
A.W. Dinesen hatte vollkommen recht. Der Dichter bewunderte den männlichen Dinesen, und als sich ihre Wege einige Monate später in Rom trennten, schrieb Andersen in sein Tagebuch: »Wie viel habe ich doch von diesem jungen, entschlossenen Menschen gelernt, der mich in meiner Hingabe an ihn so oft verletzt hat – hätte ich doch seinen Charakter, auch mit dessen Fehlern! Lebwohl D!«
Читать дальше