Dann, an einem Mittwoch, sagte Evelyn beiläufig beim Mittagessen, das Mutter und Tochter gemeinsam im holzgetäfelten gemütlichen Speisezimmer des Hotels einnahmen: »Heute Nachmittag möchte ich ein bisschen Schaufenstergucken gehen. Das heißt natürlich«, fügte sie lächelnd hinzu, »wenn du nichts dagegen hast, Mama.«
»Im Gegenteil«, sagte Magdalene freundlich, »ich halte es sogar für eine gute Idee.«
»Wirklich?« Evelyns Aufatmen war deutlich. »Ich denke, ich zieh’ dann so um drei Uhr los.«
»Schön«, sagte Magdalene, und nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: »Ich komme gerne mit.«
Evelyn errötete, sie öffnete den Mund, als ob sie etwas sagen wollte, presste aber sogleich wieder die Lippen zusammen.
»Oder hast du etwas dagegen?« fragte Magdalene mit gespielter Arglosigkeit.
»Nein«, sagte Evelyn. Und dann: »Aber ich dachte, du wärst mit der Gräfin Skada zum Pferderennen verabredet?«
»Bin ich auch. Aber das werde ich natürlich rückgängig machen. Falls du dich nicht doch entschließt, uns zu begleiten.« Evelyn ließ den Bissen, den sie schon auf die Gabel gesteckt hatte, wieder auf den Teller sinken. »Mama«, sagte sie, »warum tust du das?«
»Was, mein Liebling?«
»Warum spionierst du auf Schritt und Tritt hinter mir her? Glaubst du, ich sei ein Baby, auf das man aufpassen muss?«
»O nein. Aber ich habe mit deinem Vater über dich gesprochen. Und er ist genau wie ich der Ansicht, dass wir uns in letzter Zeit zu wenig um dich gekümmert haben. Das ist alles. Von Spionieren kann keine Rede sein.«
Evelyn steckte den Bissen in den Mund. Sie kaute lustlos. Oberhalb ihrer Nasenwurzel prägte sich eine scharfe senkrechte Falte in ihre glatte Stirn.
»Also, was ist dir lieber?« fragte Magdalene. »Dass ich dich begleite, oder …?«
Evelyn schien zu einem Entschluss gekommen zu sein. »Entschuldige bitte, Mama«, sagte sie, »aber darf ich mal telefonieren?«
Während Evelyn in die Halle ging, um anzurufen, bestellte Magdalene sich eine Tasse Kaffee. Sie bezweifelte keinen Augenblick, was dieses Telefongespräch bezweckte: Evelyn setzte sich mit dem jungen Mann, in den sie verliebt war, in Verbindung, um ihn nach seiner Meinung über die unerwartete Situation zu fragen.
Evelyns sanft gerötete Wangen und das Strahlen ihrer Augen verrieten die Wahrheit von Magdalenes Vermutung.
»Also gut, du kannst mich begleiten«, sagte sie fröhlich, als sie wieder ihrer Mutter gegenüber Platz nahm.
»Hat er es erlaubt?« fragte Magdalene mit leichtem Spott. Evelyn errötete noch stärker. »Ich verstehe gar nicht, was du meinst, Mama.«
Magdalene lächelte ihre Tochter versöhnlich an. »Macht nichts, Evelyn. Dafür verstehe ich um so besser.«
Später zog Magdalene Rott sich eilig um, immer in der uneingestandenen Furcht, dass Evelyn ihr doch noch entwischen könnte. Es war ein milder Frühlingstag, und sie wählte ein blauleinenes Kostüm, das die Farbe ihrer tiefblauen Augen besonders gut zur Geltung brachte. Befriedigt musterte sie ihr Spiegelbild. Die schweren Sorgen, die auf ihr lasteten, hatten es wenigstens noch nicht fertig gebracht, ihre Schönheit zu zerstören.
Evelyns Zimmertür war abgeschlossen.
Magdalene klopfte. Sie atmete auf, als Evelyn von drinnen antwortete: »Augenblick, Mama! Ich bin gleich so weit!«
Magdalene wollte nicht im Hotelflur herumstehen, und darum schritt sie die breite Treppe zur Halle hinunter, wählte sich einen Sessel, von dem aus sie Treppe und Lift gut im Auge behalten konnte.
Sie achtete nicht auf die gläserne Drehtür, die zur Straße hinausführte, und so schrak sie zusammen, als sie sich angesprochen hörte. Sie fuhr herum und erkannte Helga Gärtner.
»Entschuldige bitte«, sagte die Journalistin rasch, als sie das Entsetzen in Magdalenes Augen sah. »Ich wollte dich nicht erschrecken.«
»Warum lässt du mich dann nicht in Ruhe?«
Helga Gärtner ließ sich der früheren Freundin gegenüber in einen der bequemen Sessel sinken. »Du hast dich also verleugnen lassen?«
Magdalene zögerte. Sie bereute ihren Ausbruch, suchte nach Worten, um ihre Nervosität zu erklären. Dann aber war das Bedürfnis, reinen Tisch zu machen, stärker als alles andere. »Ja«, sagte sie.
Helga Gärtner zuckte mit keiner Wimper. »Das hatte ich mir gedacht.« Sie öffnete ihre schmale Aktentasche, fischte ein Zigarettenpäckchen heraus.
»Warum verfolgst du mich?« fragte Magdalene scharf.
Helga Gärtner zündete sich eine Zigarette an, blies den Rauch durch die Nase. »Das bildest du dir nur ein. Begreifst du denn nicht, dass ich dir nur helfen will?«
»Du – mir?«
»Ja. Ich habe etwas herausgebracht, von dem ich annahm, dass es dich interessieren würde. Wenn ich mich jedoch geirrt habe …« Sie machte eine Kunstpause, zuckte die Schultern. Magdalene beugte sich vor. »Über Udo?« fragte sie mit angstvoll gedämpfter Stimme. »Du hast dochl nicht etwa Nachforschungen angestellt, die …«
»Unsinn!« sagte Helga Gärtner rasch. »Was traust du mir zu? Ich habe durchaus begriffen, dass du dieses Kapitel deines Lebens als abgeschlossen betrachtest. Gerade deshalb …« Sie unterbrach sich wieder, diesmal aber nicht, um Magdalene neugierig zu machen, sondern weil ihr erst jetzt voll bewusst wurde, wie sehr ihre Mitteilung die Freundin aus vergangenen Tagen treffen musste!
»Sprich endlich! Willst du mich wahnsinnig machen?« drängte Magdalene.
»Ich habe vor ein paar Tagen die Listen der polnischen Handelsmission eingesehen«, sagte Helga Gärtner. »Jan Mirsky …« Magdalenes schönes Gesicht war fleckig geworden. »Er ist hier?« Sie schrie es fast, sah sich dann erschrocken um. Aber niemand hatte ihren Aufschrei beachtet.
»Nein, aber er kommt im Herbst. Das heißt, er soll kommen. Statt Dr. Mirnov. Ganz sicher ist das natürlich nicht. Diese Leute ändern ja ihre Pläne fortwährend. Aber ich dachte, du solltest es jedenfalls wissen.«
Magdalene presste die Handflächen gegeneinander. »Jan Mirsky …«, wiederholte sie tonlos.
»Du hast nie mehr etwas von ihm gehört?« fragte Helga Gärtner behutsam.
Magdalene schüttelte stumm den Kopf. Sie hatte ihre Lippen fest geschlossen.
»Er hat sich wie ein Schuft benommen«, sagte Helga Gärtner hart.
Jetzt endlich sprach Magdalene wieder. »Das habe ich damals auch gedacht. Aber später – da habe ich ihn verstanden. Ich war für ihn eben nur ein Abenteuer, das man am Rand mitnimmt. Wahrscheinlich haben die meisten Männer solche Dinge auf dem Gewissen.«
»Nein, das glaube ich nicht«, sagte Helga Gärtner entschieden. »Er musste wissen, wie viel du für ihn riskiert hast. Sich mit einem Polen einzulassen, galt damals ja geradezu als Staatsverbrechen. Er konnte nicht daran zweifeln, wie sehr du ihn liebtest.«
»Das bedeutete ihm eben nichts. Vergiss nicht, dass er eine zu starke Bindung an eine Deutsche auch fürchten musste.«
»Aber diese Bindung war doch schon da. Das Kind, der kleine Udo.«
Als Magdalene sie unterbrechen wollte, wehrte sie mit einer energischen Handbewegung ab. »Ja, ich weiß, das Kind war erst unterwegs. Aber wo ist denn da der Unterschied? Auch ein noch ungeborenes Kind ist im juristischen und moralischen Sinne – na, eben ein Mensch. Und gerade, als du es ihm sagtest, hat er sich doch aus dem Staub gemacht.«
»Er konnte – oder, bitte –, er wollte die Verantwortung nicht auf sich nehmen. Wie hätte er mir auch helfen können? An eine Heirat zwischen uns war ja nicht zu denken.«
»Merkwürdig«, sagte Helga Gärtner und beobachtete Magdalene scharf aus ihren hellen intelligenten Augen, »wieso nimmst ausgerechnet du ihn eigentlich in Schutz? Liebst du ihn etwa noch immer?«
Eine feine Röte stieg in Magdalenes Stirn. »Nein, ich versuche nur gerecht zu sein.«
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