1 ...6 7 8 10 11 12 ...19 »Renate, nun verstehst du, was wir tun: Frank kriegt die Patientendaten, lädt das Programm, und schon spuckt der Robotronrechner die Patienten aus, die ich unters Messer nehmen soll«, erklärte er wie im Halbschlaf.
Klaus lachte etwas zu laut auf, sah hinüber zu Peter, der halb im Sofa lag, und beschloss kurzerhand, sich neben Renate zu setzen. Sie schmunzelte versonnen, als sie die beiden Freunde an ihrer Seite spürte.
Nach der dritten Flasche Rotwein wollte sie wissen, ob sie sich schon mal wegen eines Mädchens gestritten hätten, worauf sich Frank und Klaus verwundert ansahen. Nein, kommt nicht vor, sagten ihre Blicke. Frank griente etwas breiter:
»Doch, einmal, als ich die perfekte Frau programmiert habe, aber Klaus dann ihre Adresse verloren hat.«
Amüsiert stellte Renate fest, dass es bei den beiden nicht nur in der Forschung munter zuging.
»Na, unsere Adresse werdet ihr wohl behalten können«, bemerkte sie wie nebenbei, worauf sich die beiden verlegen angrinsten.
»Peter, haben wir noch etwas zu trinken?«, schreckte sie ihren Mann aus seinem Dämmerzustand auf.
»Ja, natürlich. Noch einen Roten?«, fragte er träge.
»Peter, lass mal, ist schon spät und du hattest einen langen Tag«, wiegelte Frank ab und stand auf.
Renate zog einen Schmollmund, rutschte aber sofort vom Sofa. Klaus nickte beifällig und folgte ihr. Er hatte die letzten zwei Stunden wie angenagelt neben Renate gesessen, ihm war leicht schwindelig und sein Kreuz schmerzte vom aufrechten Sitzen. Seine Eindrücke waren so verschwommen wie sein vom Rotwein verschleierter Blick. Aus der Frau wird man nicht schlau, fand er. Alle bewegten sich zum Ausgang. Peter stand an der Tür, eine Hand auf der Klinke, als hielte er sich an ihr fest.
»Schön, dass ihr uns besucht habt«, murmelte er, als hätten sie ihm einen Dienst erwiesen.
Frank und Klaus nickten und streckten ihm gleichzeitig die Hand entgegen, übersahen aber Renate, die sich zwischen sie schob.
»Erst ich, dann euer Kollege«, sagte sie mit dunkler Stimme.
Die beiden ließen die Arme fallen und sahen sich unentschlossen an. Renate streckte Klaus die Wange entgegen, der die Andeutung eines Kusses wagte.
»Nun dein Busenfreund«, lächelte sie Frank sanft an und hielt ihm die andere Gesichtshälfte hin.
Er errötete und fühlte ihre Haut auf seinen Lippen. Peter verabschiedete seine Besucher mit einem lässigen Klaps auf die Schulter.
Sie standen vor dem Haus der Wohlfahrts und kamen nicht umhin, an der Fassade emporzuschauen, als fühlten sie Renates Blicke im Rücken. Schweigend liefen sie die Friedenstraße entlang, neben sich die Häuserreihe, auf der anderen Straßenseite den dunklen Park. Klaus blieb plötzlich stehen und starrte vor sich auf den Bürgersteig.
»Wusstest du, dass sich Peter so eine Kirsche geangelt hat?«, fragte er zögernd.
Frank stand neben ihm und sah geradeaus, als würde er sich etwas ins Gedächtnis zurückrufen. Sein eingemeißeltes Lächeln war während des Abends einem sanft verträumten Gesichtsausdruck gewichen, als folgte er einer bezaubernden Theateraufführung. Jetzt sah er plötzlich müde und unzufrieden aus. Ein Unbehagen stieg in ihm auf, das er so nicht kannte und sich nicht erklären konnte. Sie standen unbeweglich unter dem gleißenden Licht einer Laterne, das sie wie auf einer Bühne ausleuchtete. Zwei Männer, die sich plötzlich misstrauten. Es war noch warm und die Luft sehr klar. Frank warf einen stummen Blick auf seinen Freund. Hatten sie sich etwa zum ersten Mal in dieselbe Frau verliebt? Wortlos erreichten sie die U-Bahn am Alexanderplatz, gleich darauf saßen sie im leeren Abteil. Die Bahn verließ den Tunnel und sie schwebten über der Schönhauser Allee. Fast auf einer Ebene mit der ersten Etage der Häuserreihen glitt der Zug über die Hochgleise. Aus ihrem Abteil sahen sie in die Wohnzimmer. Es glich einer Geisterfahrt, wenn man das Gesicht an das Fenster presste. Die U-Bahn hielt an der Dimitroffstraße und sie verließen schweigend das Abteil. Sie stiegen die Stufen hinab auf die Schönhauser Allee, immer noch schweigsam, und gingen bis zur Kastanienallee vor, bogen stumm nach rechts ab und standen kurz darauf vor ihrem Haus in der Oderberger Straße. Es war im wahrsten Sinne des Wortes eine düstere Gegend, von den Fassaden bröckelte der Putz, die Straße war nur spärlich beleuchtet, es gab einige wenige Läden, um sich mit dem Notwendigsten zu versorgen. In diese Straße kam nur, wer einen Schlüssel für eine der renovierungsbedürftigen Wohnungen besaß oder das Hallenbad aufsuchen wollte. Es hatte zwei Weltkriege überdauert. Die Kinder der umliegenden Schulen kamen zum Schwimmunterricht und die Anwohner ohne eigenes Bad zum Duschen.
Ihre Wohnung lag zwar zum Hinterhof, war dafür aber ruhig und geräumig. Sie teilten sich drei Zimmer und das Bad, sogar eine Dusche war vorhanden. Jeder hatte sein eigenes Zimmer, eines bezeichneten sie als ihren Salon, da standen der Fernseher und der Plattenspieler. Sie hatten vier alte Sessel und ein schmales Sofa beim Gebrauchtwarenhändler aufgetrieben und alles neu beziehen lassen. Die Möbel waren der Lichtpunkt ihrer Wohnung, tiefrot war die Polsterung und jeder Besucher dachte sofort an einen Kinosaal. Klaus’ Vater hatte etwas beigesteuert. Kam er sie besuchen, und das tat er mit der Regelmäßigkeit eines Büroangestellten, so schritt er aufrechten Ganges schnurstracks in das Wohnzimmer und warf einen prüfenden Blick auf die Sofagarnitur. Das Zimmer seines Sohnes betrat er nie.
»Wollen wir noch ein Bier trinken?«, fragte Klaus, als sie unentschlossen in ihrer winzigen Küche standen.
Frank schüttelte langsam den Kopf und ließ sich auf den Küchenstuhl fallen. Er fühlte sich völlig zerschlagen, so als hätte er die Nacht durchgearbeitet.
»Komm, halbes Glas, auf die schöne Gattin unseres Herzspezialisten«, sagte Klaus etwas gekünstelt.
»Meinetwegen, auf Peters Glück«, murmelte Frank mit gesenktem Kopf und wunderte sich über seine Worte. Was geht mich sein Glück an, dachte er.
»Ehrlich gesagt, Peters Frau gefällt mir ziemlich gut«, wagte sich Klaus aus der Deckung, behutsam darauf bedacht, nicht ihren Vornamen auszusprechen.
Seine Stimme war gepresst, als müsste er eine innere Spannung unterdrücken. Frank sah kurz auf, als übermittelte man ihm eine schlechte Nachricht. Er stand langsam auf, stellte sich vor das Küchenfenster und blickte in den nachtschwarzen Hinterhof. Die grauen Mauern ähnelten matt erleuchtetem Asphalt. Klaus blickte benommen in sein Glas. Ihm schien, als würde er Renate durch den Bierschaum sehen und ihr Parfüm riechen.
»Ich bin verknallt oder besoffen«, murmelte er.
Hoffentlich nur besoffen, dachte Frank, die Lippen zu einem Strich gepresst.
»Wir sollten sie vergessen, Frank, das bringt doch nur Unruhe«, versuchte Klaus einen halbherzigen Rückzug. Statt zu antworten, verließ Frank wortlos die Küche.
Am späten Nachmittag des folgenden Tages saß Klaus grübelnd in seinem Arbeitszimmer und suchte im Telefonbuch die Nummer des VEB Kosmetik-Kombinat Berlin. Gegen siebzehn Uhr meldete die Sekretärin Frau Wohlfahrt, da sei ein Doktor aus der Akademie in der Leitung. Renate Wohlfahrt verdrehte die Augen. Das konnte ja nur ein Chemiker auf der Suche nach einer Kooperation sein. Seit einiger Zeit wimmelte es von Forderungen nach Praxiswirksamkeit der Forschung, wie ein Zauberspruch ging die Losung nach Überführung von Forschungsergebnissen in die Praxis umher, selbst die Produktion von Seifen und alkoholfreier Gurkenreinigungsmilch sollte wissenschaftlich durchdrungen werden. Lustlos nahm sie das Gespräch entgegen.
»Wohlfahrt am Apparat.«
»Hallo, hier ist Klaus Behrens«, meldete sich eine angenehm ruhige Stimme.
»Oh, der Biologe«, rief sie überrascht in den Hörer und bog die Schultern zurück. »Gut nach Hause gekommen?«
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