»Ich bin Biologe und arbeite die Blutproben von den Patienten auf, die Peter operiert«, umschrieb er leise seine Rolle und legte einen Finger auf seine Kinnkerbe.
»Oh. Davon müssen Sie mir später mehr erzählen. Peter spricht nicht viel über seine Arbeit, aber los, nun gehen wir mal endlich rein«, sagte sie und hakte sich schelmisch lächelnd bei ihrem Mann ein, der nachsichtig die Augenbrauen hob.
»Folgen Sie mir bitte, Frank und Klaus«, rief sie vergnügt über die Schulter.
Mit erstaunlich weiten Schritten marschierte sie mit Peter an der Seite durch den Korridor zum Wohnzimmer, dessen Tür weit offen stand. Klaus folgte ihnen mit gesenktem Kopf, seine Augen hafteten auf den hellen Kniekehlen der Gastgeberin, bis sie sich vor dem Esstisch postierte. Frank machte zwei Schritte, drehte sich dann um und schloss die Haustür.
Frau Wohlfahrt stand neben ihrem Gatten und strahlte den Besuch an, eine Hand ruhte auf ihrer Hüfte, ein Bein hatte sie leicht nach vorn geschoben, die Fußsohle war nach außen gerichtet wie bei einer Balletttänzerin, die sich zu einer Pirouette anschickt. Klaus und Frank warfen fast gleichzeitig einen verstohlenen Blick auf die Gastgeberin. Peter schielte einmal kurz zur Küche und wandte sich dann mit etwas leiernder Stimme an seine Gäste.
»Schön, dass ihr hier seid. Nun gehen wir erstmal zum Du über. Renate, das sind Frank und Klaus, wie du bereits weißt. Renate ist nicht vom Fach, stellt euch also darauf ein, ausgefragt zu werden. Und jetzt hole ich das Essen«, bemerkte er wie selbstverständlich und setzte sich in Bewegung, die verdutzten Blicke seiner Besucher im Rücken.
»Was machst du beruflich, Renate?«, platzte Klaus heraus.
»Ich bin gelernte Kosmetikerin, arbeite jetzt im Kosmetik-Kombinat Berlin. Leite dort eine Abteilung«, fügte sie hinzu.
»Oh, sehr interessant. Wo ist das?«, fragte Klaus, in Gedanken immer noch dem Rätsel nachgehend, wie Peter zu dieser Perle gekommen war.
»Mein Betrieb befindet sich in der Chausseestraße.« Sie sagte das wie nebenbei und in einem Ton, der wenig Interesse an der Vertiefung dieses Themas verriet.
Peter hatte einige Schüsseln und zwei Flaschen Rotwein in die Durchreiche gestellt, wobei er wie ein besorgter Koch einen letzten Blick auf seine Gäste warf, bevor er die Küche verließ und sich zu ihnen gesellte. Er stellte das Essen vorsichtig auf die schneeweiße Tischdecke, rückte noch einige Teller zurecht, richtete sich aufatmend auf und postierte sich wie ein Kellner neben seinem Stuhl. Renate stand mit gefalteten Händen am Tisch und erinnerte Klaus an ein Mädchen, das auf eine Einladung zum Tanz wartet. Frank stand am Fenster und war noch mit dem Ausblick auf den Friedrichshain beschäftigt. Renate setzte ein strahlendes Lächeln auf und bat mit einer eleganten Armbewegung zu Tisch, wobei sich ihre eng geschnittene Bluse verschob. Sie setzte sich als erste und legte ihre zarten Hände neben das Besteck. Klaus folgte wie hypnotisiert ihren Bewegungen und dem Sitz der Bluse. Er biss sich auf die Lippen und wandte den Kopf ab, kam aber nicht umhin, sie weiter aus den Augenwinkeln zu betrachten. Eine gewisse laszive Lässigkeit ging von ihr aus, wie sie mit halboffenem Mund vor den dampfenden Schüsseln saß. Klaus stockte der Atem.
»Wo soll ich sitzen, Renate?«, fragte Klaus und lauschte seiner Stimme, als fürchtete er, sie könne seine Gefühle verraten.
Frank drehte sich vom Fenster weg und sah sich neugierig um.
»Frank, genug geträumt, komm her zu meiner linken. Und Klaus zu meiner rechten Seite«, rief Renate in den Raum.
Sie schob sich leicht aus dem Sitz und breitete ihre Arme aus – wie Flügel, dachte Klaus, so weiß und makellos erschienen sie ihm. Franks Augen erhaschten einen Streifen nackten Bauch und für eine Sekunde kam es ihm so vor, als wölbte er sich ihm entgegen. Klaus setzte sich augenblicklich zu ihr, als fürchtete er um den freien Platz. Wie zwei Bräutigame, die um ihre Hand anhielten, flankierten Klaus und Frank Renate Wohlfahrt.
»Also, heute gibt’s was Schlichtes, aber sehr Feines. Peter hat Schnitzel Wiener Art und Kartoffeln zubereitet, als Beilage einen Gurkensalat«, stellte Renate das Menü ihres Gatten vor und wies mit der Hand auf ihn.
Ein nachsichtiges Lächeln erhellte sein Gesicht, als würde er das Lob eines Gastes entgegennehmen.
»Wir hatten nicht so viel Zeit heute«, bemerkte Renate, ihrem Mann einen verständnisvollen Blick zuwerfend.
»Wir hätten auch an einem anderen Tag kommen können«, nahm Frank den Hinweis auf.
»Nein, alles prima. Ich hatte nur Nachtschicht und dann musste ich noch einen Tag dranhängen, weil eine Kollegin erkrankt war«, wiegelte Peter ab.
»Du kochst gerne?«, fragte Klaus, wie um eine Unterredung in Gang zu bringen.
»Ja, schon, für mich ist es wie Erholung, eine schöne Ablenkung«, antwortete Peter.
Frank nickte verblüfft und strich sich die Haare aus der Stirn. Peter Wohlfahrt saß kerzengerade auf seinem Stuhl, zwar etwas blass und mit dunklen Schatten unter den Augen, aber offensichtlich recht zufrieden. »Klaus’ und Franks Gegenwart vertreibt jeden Trübsinn«, hatte er vorher gegenüber seiner Frau bemerkt. Sie hatte mit den Achseln gezuckt, als wäre das nicht wirklich ihre Sorge. Peter griff nach der Weinflasche und hielt sie fragend in die Höhe. Renate tippte lächelnd auf ihr Glas, woraufhin er langsam einschenkte. Klaus’ und Franks Blicke folgten der wortlosen Zeremonie.
»Ein schöner Rotwein, trinkt ihr doch?«, fragte Peter, noch mit der Flasche über Renates Glas.
Die beiden nickten brav und Klaus beobachtete, wie Renate mit drei Fingern ihrer rechten Hand das Glas festhielt, während ihre linke nach wie vor auf dem schneeweißen Tischtuch ruhte, über dem ihre lackierten Fingernägel wie frische Kirschen leuchteten. Als alle Gläser gefüllt waren, sprach Renate schmunzelnd in die Runde:
»Auf unsere Gäste und unseren Spitzenkoch, Prost!«
Das Schnitzel war zart, aber nicht zu dünn, um seinen Geschmack voll zu entfalten. Den Gurkensalat hatte Peter mit Smetana verfeinert und die Kartoffeln mit Petersilie bestreut. Es war still am Tisch, man hörte nur das Klappern der Bestecke und ein sanftes Schnalzen aus zufriedenen Mündern. Peter schaute fragend in die Runde.
»Schmeckt prima«, murmelte Klaus, seine schmale Nase näherte sich genießerisch dem Tellerrand.
»Finde ich auch«, bestätigte Frank prompt.
Renate warf einen lobenden Blick auf ihren Mann.
»Das ist von der Kugel, das Beste vom Schwein«, bemerkte Peter.
»Kugel?«, fragten Klaus und Frank unisono.
»So nennt man das Schulterstück, wenn man’s als Ganzes kauft. Gibt’s nur beim Fleischer.«
»Fleischer?«, wunderte sich Klaus, der nur seine Kaufhalle kannte.
»Rose, ein Privater am Nordbahnhof«, sagte Peter kurz, für den das Thema damit erledigt war.
Klaus und Frank warfen während des Essens immer wieder einen verstohlenen Blick auf Renate, die abwechselnd beide mit einem stillen Lächeln bedachte. Frank bildete sich ein, in ihm würden Fieberwellen aufsteigen. Der letzte Bissen war kaum runtergeschluckt, da erhob sich Renate.
»Kommt, wir setzen uns auf die Couch, jetzt will ich hören, was ihr mit diesen Herzschrittmachern zu tun habt.«
Klaus hätte gern noch etwas vom Gurkensalat genommen, aber Renate war bereits unterwegs, ebenso Frank, der ihr mit glänzenden Augen folgte. Das Wohnzimmer war für einen Neubau ziemlich geräumig, zwischen Esstisch und Sofaecke blieben Klaus genug Meter, um Renate nachzuschauen, wie sie mit festen Schritten den Raum durchquerte. Irgendwie erinnerte sie ihn auf einmal an eine Dompteuse, die ein Löwenrudel in Schach hält. Er sah Peter fragend an.
»Geh nur, Klaus, ich räume dann noch auf. Macht’s euch bequem«, ermunterte ihn Peter.
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