»Am nächsten Freitag passt es.«
Er glaubte zu hören, dass sie sich auf ihrem Stuhl bewegte. Rasch setzte er nach:
»Gut, dann halten wir doch den Achtzehnten fest.«
»Oh, dieser Freitag«, zwitscherte sie nach einer kleinen Pause, »ist ja mein Hochzeitstag.«
Nach einer erneuten Pause des Nachdenkens wiederholte sie: »Achtzehnter Juli Neunzehnhundertfünfundsiebzig.«
Bei Frank kam es so an, als hätte sie der Schreibtischkalender an den Termin erinnert. In Gedanken lief die Zahlenfolge durch seinen Kopf. Er schluckte bei dem Gedanken an ihre Hochzeit.
»Feiern wir zusammen. Welche Uhrzeit und Adresse?« Renate sprach jetzt wie eine Person, die es gewohnt ist, Anweisungen zu geben.
Frank war in Gedanken noch ganz bei ihrem Hochzeitstermin, der ihm so merkwürdig wie die Uhrzeit seiner Geburt erschien. Er besann sich und wiederholte mechanisch:
»Uhrzeit. Ist acht in Ordnung?«
»Klar.«
»Oderberger Straße vierundvierzig.«
»Am achtzehnten.«
»Sehr schön, tschüss dann.«
»Freu mich auch.«
Sie legte sofort auf, während er auf sein Telefon stierte, als hätte es ihm soeben ein großes Geheimnis anvertraut. Er griff nach seinem Kugelschreiber und notierte in seinen Schreibtischkalender: 18.7.1980. Er starrte auf die sieben Ziffern wie auf einen Code, der ein Geheimnis verbirgt.
Am Freitag der nächsten Woche standen Frank und Klaus wie zwei Kellner, die auf ihre Gäste warten, in der Küche, um einen letzten Blick auf den gedeckten Tisch zu werfen. Nachdem sie Peter mit seinen Kochkünsten überrascht hatte, fühlten sie sich herausgefordert. Die Revanche sollte gelingen, obwohl ihre Gedanken weniger um Peter und das Essen als um Renate kreisten. Sie sprachen ihren Namen nicht aus, doch sah sich jeder der beiden ihr gegenübersitzen. Für die Küche war Klaus verantwortlich. Er hatte, wie in ähnlichen Situationen zuvor, seinen Vater konsultiert, der natürlich wissen wollte, um wie viele Gäste es sich handeln würde. Klaus druckste herum, eigentlich hatte er nicht vor, seinem Vater zu beichten, dass er drauf und dran war, sich in eine verheiratete Frau zu verlieben. Ein Kollege und seine Frau kämen vorbei, wich er aus. Irgendetwas an der Stimmlage seines Sohnes ließ den Vater aufhorchen. Er hörte ja immer genau zu, wohl weil er befürchtete, etwas zu übersehen, was seinem Sohn auf die Füße fallen könnte. Er verkniff sich weitere Fragen, stattdessen empfahl er Kartoffelbällchen, die würde die Frau mögen, und Kasslerbraten, da könne man nichts falsch machen. Er erklärte ihm die Kartoffelbällchen:
»Kartoffeln weichkochen, dann zu Brei quetschen, das Ganze mit Salz, Pfeffer, Muskat, einem Ei und Mehl vermischen, auf dem Blech in geriebenen Semmeln zu Bällchen rollen. Dann ab in heißes Öl, schön aufpassen, dass sie innen durch sind. Also mit ’nem Zahnstocher prüfen.«
Es war ein schwülwarmer Juliabend und im Hinterhof bewegte sich kein Lüftchen. Durch das offene Küchenfenster sah man leichtbekleidete Menschen, die sich ab und an aus ihren Fenstern hinausbeugten, als suchten sie eine Abkühlung, nur um sich gleich darauf hastig zurückzuziehen, denn im Innenhof herrschte die Schwüle eines Gewächshauses.
Frank versuchte seit Stunden, die Ursachen seines Gefühlsrausches zu ergründen. Bin ich verliebt oder unterliege ich einer Sinnestäuschung, es wäre ja nicht das erste Mal, dass ich mich täusche, fragte er sich. Sie hat mich wie eine geheimnisvolle Verheißung in ihren Bann gezogen, und Klaus gleich mit, stellte er verblüfft fest. Jetzt werden wir gleich vor ihr stehen wie zwei Kerle, die um ihre Hand anhalten. Er kam sich vor, als wäre ihm ein Programmierfehler unterlaufen.
»Lass uns mal die Wohnungstür öffnen, vielleicht kriegen wir ein bisschen Durchzug«, unterbrach Klaus die Stille und setzte sich langsam in Bewegung.
Das kurzärmelige weiße Oberhemd klebte ihm am Rücken und er wollte gerade ins Bad abdrehen, da schrillte die Türklingel. Frank trat zu Klaus in den Korridor und einen Augenblick lang sah es aus, als wären sie sich nicht einig, wer Renate einlassen sollte. Frank ließ ihm mit einem gequälten Gesichtsausdruck den Vortritt. In seinem Rücken stehend musterte er die Wohnungstür wie ein Hindernis, das es zu überwindend galt.
»Dann wollen wir mal«, sagte Klaus, als würde er zum Angriff blasen.
Er blinzelte Frank nochmal zu, der mit einem gequälten Lächeln an der Wand lehnte, und riss die Tür auf. Vor ihm stand Renate und strahlte ihn mit einem triumphierenden Lächeln an, als wäre ihr eine besondere Überraschung gelungen. Klaus’ Lächeln gefror zu einem blöden Grinsen, hinter ihm reckte Frank den Hals und traute seinen Augen nicht.
Neben Renate stand breitbeinig ein unbekannter Mann. Er war etwa so groß wie Renate, allerdings doppelt so breit. Er hatte die Hände vor seinem Bauch gefaltet, wie es Leute tun, die gelassen einer Vorstellung folgen. Sein volles Gesicht verriet Willenskraft, die grauen Augen waren leicht zusammengekniffen und glitten an Klaus hinab. Der Mann war deutlich älter als sie, seine Gesichtszüge zeugten von Lebenserfahrung und einem ausgeprägten Selbstbewusstsein. Ohne die Lippen zu öffnen, rang er sich ein sparsames Begrüßungslächeln ab. Ich hoffe, ich störe nicht, schien es anzudeuten. Frank hatte sich gefangen und ging mit geneigtem Kopf auf Renate zu, die gerade Klaus die rechte Wange hinhielt.
»Schön, euch zu sehen!«, rief sie in sein glühendes Ohr, als wäre er der erste in einer Schlange von Leuten, die ihr ein Küsschen schenken dürfen.
An Klaus vorbei sah sie Frank an, der sein übliches Lächeln im Gesicht trug und in Gedanken bei dem unbekannten Mann war. Woher kommt der denn? Ist das vielleicht ihr älterer Bruder? Wo ist Peter? Wie Programmbefehle reihten sich die Fragen in seinem Schädel aneinander. Renate schob Klaus sanft zur Seite und streckte Frank wie zur Tanzaufforderung beide Arme entgegen. Sie neigte leicht den Kopf zur Seite. Unbeholfen beugte sich Frank hinab und seine Lippen streiften flüchtig ihre Haut. Ihm stieg das Blut in den Kopf und er fürchtete, ins Taumeln zu geraten. Sie trug eine offene schneeweiße Bluse und einen schwarzen engen Rock, der knapp die Kategorie Mini verfehlte. Irgendwie erinnerte sie Frank an ein Mädchen auf seiner Einschulungsfeier vor zweiundzwanzig Jahren. Renate lief flink in die Wohnung, während Klaus und Frank wie angewurzelt im Korridor standen und ihrem Rock hinterhersahen.
»Ich bin der Lothar Bäsler!«, riss sie eine hohe Baritonstimme aus der Lethargie.
Zu dem Mann hätte eher ein sonorer Tonfall gepasst, wie er korpulenten Männern, die sich gemächlich durchs Leben bewegen, eigen ist. Stattdessen meldete sich der Mann wie ein Feldwebel zu Wort.
»Abend, ich bin Klaus und das ist Frank, wir arbeiten mit Renates Mann zusammen«, sagte Klaus, als erklärte er seine Anwesenheit und erwartete Ähnliches von dem Gast.
»Alles bekannt, ich kenne dich und Frank aus Peters Berichten«, schnarrte Bäsler und ging wie selbstverständlich zum Du über. »Ich arbeite in derselben Klinik wie Peter, eine Etage über ihm, in der Chirurgie. Privat sind wir auf einer Ebene, ich bin nämlich Wohlfahrts Nachbar. So, dann zeigt uns mal euer Reich«, trompetete er, seinen Blick in die Wohnung gewandt.
Frank und Klaus warfen sich einen besorgten Blick zu.
»Und Peter, kommt der nach?«, fragte Klaus.
»Nee, der hat Nachtschicht.«
Die Auskunft klang so beiläufig wie die Bemerkung über eine Zugverspätung.
»Ach, ausgerechnet heute«, entfuhr es Frank, der sich an Peters Hochzeitstag erinnerte.
Lothar Bäsler marschierte in die Küche, sein Bäuchlein straffte das Oberhemd, den Kopf hielt er aufrecht, als ob er nach etwas Ausschau hielt. Renate inspizierte als erstes die Wohnung, im Schlepptau folgten wie zwei Reiseleiter Klaus und Frank.
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