»Was gibt’s denn heute Schönes zum Abendbrot?«, rief Lothar aus der Küche, ganz so, als käme er regelmäßig zum Essen vorbei.
Renate zog die Augenbrauen hoch, begleitet von einer zurechtweisenden Armbewegung.
»Das ist euer Wohnzimmer, und was kommt dahinten?«, fragte sie und streckte ihren nackten Arm aus.
»Ein kleiner Korridor und unsere Schlafzimmer.«
Sie hatten fast gleichzeitig geantwortet. Renate kniff leicht die Augen zusammen und deutete mit einem seitlichen Kopfnicken an, dass sie die ganze Wohnung interessierte.
»Hat jeder seins?«
»Ja. Willst du die auch sehen?«, wunderte sich Klaus, der sich nicht daran erinnern konnte, wann er dort zum letzten Mal aufgeräumt hatte.
Im Hintergrund dröhnte erneut Lothars Bariton:
»Nicht schlecht für zwei Junggesellen, drei Zimmer, Dusche und Küche. Kriegen eigentlich nur Nationalpreisträger oder Chefärzte!«
Oder Kinder von Staatsfunktionären, setzte Frank für sich hinzu. Bäsler gesellte sich zu ihnen und betrachtete eingehend die roten Sessel.
»Das war eine Ausbauwohnung. Wir mussten so gut wie alles instand setzen, Bad, Wasserleitungen, Elektrik, Malern«, rechtfertigte sich Frank.
»Schon gut, gönne ich euch doch, die Bude. Und du als Ingenieur verstehst ja was vom Handwerk.«
Lothar gab sich ganz jovial. Er trat näher und gab Frank einen Klaps auf die Schulter. Der zuckte leicht zusammen. Er bemerkte, dass Lothar über ihn unterrichtet war. Von wem wohl? Doch von Renate?
»Na los, nun zeigt uns noch den Rest«, sagte Renate in Richtung Schlafzimmer.
Klaus setzte sich in Bewegung, Frank zögerte und beschloss, ihm die Führung zu überlassen. In seinem Schlafzimmer befanden sich ein breites Bett und ein Tisch, den er zum Arbeiten benutzte. Das konnte sie seinetwegen sehen.
»Ich gehe in die Küche«, verlautete Lothar. »Schlafzimmer von Männern sind langweilig. Komm, Frank.«
»Willst du ein Bier?«, fragte Frank, der nervös auf die Rückkehr Renates wartete, während Lothar sich den Innenhof ansah.
»Ja, gern«, rief er über die Schulter.
»Auf welcher Station arbeitest du?«, fragte er pflichtschuldig.
Er hätte sich auch nach dem morgigen Wetter erkundigen können. Frank ahnte nicht, dass Lothar die Eigenart besaß, jedes Gespräch an sich zu reißen, sobald man ihm ein Stichwort gab.
»Ich bin Oberarzt auf der Chirurgie, operiere alles, was mir unter das Messer kommt. Am häufigsten Krebs, Magen, Darm, Bauspeicheldrüse, Kehlkopf und so weiter. Während des Studiums bin ich ’ne Weile Rettungsdienst gefahren, auch noch als Assistenzarzt …«
»Lothar, lass den Frank in Ruhe, er hat Feierabend«, unterbrach ihn Renate, die ihre Besichtigung beendet hatte.
»Ja, weißt du, Renatchen, der Frank hat sich doch erkundigt, was ich so treibe, von früh bis abends, und …«
»Lothar, mein Guter, heute wollen wir nicht über Krankheiten reden. Komm, setz dich hierher«, schnitt sie ihm erneut charmant das Wort ab.
Dabei fasste sie ihn wie ein störrisches Kind unter und führte ihn an den Tisch. Lothar brummte etwas in sich hinein und ließ sich auf den erstbesten Stuhl sinken.
»Nein, Lothar, bitte den anderen Stuhl. Und ich setze mich hierher, wenn’s recht ist«, befahl lächelnd Renate.
Nun saß er ihr nicht gegenüber, sondern an der Stirnseite des rechteckigen Tisches. Sobald seine Hände Messer und Gabel hielten, wurde deutlich, dass der massige Körper, in dem man auch einen Waldarbeiter hätte vermuten können, einem Arzt gehörte. Er führte Messer und Gabel wie ein OP-Besteck.
»Und der Frank sitzt dann da, und der Klaus dort«, fuhr sie mit erhobenem Zeigefinger fort, als wäre sie hier zu Hause.
»Wer hat nochmal gekocht?«, fragte sie.
»Ich, nach einem Rezept meines Vaters.«
»Na, Klaus, dann kann ja nichts schiefgehen.«
Klaus biss sich leicht auf die Lippen und nahm an der anderen Stirnseite Platz. Frank saß nun Renate direkt gegenüber. Es wurde ein entspannter Abend, obwohl Lothar wie aufgezogen redete. Renate lobte mit einem anerkennenden Blick auf Klaus die Kartoffelbällchen, während Frank mit gesenktem Kopf seinen Teller leerte.
Bäsler funktionierte wie ein Spielautomat, der mit jedem Münzeinwurf ein neues Stück abspielte. Den Männern war es nur recht, konnten sie sich doch in Gedanken Renate widmen. Frank sah ihr von Zeit zu Zeit in die Augen, sie erwiderte seine Blicke, ohne zu verraten, welche Gedanken sich hinter ihrer schönen Stirn verbargen. Klaus konnte sie nur von der Seite betrachten, es kostete ihn einige Anstrengung, sich dem Wunsch zu widersetzen, sich zu ihr zu drehen. Manchmal warfen sich Klaus und Frank einen verstohlenen Blick zu, als versuchten sie, die Gedanken des anderen zu erraten. Jedes Mal, wenn sie Frank ein sanftes Lächeln schenkte, glaubte er, seine Herzschläge würden Bäslers Bariton übertönen.
»Sag mal, Lothar, kannst du auch einen Schrittmacher ins Herz verpflanzen?«
Renates Frage kam so unerwartet und leise, als würde sich ein Kind nach einer Krankheit erkundigen.
»Renate, ich bitte dich: Ich entferne Tumore, verlege oder repariere Organe, schließe Wunden und lege Nähte. Na klar kann ich das, wenn ich’s mir einmal angesehen habe.«
»Und umgekehrt, kann Peter ein Organ verlegen?«
Lothar stieß ein triumphierendes Lachen aus.
»Nee, kann er natürlich nicht so ohne weiteres. Ich kann aber auch nicht am Herzen operieren«, fügte er wie zum Schutz seines Kollegen hinzu. »Die Chirurgie ist kein Zehnkampf, wo man sich die Wettbewerbe mal so einfach antrainieren kann.«
»Lothar, mich interessiert nur, ob es gefährlich ist, einen Draht ins Herz zu schieben und sein halbes Leben lang mit einem Metallblock rumzulaufen.«
Ihre Stimme klang jetzt wie bei dem Telefonat, als Frank sie kurz vor Dienstschluss anrief. Als würde sie Klaus und Frank eine verschlüsselte Botschaft schicken, setzte sie fröhlich hinzu:
»Peter spricht nie mit mir über seine Arbeit. Leider. Er ist dann immer zu kaputt, wenn ich etwas von ihm erfahren will.«
»Ich glaube, dass die Technik so weit entwickelt ist, dass man da nichts befürchten muss. Die Elektroden sind wohl importiert und die Batterie im Herzschrittmacher kommt aus Pirna von der Fahrzeugelektronik, die sind Weltspitze.«
»Batterie«, seufzte sie, »hoffentlich nicht die vom Trabbi.«
Die Männer lachten und trampelten mit den Füßen, Frank und Klaus starrten sie aus verliebten Augen an. Frank verspürte eine Schwingung in der Herzgegend, als säße dort eine Elektrode. Klaus hatte versehentlich die Arme ausgefahren und Renates Hand gestreift. Er zuckte wie vom Blitz getroffen zurück, Renate tat, als hätte sie nichts gemerkt und sah munter in die Runde.
»Frank, wie würde denn eine Elektrode in mein Herz kommen?«, dehnte sie das Thema weiter aus und beugte sich leicht nach vorn, mit erhobenen Brauen Frank in Augenschein nehmend.
Ihr Blusenausschnitt kam ihm gefährlich nahe und seine Lippen öffneten sich erstaunt.
»Na, was ist, Frank, als Ingenieur verlegst du doch Leitungen«, sagte sie im Brustton der Überzeugung und strahlte ihn unbekümmert an, während er irritiert auf seinem Stuhl umherrutschte.
»Das ist eine Frage an den Arzt, Renate, nicht an den Informatiker«, brachte sich Lothar in Erinnerung.
»Na ja, wir wollen hier ja kein Seminar abhalten«, wiegelte Renate ab und legte wie eine umsichtige Erzieherin kurz ihre Hand auf seinen Arm.
Lothar fühlte sich in seinem Element und lehnte sich über seinen Teller in Richtung Renate. Er tippte mit dem rechten Zeigefinger zuerst auf ihren Halsansatz, um ihn dann langsam in Richtung Blusenausschnitt zu bewegen, als markierte er eine Linie für den chirurgischen Eingriff. Renate schnappte sich seine Hand und drückte sie energisch auf die Tischplatte. Frank und Klaus hatte der Atem gestockt.
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