Derjenige, der diese ketzerische Konzeption, diesen neuen Blick auf Zeit und Geschichte am scharfsinnigsten, radikalsten, subversivsten formuliert hat, ist Walter Benjamin . Aus diesem Grund, und weil er alle Spannungen, Widersprüche und Ausweglosigkeiten der Kultur des deutschen Judentums in konzentrierter Form in sich vereinigt, nimmt er in dieser Untersuchung den zentralen Platz ein. Er steht ganz offensichtlich im Mittelpunkt dieser romantisch und messianisch gestimmten Generation; und sein Denken, das oft etwas altmodisch und in eigenartiger Weise anachronistisch erscheinen mag, ist in Wirklichkeit höchst aktuell und am stärksten erfüllt von utopisch-messianischer Explosivität. Sein Werk erhellt die Gedanken der anderen Philosophen, die wir hier versammelt haben, und wird gleichzeitig von ihnen erhellt. Es ist ein Spiel von Bildern, nicht vergleichbar mit dem der Spiegel, die sich reflektieren bis in die Unendlichkeit, eher schon das Wechselspiel der Blicke, einer den anderen befragend.
Darf ich mir, um diese Einleitung zu beenden, ein persönliches Wort erlauben? Dieses Buch bedeutet auch für seinen Autor, wandernder Jude auch er, ein Aufspüren der eigenen kulturellen und geschichtlichen Wurzeln. In Brasilien – von aus Wien stammenden Eltern – geboren, hat er in Sao Paulo, Ramat-Aviv und Manchester gelebt und ließ sich vor zwanzig Jahren (für immer?) in Paris nieder.
Meine Familie kommt aus Wien, aber die väterliche Linie, Löwy, stammt aus der tschechoslowakischen Provinz des Kaiserreichs Österreich-Ungarn. Keinerlei Verwandtschaft meines Wissens mit Julia Löwy, der Mutter von Franz Kafka: bei den Juden des Reichs war der Name ziemlich häufig …
Die Herkunft der mütterlichen Seite, Löwinger, ist ungarisch. Mit dem Budapester Bankier Joseph Löwinger, dem Vater von Georg Lukács, bin ich meines Wissens ebenfalls nicht verwandt. Obwohl ich also keine berühmten Vorfahren habe, fühle ich mich dennoch zutiefst betroffen und auch herausgefordert von diesem kulturellen Erbe, diesem geistigen Universum des mitteleuropäischen Judentums, das verloren ist, diesem erloschenen Stern, dessen gebrochenes, weit ausgreifendes Licht sich immer noch auf der Reise befindet durch Raum und Zeit, durch die Kontinente und durch die Generationen.
Als ich im Gustav Landauer-Archiv in der Bibliothek der Hebräischen Universität in Jerusalem bestimmte Texte von Walter Benjamin las, überkam mich das Gefühl, an etwas zu rühren, das unterirdisch schlummert und sich weit erstreckt. Ich habe den Plan entworfen für eine Forschungsarbeit, den ich dem inzwischen verstorbenen Gershom Scholem im Dezember 1979 vorlegte. Eine erste Version in Form eines Artikels wurde 1980 von Scholem ergänzt und korrigiert. Sie erschien 1981 unter dem Titel »Messianisme juif et utopies libertaires en Europe Centrale (1905–1923)« in den Archives de Sciences sociales des Religions , Nr. 51.
Eine erste Version des Kapitels über Walter Benjamin erschien im Oktober 1983 in Les Temps modernes unter dem Titel »Le messianisme anarchiste de Walter Benjamin«.
Ich habe die Arbeit fortgesetzt mit Hilfe des Martin Buber-Archivs in Jerusalem, des Georg Lukács-Archivs in Budapest, des Archivs des Instituts für Sozialgeschichte in Amsterdam, des Hannah Arendt-Archivs in der Library of Congress in Washington, der unveröffentlichten Hinterlassenschaft Walter Benjamins in der Bibliothèque Nationale in Paris, des Archiva des Leo Baeck Instituts in Jerusalem und New York und mit Hilfe meiner Gespräche mit Ernst Bloch (1974), Gershom Scholem (1979), Werner Kraft (1980), Pierre Missac (1982) und Leo Löwenthal (1984).
Meinen Kollegen aus der Forschungsgruppe für Religionssoziologie habe ich viel zu verdanken, vor allem Jean Séguy und Danièle Hervieu-Léger; ebenso Rachel Ertel, Rosemarie Ferenci, Claude Lefort, Sami Nair, Guy Petitdemange, Eleni Varikas, Irving Wohlfarth, Martin Jay und den leider verstorbenen Leo Löwenthal und Michel de Certeau. Sie alle gewährten mir Hilfe, Ermutigung und Kritik.
Ebenfalls Dank sagen möchte ich ganz besonders Miguel Abensour, dessen Ratschläge und kritische Stellungnahmen mir sehr nützlich waren bei der Endfassung dieses Textes.
Während ich dieses Buch schrieb, hörte ich die interessanten Vorträge über Walter Benjamin von Professor Stéphane Mosès in der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (Paris). Seine Überlegungen haben ohne Zweifel meine Benjamin-Interpretation und einige meiner allgemeinen Schlußfolgerungen beeinflußt.
KAPITEL 1
Zum Begriff der Wahlverwandtschaft
Hundert Jahre nach Auguste Comte verwendet die Soziologie immer noch die Terminologie der Physik und der Biologie. Wäre es nicht endlich an der Zeit, mit dieser positivistischen Tradition zu brechen und ein spirituelles und kulturelles Kapital in Anspruch zu nehmen, das reicher ist, sinnvoller, lebensnäher? Was spricht dagegen, das Fachvokabular der Sozialwissenschaften um die unerschöpfliche Ausdruckskraft des religiösen, mythologischen und literarischen Sprechens zu erweitern, nicht zu vergessen die Esoterik? Hat Max Weber den Begriff des Charisma nicht von der christlichen Theologie übernommen, hat Karl Mannheim seine »Konstellation« nicht der Astrologie entlehnt?
Die Arbeit ist eine Studie über die Wahlverwandtschaft . Der Ausdruck hat eine eigenartige Geschichte: Von der Alchimie geht er über zur Soziologie, wobei er bei der romantischen Literatur Zwischenstation macht. Seine Fürsprecher sind Albertus Magnus (13. Jahrhundert), Johann Wolfgang von Goethe und Max Weber … Wir wollen versuchen, sämtliche Bedeutungsschichten zu integrieren, die im Laufe der Jahrhunderte entstanden sind, und bezeichnen als »Wahlverwandtschaft« eine ganz besondere Art dialektischer Beziehung, die sich zwischen zwei sozialen oder kulturellen Konfigurationen ansiedelt und die auf eine direkte kausale Determinierung oder auf »Einfluß« im traditionellen Sinne des Wortes nicht zurückzuführen ist. Zugrunde liegt eine bestimmte strukturelle Analogie, von der eine Bewegung des Konvergierens, der gegenseitigen Anziehung und des aktiven Zusammenfließens ausgeht und die eine Vereinigung bewirkt, die zur Verschmelzung führen kann. Unserer Meinung nach dürfte es interessant sein, den Begriff zur Methode zu erheben, zu einem Instrument interdisziplinärer Forschung, das uns erlaubt, Verhältnisse zwischen ökonomischen, politischen, religiösen und kulturellen Phänomenen intensiver wahrzunehmen und zu beschreiben.
Um die unterschiedlichen Bedeutungsschichten des Begriffs zu erschließen, beginnen wir mit einem kurzen Abriß seiner Geschichte.
In der griechischen Antike taucht der Gedanke auf, die Bereitschaft der Körper, sich zu vereinigen, resultiere aus einer sichtbaren oder verborgenen Ähnlichkeit. Wir finden ihn vor allem in der Formulierung des Hippokrates: omoion erchetai pros to omoion (simile venit ad simile). Aber die Bezeichnung Affinität als Metapher der Alchimie findet sich erst im Mittelalter; die erste Quelle ist wahrscheinlich Albertus Magnus, nach dem sich der Schwefel mit den Metallen verbindet, weil er mit ihnen verwandt ist: Propter affinitatem naturae metalla adurit . In Deutschland greift den Gedanken Johannes Conradus Barchusen, ein berühmter Alchimist des 17. Jahrhunderts, auf, er spricht von reciprocam affinitatem 1, desgleichen Boerhaave, ein Niederländer des 18. Jahrhunderts. In seinem Buch Elementa Chemiae (1724) erklärt er: Particulae solventes et solutae se affinitate suae naturae colligunt in corpora homogenea . Die Beobachtung des Verhaltens von Gold und Königswasser in einem Gefäß läßt ihn feststellen: »Warum sinkt das Gold, das achtzehnmal schwerer wiegt als Königswasser, nicht auf den Grund des Gefäßes? Seht ihr nicht deutlich, daß jedem Teilchen Gold und jedem Teilchen Königswasser eine Kraft innewohnt, die bewirkt, daß sie sich suchen, vereinigen und finden?« Diese Kraft ist die Affinität. Sie bewirkt die Verbindung der beiden heterogenen Körper in einer Vereinigung, die einer Ehe vergleichbar ist, einer noce chimique – alchimistische Hochzeit –, eher aus der Liebe geboren denn aus Haß: magis ex amore quam ex odio . 2
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