„Ich kenne mich in sieben Sprachen aus,“ sagte er, „und wollt ihr aus dem Koran der Araber ein Kapitel hören — ich dien’ euch ... Aber es lohnt sich nicht.“
Der kleine Bayer stand schon in hellen Flammen; aber der Schreiner sagte: wenn ein Mensch mit einem so klugen Kopf auf Schnürschuhe von solcher Güte herunterkäme, dann ginge etwas nicht richtig bei ihm.
„Recht hast du, Junge,“ sagte der Neue — „es ist mir ein Rad gebrochen in der Uhr des Lebens, und das Ding lässt sich nicht mehr reparieren, up!“ Er sagte dies Up immer zur Besiegelung seiner Rede, etwa wie der bayrische Schuster sein Basta. „Bist du Soldat gewesen?“ fragte er den Schuster.
Der schlug mit der Hand in die Luft.
„Siehst du! Ich war Einjähriger. In Kolmar hab’ ich gestanden, und auf dem Technikum bin ich gewesen. Alles pfutsch — das Militär, die Liebe, das Leben. Desertiert bin ich; denn ich habe dem Feldwebel in einer neunundneunzigmal verfluchten Stunde einen Schlag ins Gesicht gegeben. In jener Minute ist mir das Leben aus den Händen gerutscht ... Die Schnüre hätten sie mir genommen, eingesperrt hätten sie mich ... up, heut ist alles vorüber. Kinder, gebt mir etwas zu trinken!“
Zu trinken hatten sie nicht. Aber der Schreiner reichte ihm ein Stück Brot, und Valentin Upp legte den Rest Blutwurst darauf, der noch in seinem Felleisen war.
„Ihr braucht nicht finster dreinzusehen oder gar bange zu werden deswegen,“ sagte der Fremde, „aber das geb’ ich euch mit auf den Weg: Der Mensch hat keinen schlimmeren Feind als sich selbst. Seid auf der Hut vor euch selber, Jungens, und es kann euch nichts geschehen, up!“
Er schlug seine Zähne gierig in das Brot.
Da sassen die drei Wandergesellen, die sich am Ufer des Mains zusammengefunden hatten, nun an der Wegscheide und wussten es nicht. Es hing eine Stunde um sie, in der zwei von ihnen aus ihrer Bahn geworfen wurden, weithinaus an den Rand des Lebens. Ein Kampf aufs Messer mit diesem Leben begann, und sie wussten es nicht. Der eine hat diesen Kampf hinausgeführt mit Ehren und ist Sieger geblieben, weil er auf sich selbst stehen konnte. Der dritte hat noch einen Schlupf am Wege gefunden, als das Leben schon drüben stand und rief: „Los!“
„Jungens,“ sagte der Fremde nach einer Zeit, „da sind meine Papiere, lest euch heraus, wer ich bin. Ihr sollt nicht meinen, dass ich mich an euch dekorieren a) will.“
Er warf sie dem Schreiner in den Schoss, legte sich lang hin und starrte in die Wipfel der Fichten.
Da lasen sie seinen Namen: Richard von Zahn, und sahen, dass er fünf Jahre in Oran und in Sidi-bel-Abbès in Nordafrika bei der Fremdenlegion gedient und es zum Soldaten erster Klasse gebracht hatte. Er erklärte ihnen: ein Soldat erster Klasse wäre etwa, was der Gefreite im deutschen Heere sei. Und er sei auch zur Tapferkeitsmedaille vorgeschlagen gewesen ... da hätte er die andere Dummheit seines Lebens gemacht und in einem Anfalle von Cafard, von Legionsfieber, das aus Sonne, Sehnsucht, Afrikamüdigkeit, Übermut und Narrentum zusammengebraut wäre, den Dienst quittiert. Als seine fünf Jahre herumgewesen, habe er sich das Reisegeld nach Belfort geben lassen.
Er trug noch den blauen Anzug aus Sackleinen, den die ausgedienten Legionäre auf Kammer erhalten, wenn sie die Uniform abgeben.
„Und nun?“ fragte der Bayer.
„Und nun?“ Zahn richtete sich auf. „Nun habe ich erkannt: vergessen, verabscheut, verloren bin ich in der Gemeinschaft der Menschen und im Vaterland. Deshalb bin ich auf dem Wege nach Besançon und lasse mich von neuem anwerben. Es ist eine Dummheit von mir gewesen, den Fuss auf deutschen Boden zu setzen — aber: Heimatsehnsucht! Ihr wisst nicht, Jungens, was das heisst! ...“ Er starrte eine Zeitlang mit finsteren Augen auf den Nadelboden des Waldes, dann schlug er mit der Hand durch die Luft — „Ha,“ sagte er, „es ist fein bei der Legion, wenn — nun — wenn einen die Gemeinschaft der Menschen ausgespuckt hat. Aber es darf da keiner ein Lump sein; denn dann wird er bei den Etrangers immer lumpiger.“
Die jungen Gesellen sassen dem Manne im Ende des deutschen Bergwaldes gegenüber und hörten sich die Herzen heiss an dem abenteuerlichen Berichte seines Lebens.
Er schlug sich vor ihnen auf wie ein Buch, in jeder Seite seines Herzens liess er sie lesen, und es war kein Lug in seinem Munde. Einer, der es nicht mehr der Mühe wert erachtete, ein Blatt zu überschlagen; denn was darauf geschrieben stand, war das Unglück eines Menschen, der mit dem Leben nicht fertig geworden war, das die anderen lebten — weil er eine Dummheit gemacht hatte. Da fasste er es nach seiner Weise an, und es gehorchte.
„Seht,“ sagte er, „so sieht einer aus, der nicht den Mut hatte, die Stirn zu senken und zu bekennen: Vater, ich habe gesündigt im Himmel und vor dir ... Der verlorene Sohn im Gleichnis hat’s gekonnt — ich habe gewartet, bis es zu spät war — bis die tot waren daheim, denen der Gedanke an den Sohn die Scham ins Gesicht getrieben hat. Und so ist das mit mir gekommen. Aber — wenn ich erst meinen Legionärschein wieder in der Tasche habe — up, dann ist das Sache!“
Weil er Deserteur war, musste er stets wache Augen haben und sagte:
„Wenn wir nach Westen durch den Wald gehen, sind wir in einer Viertelstunde auf französischem Boden. Lauf dorthin, Bayer, und sieh, ob wir noch allein sind!“
Da ging der Schuhmacher ein paar Rehsprünge am Hang empor, bis er durch Gebüsch gekommen war und freieren Ausblick nach allen Seiten hatte. Er merkte nun, dass Zahn sie absichtlich an diese verborgene Stelle geführt hatte; man konnte sie hier vom oberen Wald her nicht sehen; es führte auch kein Steig in der Nähe vorüber. Nach vorwärts gewahrten sie jeden, der sich näherte.
Zahn erhob sich und sagte: „Wenn ihr mitwollt, so kommt.“
Da hing jeder sein Bündel über die Achsel, und sie zogen querwaldein.
Als sie auf französischer Erde waren, wurden dem alten Soldaten die Augen heller. Und weil sie ihn vorhin noch um vieles über die Legion gefragt hatten, sprach er nun darüber zu ihnen.
„Es ist eine feine Sache,“ sagte er, „aber es muss einer ein ordentlicher Kerl sein. Was darüber in deutschen Büchern steht, ist falsch und richtig, zumeist falsch, und von ungebildeten oder verkommenen Leuten geschrieben. Sie gefallen sich darin, ihre Erlebnisse und Abenteuer in wilder Übertreibung darzustellen und verschweigen, dass ihre Trägheit oder Widersetzlichkeit zumeist der Grund von grossen Leiden wurden. Und schieben diese Leiden auf die Legion ...“
Er erzählte ihnen bis zum Abend und erzählte ihnen den langen folgenden Wandertag hindurch. Er sagte nicht: dies und das ist Gold, wenn es Schweiss oder Blut war, und er sagte nicht: dies ist eine Lust, wenn er wusste, dass es schwere Mühe oder Jammer sei.
Aber er empfand nicht, oder er vergass es zu sagen: es ist eine Schmach und Schande für einen deutschen Jüngling, im Dienst einer fremden Nation zu stehen als Soldat und Sklave! Und er redete auch nicht davon, dass es ein Verbrechen am Vaterlande sei, und dass jeder seiner Strafe entgegengehe, wenn er heimkehre. Und auch nicht davon redete er, dass keinem seine Soldatenjahre geschenkt würden.
Der Schuster meinte: wenn einer, der erst vor fünf Wochen aus Afrika gekommen wäre, nun doch schon wieder hinwolle, so könne es dort so übel nicht sein — er hätte Lust, es zu probieren.
Übrigens schien der ein ganz anderer Mensch geworden, seit sie mit dem Legionär zusammengekommen waren. Sein Herz hatte Feuer gefangen an den Geschichten aus den afrikanischen Regimentern. In Deutschland habe ihn das Schicksal auch nicht auf ein Polster gesetzt, sagte er — was könne ihm daran liegen, wo ihn das Leben abschüttele?
„Red’ ein Wort, Upp, und sag’, was du davon denkst!“ wendete er sich an den Märker.
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