Er sagte ihnen in drei Sätzen alles und merkte, dass ihm die Rede nicht so rasch aus dem Munde ging wie dem Hessen Schreiner und dem Schuster aus der Pfalz; und er dachte, wie diese Leute so in aller Welt daheim seien und trotz ihrer abgetragenen Kleider und ihrer geringen Ernährung guter Dinge wären. Er wunderte sich auch, dass sie mit einem fremden Menschen gleich so sprechen könnten, als hätten sie schon drei Paar Schuh auf gemeinsamer Wanderung vertreten.
Der Schuster war ein schwarzhaariger, dunkeläugiger Geselle, der in einer verwohnten Haut steckte. Er war von den Soldaten freigekommen und war froh darüber, wiewohl er nicht recht wusste, was er mit sich anfangen sollte. Er sagte, er hätte mit seiner Drehscheibe schon so viele Schusterschemel geputzt und sich krumm gehockt, dass er das Ding für eine Zeit „überhabe“.
Upp merkte, dass sich die beiden auch erst an diesem Tage kennen gelernt hätten, und dachte, mit dem helläugigen Schreiner müsse gut auszukommen sein. Er war ein besinnlicher ruhiger Mensch, hatte sich eine Handvoll Taler gespart und wollte nun sein Glück auf der Fahrt versuchen. Der Schuster aber hatte in seiner abgegriffenen Geldtasche nur ein paar Bettelpfennige. Er fand deshalb auch gleich höhnische Worte: er wäre da ja mit zwei Baronen zusammengetroffen, und es wäre schön, wenn er in ihrer Gesellschaft bleiben könne — ein schlechter Kerl sei er nicht, nur ein bisschen zerknittert, verstossen und saueren Herzens, und er müsse sich erst an die Sonne gewöhnen. Für ihn galt es gleich als eine beschlossene Sache, dass sie eine Kompagnie bilden wollten, um ein Stück Welt zu erobern.
In Valentin Upp aber stürzten seit langem die Gedanken wieder einmal durcheinander, weil er gewöhnt war, immer nur einen aufzunehmen und zu seinem Ziele zu führen. Jetzt waren ihrer gleich ein Haufen da und flatterten ihm durch Kopf und Herz wie ein aufgeschrecktes Volk Rebhühner.
Seine jungen achtzehn Jahre und das in bunter Endlosigkeit vorübergleitende Band neuer Bilder waren schuld, dass er nicht mehr so sicher auf der Erde stand als die Tage zuvor. Und doch hatte er Lebenserfahrung genug und sagte sich, es dürfe einer, der zum erstenmal von Hause fort sei, nicht den ersten besten zu seinem Genossen wählen. Die neben ihm sassen, waren von jener Art, wie sie daheim auf dem Sandhofe vorgesprochen und dann auf der Schwelle des Hauses die Suppe gelöffelt hatten, die ihnen Mutters Mildtätigkeit hinausgetragen. Aber er sagte sich auch, dass er nun selber einer von diesen sei, und er würde schliesslich doch mit einem ihres Schlages die Strasse fahren ...
Darüber setzte er sich wieder fest in den Sattel, fasste seine Gedanken hart an und sagte: „Es kommt darauf an, sich selber nicht zu verlieren.“
Das war das Wort, das ihm der Grossvater am Morgen seines Auszuges an der Türe des Föhrenhauses mit grosser Wichtigkeit gesagt hatte. Es klang dem jungen Upp damals, als hätte es der alte Mann von einem anderen übernommen, oder aus der Morgenzeitung, die ein paar Nachbarn miteinander hielten; denn dies Wort stand als eine fremde Weisheit zwischen anderen. Und er hatte es für eine Redensart gehalten, wie sie die alten Leute so zwischendurch annehmen. Weil sie ihren Sinn nie ganz ausschöpfen, kommt solche Sprache fremd und feierlich aus ihrem Munde und bewegt sich wie der Bauer in Kirchrock und Glanzhut.
Aber dem jungen Upp, der sich hinausgestellt hatte in die Welt, wurde das Wort nun ganz voll Helligkeit. Er dachte, es sei in seinem Leben noch keine Minute in so plötzlichem und schönem Lichte gewesen.
Weil er schwieg, sah ihn der Bayer aus Augen an, die schon an vieler Menschenlist herumgeleuchtet hatten, und sagte aus seinem saueren Herzen heraus: „Wir sind ihm zu schlecht.“
Da betrachtete Upp sich den Schuhmacher, der eine so fixe und scharfe Zunge hatte, und es ärgerte ihn, dass der in allem voraussein wollte und hatte doch nur erbettelte Pfennige in der Tasche.
Deshalb wollte er ihn gleich auf seine richtige Grösse und auf seinen richtigen Wert setzen und sagte: „Zu schlecht bist du mir nicht, aber du sollst nicht meinen, ich sei daheim ausgefahren, um einem anderen mit Almosen durch faule Tage zu helfen.“
Der Bayer fühlte, dass der trockene Brandenburger mit seinen hellen Augen scharf um sich sah, und sagte kleinlaut: so wäre seine Rede auch gar nicht gemeint gewesen. Upp aber war sehr froh, dass er schon an dieser Stelle des Weges ein Wort gefunden hatte, welches der andere als einen Schlag empfand; denn der war gewöhnt, ein wenig lose im Zügel zu gehen.
Danach beredete er mit dem Schreiner, wie sie den Nachmittag verbringen wollten. Sie gaben dem Bayer bei dieser Beratung keine Stimme und beschlossen, die Nacht in Frankfurt zu bleiben und ihre Felleisen gleich in die Herberge in der alten Mainzerstrasse zu bringen.
Auf dem Wege dahin sagte der Schuster: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich mir mit euerm Gelde ein paar gute Tage machen will; aber ich muss weiter, wenn ihr nicht ein Abendbrot und das Schlafgeld für mich bezahlt; denn ich mag mich in der Stadt nicht beim Schnorren abfangen lassen.“
Da versprachen sie ihm, was er erbat, und gingen in die Herberge. Jeder liess sich für fünf Pfennig einen Topf dünnen Kaffee und für drei Pfennig Brot geben.
Upp war zum ersten Male in einer solchen Unterkunft. Es war eine niedere, nüchterne Stube mit drei Fenstern nach der engen Strasse hin. Ein gebrochenes Licht fiel herein, und an den Wänden liefen Holzbänke.
Weil sie auch daselbst schlafen wollten, forderte der Herbergsvater ihre Papiere, sah hinein und gab sie ihnen zurück — sie könnten bleiben; aber um neun würde das Haus geschlossen.
In den folgenden Tagen geschah nichts, das in einen von ihnen Reue über ihre Vereinigung gebracht hätte.
Während Upp und der Schreiner, der Walter Bach hiess, im Wandern manchmal eine besinnliche Stunde lang von ihren Absichten fürs Leben redeten, liess der Schuster seine Augen an den Höfen und Häusern hingehen und trat hin und wieder durch eine Tür, um sich eine Wegzehrung zu erbitten. Er hatte ein geübtes Auge für die Stellen, an denen mit Erfolg vorzusprechen war, und machte sich ein Vergnügen daraus, die beiden anderen in der Kundensprache und in der Deutung der Zeichen zu unterrichten, die da und dort von landfahrendem Volk mit Kreide angeschrieben waren. Upp hatte nie davon gehört. Es gab da eins, das sah aus wie ein Säbel, den ein dreijähriges Kind gemalt hatte, und bedeutete „Achtung, Schutzmann!“ Ein anderes warnte vor einem bissigen Hunde, und ein drittes sagte: „Geh nicht hinein, der Bauer ist ein Filz.“
Damit und mit allerlei kurzweiligen Reden, die er bei der Arbeit und auf der Landstrasse aufgelesen hatte, half er ihnen über manche trübselig verregnete Wanderstunde hinweg. Er scherzte auch mit seinem Namen Lauter und gestand ein, dass dieser Name nicht immer so zu ihm gehöre wie der Leisten zu seinem Schuh. Er wäre ein Mensch, der sich immer der Gesellschaft anpasse, in der er sich befinde — deshalb ginge es ihm oft sehr übel. Im ganzen war er ein frohmütiger Gesell, der an die Aussenseite des Lebens gesetzt worden war und sich nun in seiner Art erträglich durch die Welt schlug.
Auch sein sacht angesäuertes Herz kam für seine Genossen wieder in eine brauchbare Verfassung, und als er einmal ausgiebig aus unzufriedenem Gemüte heraus die Verbesserung der sozialen Verhältnisse gepredigt hatte, fasste ihn der Hesse vorn an der Jacke und sagte: „Mensch, du bist ein Esel.“
„Wieso?“ fragte der Schuster.
„Was würdest du wohl sagen, wenn der Reichskanzler dir deine durchgetretenen Schuhe flicken wollte?“
Da lachte der Schuster laut heraus: „Unterfassen würd’ ich ihn und zu ihm sagen: Bruderherz, dazu bist du zu dumm.“
Damit war die Politik für sie kurz und gut aus der Welt geschafft, und dem jungen Upp gefiel der Schreiner von Stund an noch besser.
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