Darüber musste Heinrich Upp lachen, dass die Lippen sich über den zahnlosen Kiefern spannten; denn er merkte, dass selbst für den Bauern das Land, das sie 1870 dem Reich und dem Kaiser gewonnen hatten, schier immer noch aus der Welt liege.
Valentin Upp gehörte nicht zu jenen, die einen neuen Gedanken mit leuchtender Leidenschaft aufgreifen und mit ihm spielen als mit einem goldenen Balle. Aber er hörte jedes Wort und legte es in sein Herz als ein Gut, das wert ist, dass man es spare.
Er sass ganz still neben dem Grossvater auf der Ofenbank, lehnte sich wie dieser gegen die Kacheln, hatte die Arme vor der Brust gekreuzt, die Beine übereinandergeschlagen und schaukelte ein paarmal mit dem Pantoffel. Sass dabei, als redeten die Männer von einem, den diese Sache nicht allzuviel anginge. Und es war fein anzusehen, wie diese drei grossen trockenen Gestalten da beieinander waren, aus einem Holze geschnitten und vom gleichen Meister gemacht — der eine das sichere Abbild des anderen in der anderen Zeit.
Die Frau hatte darüber die kleine Lampe aus der Küche hereingebracht, und als sie hörte, wovon die Rede war, sagte sie kein Wort, sondern trat zurück in das Dunkel bei der Tür und dachte: Die Upps haben ein starkes und tapferes Herz, wie man es braucht zum Geradeausgehen.
An diesem Abend trat Valentin Upp zu seiner Mutter in die Küche und sagte zu ihr:
„Wir haben mit Grossvater Heinrich eine Sache besprochen, die dich auch angeht. Die Dinge liegen für mich nicht gut auf dem Hofe ...“
Da wusste die Frau gleich, wohinaus er wollte, und sagte: „Nun ja — jetzt ist das wohl so. Aber es kann kommen, dass einer deiner Brüder in ein anderes Gut einheiratet. Oder du selber.“
„Das ist richtig,“ sagte Valentin Upp, „aber es braucht auch nicht so zu sein. In jedem Fall ist es gut, wenn einer das Leben auch von einer anderen Seite leben lernt. Grossvater meint, in Süddeutschland oder im Elsass wäre feine Gelegenheit dazu. Oder ich könnte auch ins Niederland gehen, gegen die See hin. Mir ist es einerlei.“
Die Frau behielt dabei ihr ruhiges Herz und sagte: „Was meint Vater?“ Und als sie auch dies gehört hatte, fragte sie: „Wann willst du gehen?“
„Warum nicht schon morgen?“ sagte er. Und die Mutter dachte: So sind die Upps alle; sie fassen ihre Gedanken gleich fest an.
„Und wie lange willst du bleiben?“
„Vielleicht ein Jahr oder zwei. Ich kann wohl auch anderswo Soldat werden. Darüber lässt sich jetzt noch nicht reden.“
Er lehnte gegen den Herd, in dem das Feuer niedergegangen war. Und weil er so sicher in die Dinge hineinsah, die vor ihm in der kommenden Zeit lagen, dachte die Frau daran, wie sie diesen fertigen, gesunden Menschen manchmal in Hof und Scheuer hatte nach einem Tagwerk suchen sehen, das er nicht immer fand. Sie ward nun ganz still an ihm und sagte: „Wenn du willst, so kannst du morgen gut gehen. Es ist alles bereit und heil, was du brauchst.“
Weder die Brüder noch die Schwestern wunderten sich über das, was an diesem Abend im Hause vorging. Es war, als hätten sie alles genau so erwartet — Gedanken, die in ihnen langsam gewachsen waren und nun in Blüte standen.
An diesem Abende blieben sie alle länger in der geräumigen, niederen Stube, in der die Decke über der Lampe kräftig angedunkelt war, und redeten von der Reise.
Die Mutter trug ein grosses, fast neues Wachstuch herbei, das sie zur Kirmes oder an den Feiertagen über den Tisch legte. Sie brachten auch ein grünes Gurtband und Riemen und legten sie zu den Dingen, die er mitnehmen wollte: Wäsche und Schuh und die Bilder von Vater und Mutter und eine metallene Deckelschale für die Seife.
Veit Upp aber war um diese Zeit über die Heide zum Gemeindevorsteher gelaufen und liess sich die Papiere ausstellen für seinen Sohn.
Zuletzt sassen Vater und Mutter noch ein wenig mit ihm zusammen und rieten wortkarg an Möglichkeiten herum, die kommen könnten. Jeder sagte sich: sie ständen vor einer Türe, die von keinem ihres Geschlechts je aufgeschlossen worden. Aber sie machten sich die Herzen nicht schwerer.
Zuletzt nahm Veit Upp einen schwarzen Beutel aus dem Schapp, der war noch aus seiner Jungmannszeit darin, und trug auch die kleine Geldtasche herzu, die er während seiner Dienstzeit am Riemen auf der Brust getragen hatte. Er tat in beide etliches Geld und gab sie ihm.
Am anderen Morgen, als die Welt noch voller Tau und feinem Frühnebel hing, waren schon alle wach und waren an ihrer Arbeit.
Da ging Valentin Upp zu jedem hin und sprach ein gutes Wort, und sie lachten einander dabei an, aber es fand sich keins recht heraus aus der Wehmut des Abschiednehmens. Danach ging er aus dem Hof und ging aus dem Tore. Er hatte die aufgehende Sonne im Rücken.
Als er bei dem Haus in den Föhren durch die Scheiben sah, waren die Alten schon da, drückten ihm die Hand und gaben ihm ihre guten Wünsche und einen Taler.
Er sagte, er wollte bis nach der Stadt Halle wandern und dann mit der Bahn fahren und wieder wandern — so immer im Wechsel, bis er etwa nach Metz oder Strassburg käme ... Es war eine jener Minuten, in denen alle Türen an den Herzen aufgehen und alle Fenster; und aus jedem klingt ein warmes Wort, schauen ein Paar liebe, sorgende Augen.
In der zweiten Woche schritt Valentin Upp den Mainkai in Frankfurt entlang. Er kam aus der alten Stadt, die Fahrgasse herab, und war müde geworden an den bunten Bildern des Lebens in den Strassen. Deshalb setzte er sich auf eine der Bänke in den Anlagen am Strome und legte sein Felleisen neben sich und liess seine Gedanken laufen. Auf einmal waren sie mitten in dem Bauernhofe der Mark. Um sie her standen hohe klare Menschen mit trockenen Lippen: Vater, Mutter, drei Brüder und drei Schwestern; und der Grossvater Heinrich weit hinüber trat an den Saum des Föhrenwaldes, machte ein Dächlein mit der Hand über den Augen und guckte, was da los wäre ...
„Ich bin noch gar nicht ruhig geworden“, sagte Valentin Upp halblaut in die Fragen der vielen Frühlingsaugen hinein. „Noch nicht recht ruhig in mir selber. Ich bin drei Tage von früh bis in die Nacht gewandert und dazwischen immer eine Strecke gefahren. Ich bin ein Stück durch Thüringen gekommen, dann durch eine Strecke Bayern und durch ein paar Kilometer Hessen. Ich habe nicht stets den kürzesten Weg gesucht, und es sind schöne und reiche Güter in dieser Gegend; der Boden ist schwarz, und Korn und Weizen stehen in dunklerem Grün in den Halmen als bei euch ...“
Es gingen zwei junge Leute an ihm vorüber und betrachteten ihn; denn sie sahen, dass er ein Felleisen neben sich liegen hatte.
Da verschwanden die klaren, blonden Köpfe, die ihn umdrängten, und er legte das Bündel schwarzen Glanz über seine Knie und schrieb eine Postkarte.
Es war die erste, die er heimsandte, und er überlegte, was auf dem kleinen Raume neben der Adresse als das Wichtigste stehen solle. Dann fand er ein paar schlichte Worte für die Gedanken, die ihn vorhin mitten auf den Sandhof geführt hatten: er schrieb von den drei Ländern, durch die er gewandert war (das diktierte ihm bie Grossmannssucht der Upps), und schrieb von dem reicheren Wachstum, das in diesen Ländern sei. Dann las er alles noch einmal und schob die Karte unter den Riemen des Bündels.
Da kamen die beiden jungen Leute von vorhin wieder und setzten sich neben ihn auf die Bank.
Er hatte in dieser Woche wenig geredet, ein paar Worte des Abends in den Herbergen, und es war fast immer das gleiche auf die gleichen Fragen gewesen. Auch diesmal.
Dann erfuhr er, dass der eine ein Schreiner sei, und der andere ein Schuhmacher, und dass sie beide auf der Walze wären und rheinaufwärts wollten.
Als sie hörten, dass er ein Bauernsohn aus der Mark wäre, wunderten sie sich und meinten, es hätte wohl mit seinen Leuten daheim einen Streit gegeben, oder er hätte sich sonst aus einem Grund unsichtbar gemacht.
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