„Eine schöne Bescherung. Unter diesen Umständen dürfen wir uns auf kein Gefecht einlassen.“
„Ich höre immer Gefecht“, sagte Philip spitz. „Weit und breit ist nichts von dem Halunken Ruthland und seiner Karavelle zu sehen.“
„Außerdem hat er wohl mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen“, sagte Hasard.
Al Conroy hörte nicht zu. Schimpfend und fluchend mühte er sich ab, die Kugel aus dem Rohr zu holen. Das siebzehneinhalb Pfund schwere Geschoß krachte zwischen seinen Füßen auf die Planken und rollte polternd davon, der Krängung des Schiffes folgend.
Der Wergpfropfen hatte zwar die meiste Nässe aufgesogen, trotzdem war auch die Kartusche zäh. Al wog das Leinwandsäckchen abschätzend in Händen.
„Ein verdammter Mist ist das. Wenn das Pulver ebenso klamm ist, brennt es bestenfalls mit einer Stichflamme ab, und die Kugel fliegt dann vielleicht zehn Yards weit. Genausogut könnten wir uns gegenseitig mit Schlick bewerfen.“
Der Vergleich hinkte gewaltig. Die Zwillinge mußten sich ein Lachen verbeißen. Aber schließlich trug der Stückmeister für Waffen und Armierung die Verantwortung, und sein Ärger war verständlich.
„Wir müssen jede Culverine entladen und die Rohre trocknen“, sagte er. „Neue Ladungen setzen dürfen wir erst, wenn das Wetter umschlägt.“
„Glaubst du daran?“ fragte Philip ahnungsvoll.
Sein Zwillingsbruder zuckte mit den Schultern. Die Bewegung genügte, einen weiteren Schwall Wasser aus der Persenning überschwappen zu lassen. Al Conroy geriet sozusagen vom Regen in die Traufe, als der warme Guß über ihm zusammenschlug. Aber er war ohnehin längst bis auf die Haut durchnäßt.
„Holt Werg und Tücher! Wäre doch gelacht, wenn wir die Artillerie nicht trocknen könnten.“
„Aye, Sir!“ Die Zwillinge beeilten sich, unter Deck zu gelangen. Sogar über die Stufen des Niedergangs rann das Wasser. Die Luken waren inzwischen von der Freiwache verschalkt worden.
Das Werg lagerte neben der Pulverkammer. Ein Teil war lose angehäuft, der Rest noch in Säcken verpackt.
„Ich kann mir nicht helfen“, sagte Hasard, „aber das Zeug fühlt sich ebenfalls klamm an.“
„Du triefst vor Nässe, Bruderherz“, erwiderte Philip. „Das wird es sein.“
„Lästermaul! Da, sieh dir die Türbeschläge an!“
Philip folgte dem Blick des Bruders. Tatsächlich waren die Eisenbeschläge feucht, das wurde jedoch erst richtig deutlich, als er mit den Fingern darüberwischte.
„Eine schöne Bescherung. Falls das Regenwetter anhält, wachsen uns in einigen Tagen Schwimmhäute.“
Hasard junior antwortete nicht. Er nahm die Tranfunzel vom Haken und stellte sie vor die dicke Glasscheibe, die in die Wand zur Pulverkammer eingelassen war. Mit der Lampe den Nebenraum zu betreten, wäre zu gefährlich gewesen.
Der fahle, flackernde Lichtschein reichte aus, ihn die Situation erkennen zu lassen. Die Eisenkugeln glänzten feucht, in winzigen Tropfen rann das Wasser an ihnen entlang und sammelte sich auf dem Boden.
Das Pulver in den Fässern war einigermaßen gut vor der Feuchtigkeit geschützt, aber die Leinenkartuschen waren zäh.
„Das darf doch nicht wahr sein.“ Philip junior stöhnte unterdrückt und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. „Einen solchen Mist habe ich noch nicht erlebt. Wenn Al das sieht, gibt es ein Riesendonnerwetter.“
„Wir müssen für bessere Durchlüftung sorgen.“
„Und noch mehr feuchte Luft nach unten lassen? Ich bin froh, daß die Luken inzwischen verschalkt sind.“
„Dann gibt es nur eins: Der Kutscher soll eine Extraration Rum austeilen. Wir brauchen leere Buddeln, damit Ferris Höllenflaschen basteln kann.“
„Woher nimmt er das trockene Pulver?“
„Aus den Fässern.“ Hasard junior versuchte ein zuversichtliches Grinsen, was ihm aber nur leidlich gelang. „Für ein Fläschchen braucht er immerhin nicht die zwölf Pfund wie für eine Culverine. Und versuche mal, bei dem anhaltenden Wolkenbruch Pulver aus einem Faß trocken ins Rohr zu schaufeln.“
Bis weit in den Nachmittag hinein schüttete es wie aus Kübeln. Der Wind sprang mehrfach um, und allmählich breitete sich an Bord der Schebecke eine Art Weltuntergangsstimmung aus. Die schlechte Sicht und der hohe Seegang allein wären noch zu ertragen gewesen, aber die schwülwarme Nässe zehrte an den Nerven.
Ein einziges Mal schien die dichte, tiefhängende Wolkendecke aufzureißen. Vorübergehend wurde ein Stück strahlend blauen Himmels sichtbar und huschten irrlichternde Strahlenfinger über die aufgewühlte, von Gischt gekrönte See, aber dann schob sich erneut die dräuende Schwärze vor die Sonne und breitete Düsternis aus.
Das Stück Küste, das an Backbord kurz zu erkennen gewesen war, versank wieder im Dunst.
Eine Positionsbestimmung war unmöglich, auch die Karten waren nutzlos. Die Schebecke segelte irgendwo im Golf von Cambay nach Süden – wahrscheinlich noch nördlich des Tapti, denn dessen Mündungsgebiet hatte bislang niemand bemerkt. Wegen den enormen Schlammassen, die der Fluß derzeit mit sich führte, mußte die Verfärbung des Wassers selbst Meilen vor der Küste gut zu erkennen sein.
Irgendwo in der Nähe segelte die „Ghost“, das hatten zumindest die Aussagen der einheimischen Fischer und Händler ergeben. Die Karavelle lag ebenfalls auf Südkurs.
„Wenn ich diesen Halunken Ruthland und seinen glotzäugigen Spießgesellen Lefray zwischen die Finger kriege, geht es beiden dreckig“, sagte Edwin Carberry grollend.
In Surat, der Stadt am Unterlauf des Tapti, durften sie sich nicht mehr blicken lassen, geschweige denn versuchen, Handelsbeziehungen zu knüpfen. Dafür hatten die Kerle von der „Ghost“ mit Nachdruck gesorgt. Ihnen hatten es die Arwenacks zu verdanken, daß sie fast hingerichtet worden wären. Wahrscheinlich kein Wunder, daß sie auf ihre Landsleute auf der Karavelle nicht gut zu sprechen waren.
Die Sichtweite schwankte zwischen zweihundert Yards bis zu einer halben Seemeile. Das Meer dampfte.
Trotz des Wetters harrte Dan O’Flynn in der Tonne am Großmast aus und hielt Ausguck.
„Auf die Weise spare ich mir das wöchentliche Bad im Zuber“, hatte er grinsend behauptet, und tatsächlich stand er ohne Hemd da oben und genoß den warmen Regen.
Die Männer an Deck behaupteten spöttisch, daß er sich darüber hinaus auch seiner Hose entledigt hätte. Ihre anzüglichen Bemerkungen, wenn hin und wieder ein Schwall Wasser aus der Tonne schwappte, hörte Dan zum Glück nicht.
Gegen vier Uhr nachmittags sprang der Wind erneut um. Die Schebecke geriet in eine tückische Kreuzsee, das Schiff tanzte auf den Wogen und holte weit über. Alle Hände wurden gebraucht, um einen sicheren Kurs zu segeln. Da der Regen zugleich noch heftiger prasselte, hörte niemand Dan O’Flynns Rufen.
Eine Viertelstunde später drehte der Wind wieder auf Nord. Die Gefahr, auf Legerwall zu geraten, schien damit gebannt.
„Deck!“ brüllte Dan aus Leibeskräften. „Schiff voraus!“
Diesmal hörten ihn die Männer. Dan deutete vorlich nach Steuerbord. Aber weder der Seewolf noch Don Juan de Alcazar, die vom Achterdeck aus mit ihren Spektiven die nahe Kimm absuchten, sahen den vagen Schatten, der höchstens eineinhalb Meilen voraus auf Parallelkurs segelte. In einer unmißverständlichen Geste breitete Hasard die Arme aus.
Dan blickte wieder durch den Kieker. Das unregelmäßige Stampfen und Schlingern des Schiffes erschwerte die Suche nach dem ohnehin nur schemenhaft erkennbaren Gegner. Dan O’Flynn fürchtete schon, die Karavelle verloren zu haben, da tauchte sie näher an Steuerbord aus den Regenschleiern.
Der Regen lief auch über die Linse und ließ die Vergrößerung schlierenhaft verzerrt erscheinen. Breitbeinig, die Ellenbogen auf den Rand der Tonne aufgestützt, fixierte Dan das fremde Objekt lange, bis er endlich sicher war, tatsächlich einen Zweimaster vor sich zu haben. Für eine Weile hatte er auch ein Fischerboot in Erwägung gezogen, das so weit draußen gegen Wind und Wellen ankämpfte. Offenbar hatte Ruthland das Großsegel wegnehmen lassen.
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