Van Stolk wandte sich an den Bootsmann und sagte laut, um die Windgeräusche zu übertönen: „Ein ehrenwerter Kapitän, dieser Mister Killigrew. Die Engländer sagen wohl ‚Gentleman‘ dazu, mit Recht, wie ich finde.“
Antony sah dem Koch zu, der quer über die Kuhl tappte und den Rum zum Quarterdeck brachte.
„Der beste Rat, den wir seit Wochen erhielten. Wir laufen gute Fahrt, Willem. Heute abend werden wir diese engen Passagen und alle unwichtigen Inseln weit achtern gelassen haben.“
„Gottlob“, erwiderte der Kapitän. „Ein schnelles Schiff, die Schebecke. Wo ist sie? Vor zwei Stunden war sie noch zu sehen.“
„Sie sind schneller als wir“, erwiderte der Bootsmann. „Weitaus schneller.“
Stundenlang waren sie hintereinander gesegelt, und während dieser Zeit hatte sich der Abstand zwischen der Schebecke und der „Zuiderzee“ ständig vergrößert. Jetzt war das schlanke Schiff mit den Dreieckssegeln hinter der Kimm verschwunden. Im Südwesten bildete sich über dem Wasser bereits wieder eine dunkle Wolke. Jetzt sah sie aus wie ein schmales Band am Ende des Blickfeldes.
Der Kapitän wies zu dem dunklen Streifen, der sich über der Kimm im Südwesten aufbaute.
„Ein seltsames Wetter“, murmelte er und schwenkte den letzten Schluck Rum in der Muck. „Nordwind, Monsunwolken und hoch am Himmel diese weißen Sommerwolken. Baut sich ein Sturm auf?“
„Ist schon möglich“, gab der Bootsmann zu. „Wir kennen die Gewässer hier nicht.“
„Man sollte einen Fischer fragen“, schlug Willem van Stolk grinsend vor.
„Weit und breit keiner zu sehen.“
Irgendwo an Backbord voraus, eine oder zwei Tagesfahrten entfernt, mußte Surat beziehungsweise die breite Mündung des Tapti-Flusses liegen. Das hatten sie von der Crew der Schebecke erfahren. Der Versuch, Einblick in deren Karten zu nehmen, war ein solcher geblieben. Sie wußten wohl auch nichts Genaueres, so wie die Holländer. Aber Killigrew schien in dieser Beziehung ein Schlitzohr zu sein, der sich nicht überlisten ließ.
„Wir finden die Küste wohl auch ohne Fischer. Ihre Sprache verstehen wir sicher nicht“, sagte der Bootsmann. „Willst du abends an den Strand, in eine Bucht oder einen geschützten Winkel verholen?“
Der Kapitän nickte und peilte den Stand der Sonne an. „Ja, natürlich. Irgendwo an Backbord.“
„Verstanden, Kapitän. Kann ich mich ein, zwei Stunden aufs Ohr hauen?“
„Selbstverständlich, Antony“, sagte van Stolk. „Bis zum Abend wird sich nichts Besonderes abspielen.“
„Alles klar.“
Die beiden Männer nickten einander zu. Antony Leuwen enterte den Niedergang ab und beugte sich mit seinem Oberkörper, bevor er die Kuhl verließ, weit über das Schanzkleid. Er schien die Wellen einer schweigenden und gründlichen Untersuchung zu unterziehen. Dann zog er in einer halbwegs hilflosen Bewegung die Schultern in die Höhe und tauchte unter Deck ab.
Willem van Stolk grinste ihm hinterher.
„Die Compagnie hat keine Ahnung“, murmelte der Kapitän etwas später, „wie schwierig hier alles ist.“
Die Karavelle jagte über die Wellen, der nächsten Regennacht im Monsun entgegen. Irgendwie fühlte sich der Niederländer seit dem Augenblick erleichtert, als die Männer der Killigrew-Crew zusammen mit Swietens Mannen die Schäden dieses einseitigen Feuergefechts beseitigt hatten.
Der Kurs lag an. Keiner an Bord wußte im voraus, was die nächsten Wochen bringen würden.
Die Seeleute der „Ghost“ hatten ein solches Wetter noch nie erlebt. Zumindest erinnerte sich keiner daran.
Die Karavelle stampfte und schlingerte durch hohe, unablässig anrollende Wellen. Gischt wurde vom heulenden Wind von den Wellenkämmen gerissen. Der Wind fauchte abwechselnd aus Norden, Osten und Südwesten heran. Drei Stunden vor dem letzten Tageslicht hatte sich der Himmel wieder dunkel gefärbt. Die blaugrauen Regenwolken hingen tief und schoben sich von Südosten unaufhaltsam höher. Noch regnete es nicht, aber es würde nicht mehr lange dauern.
„Das wird eine höllische Nacht!“ schrie Ruthland durch das Knarren, Jaulen und Krachen. „Wir müssen einen sicheren Ankerplatz finden!“
„Dort drüben, Francis.“ Lefray zeigte nach Backbord. Das Ufer war an dieser Seite höchstens eine Meile entfernt. Das Steuerbordufer war hinter den hochgehenden Wellen und dem Schleier aus Gischt und Wassertropfen nicht mehr zu erkennen. „Wir müssen die Jagd aufgeben. Wenigstens für heute. Die Nacht stehen wir nicht durch, wenn’s so weitergeht.“
„Du hast recht.“
Der Nordwind hatte sie gezwungen, den Kurs zu ändern. Überdies hatten sie das nördliche Ende der Bucht erreicht und die Schebecke nicht gesehen. Die Karten schienen zwar die tiefen Landeinschnitte richtig wiederzugeben, aber auf ihnen war längst nicht jede Bucht verzeichnet. Bis jetzt hatte die „Ghost“-Crew jedenfalls vergeblich gesucht.
„Dicht unter Land halten. Wir suchen einen Ankerplatz!“ schrie der Erste.
„Aye, Sir.“
Die Karavelle krängte weit nach Steuerbord. Die Regenwolken erreichten die Sonne und schoben sich vor die rötliche Scheibe. Schlagartig nahm die Helligkeit ab. Der Bug der Karavelle schwenkte zögernd nach Backbord, die Rahen knarrten laut, als die Segel getrimmt wurden. Die „Ghost“ stampfte auf die langgestreckten Dünen hinter der Brandung zu.
Im Südwesten fiel der erste Regen aus den Monsunwolken. Breite Streifen ließen die Kimm im Grau versinken. Die nächste Bö heulte von Westen heran und ließ die „Ghost“ weit nach Backbord überholen. Die Segel fingen zu killen an, bis der Rudergänger das Schiff wieder auf den richtigen Kurs brachte.
Francis Ruthland peilte zum Ufer hinüber. Sein Gesicht zeigte, daß er keineswegs zufrieden war mit dem, was er durch den Kieker sah. Die Dünen gingen in einen sandigen Strand über, die Brandungswellen überschlugen sich auf dem flachen Hang und zischten weit über die Flanken der Hügel aus Sand und Lehm. Kümmerliche Büsche wuchsen auf den Dünenkronen.
Ruthland war sich so gut wie sicher, daß die Wassertiefe für einen sicheren Unterschlupf zu gering war. Obendrein gab es auf den nächsten Meilen des Strandes nicht den geringsten Schutz vor dem Wind.
Er rief den Rudergänger an. „Südkurs, Michael. Das Ufer taugt nichts.“
„Verstanden, Kapitän.“
Glücklicherweise drehte der Wind innerhalb der nächsten halben Stunde und wehte, wieder kalt und trocken, aus Norden. Trotzdem rückten die Regenschleier drohend näher. In den Wolken riß ein Loch auf und blutrotes Licht ließ einen gewaltigen Wolkenturm im Südosten aufleuchten.
„Gewitterwolke!“ rief Lefray gegen den Sturm.
„Auch das noch“, stöhnte Ruthland.
Eine Stunde lang kämpfte sich die Karavelle nach Süden, während der Wind mehrmals seine. Richtung änderte. Die Wellen waren noch nicht so hoch, daß sie eine wirkliche Gefahr darstellten, aber die Oberfläche ließ Kreuzseen erkennen. Eine Dünung baute sich auf, die das Schiff torkeln, in den Wellentälern versinken und hoch auf die Wellenkämme steigen ließ. Die schweren Schauer von Spritzwasser kamen von Steuerbord und Backbord, meist vom Bug und, seltener, über die achteren Aufbauten.
Die Crew trimmte unentwegt die Segel. Die „Ghost“ konnte sich von den Untiefen freihalten, und langsam zog eine Küste vorbei, die wenig Gutes versprach. Hinter den Dünen schien es nicht einmal Eingeborenenhütten zu geben.
Coughlan klammerte sich auf der Back, über dem Kranbalken des Ankers, ans Schanzkleid und starrte nach unten. Er versuchte zu sehen, ob sie genug Wasser unterm Kiel hatten. Das Lot und die aufgeschossene Leine hingen über seiner Schulter.
Jetzt hatte Ruthland ein anderes Problem, als den Seewolf zu suchen. Er mußte verhindern, daß sie in der Nacht vom Kurs abkamen, das sichere Tiefwasser verließen oder auf Legerwall getrieben wurden.
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