Mechmed Ali sieht so aus wie fast alle Burschen der türkischen Minderheit Zyperns, mittelgroß, schlank, ekkig. dunkel. Man muß lange auf der Insel leben, um sie unterscheiden zu können. Die Burschen auf der anderen Seite, der griechischen, sehen ihnen zum Verwechseln ähnlich. Aber doch wieder nur für Fremde. Für die UNO-Soldaten zum Beispiel, die keinen Unterschied feststellen können. Man muß eine Weile auf der Insel gelebt haben, um den Unterschied zu sehen, die Augen, die Gehirne müssen sich erst an die Insel gewöhnen.
Ali Mechmed wird bis ins Flüchtlingslager nach Aghirda fahren und dort seine Mutter und seine vier jüngeren Schwestern besuchen. Am Nachmittag wird er seinen Uronkel Ibrahim suchen, der seine Schafe an den Südhängen der Berge weidet. Und er wird seinem Uronkel neuerlich geloben, den Griechen Costas Costakis zu töten, zu erdolchen, das ist er an seinem siebzehnten Geburtstag seinem Uronkel Ibrahim schuldig.
Ali Mechmed sah die Herde seines Onkels von weitem. Als er näher kam, sah er den alten Ibrahim auf einem Felsvorsprung sitzen, unbeweglich, nach Süden in die Ebene starrend. Er mußte den bergaufsteigenden Ali schon lange beobachtet haben, aber er saß wie erstarrt. Erst als Ali neben ihm stand, mit den Fingerspitzen die Stirn berührte und sich leicht verneigte, nickte er mit dem Kopf. Ali hockte sich neben den Alten. Er wartete, bis sein Onkel das erste Wort sagen würde.
Er mußte lange warten. Schließlich hörte er die flüsternde Stimme seines Onkels:
»Allah ist groß und allmächtig. Es ist Gottes Gebot, daß man nun richten solle. Leben für Leben und Aug’ um Auge, Nase um Nase und Ohr für Ohr, Zahn um Zahn und Wunde um Wunde.«
Ali kannte die fünfte Sure aus dem Koran. Er wußte nun, daß die Zeit gekommen war, seinen Vater Zu rächen. Er hatte Angst und sagte nichts. Da hörte er seinen Oheim krächzen: »Fürchte dich nicht mein Sohn, Gott ist mit dir.«
Er schämte sich. Er streckte die rechte Hand aus, legte sie auf das Knie des alten Ibrahim. Und er fühlte das kalte Eisen des Hirtenmessers, als es ihm sein Oheim in die Hand gab, die Spitze ins Tal, zur Stadt zeigend.
Der Prophet hat gesagt: Töte jeder Gläubige einen Feind. Töte jeder einen Feind, es ist Allahs Wille. Töte jeder einen Feind, und die Welt wird euch gehören. Die Welt wird den Gläubigen gehören, den Söhnen Allahs. So steht es im Koran, und so sagte Onkel Ibrahim.
Die Nacht war warm und ruhig. Das Fahrrad rollte fast geräuschlos auf der trockenen Sandstraße. Mehmed Ali hatte es geölt. Das Fahrrad rollte ruhig, und niemand war zu sehen. Die Häuser waren leer, ausgebrannt, Ruinen. Es waren die Häuser der Türken, die vertrieben worden waren, als Ali noch ein Kind war. Er kannte die Gegend, er war hier aufgewachsen. Die Türken würden eines Tages zurückkehren, die Häuser wieder aufbauen. Es war ihr Land. Es war Omorphita, ein Teil der Hauptstadt Nicosia. Immer hatten hier Türken gewohnt. Und sie würden zurückkehren. Ali wußte es. Jeder töte einen Feind. Es ist der Wille Allahs. Gott ist groß und allmächtig.
Er kam zu einem Olivenhain, er kannte jeden einzelnen Baum. Es waren die Bäume seines Vaters. Die reichen Castakis ernteten jetzt die Oliven. Die Bäume waren uralt. Die Bäume standen schon immer hier, sie würden noch da sein, wenn die Mechmeds wieder zurückkehrten.
Bald nachdem Allah aus den Bären Menschen gemacht hatte, wurden diese Bäume gepflanzt. Von den Menschen, mutig und stark wie Bären. Onkel Ibrahim hatte es ihm erzählt, als Ali ein kleiner Junge war und sich vor Bären noch fürchtete.
Er legte das Fahrrad ins Gras.
Das Gras stand hoch und war feucht. In einigen Wochen, im Sommer, würde es austrocknen. Aber im nächsten Jahr würde es wiederkommen. Es war fruchtbare Erde, gutes Land. Seines Vaters Land. Nein, sein Vater war tot. Es ist mein Land, dachte Ali. Sonderbar, er dachte es zum ersten Mal. Es ist mein Land, es gehört mir. Meine Schwestern werden hier leben. Wir werden wieder hier leben, wie Vater und Onkel Ibrahim.
Jeder töte einen Feind.
Er nahm Onkel Ibrahims Messer aus seiner Brusttasche und steckte es in den linken Ärmel.
Er stieg über einen verfallenen Zaun. Er konnte jetzt die Zeder sehen. Das ist mein Baum, dachte er. Er schritt auf die Zeder zu. Niemand war zu sehen, es war alles ruhig.
Der Stamm der Zeder war dunkel. Ali lehnte sich an den Baum, verschmolz mit dieser Dunkelheit. Er wartete, er hatte Zeit. Costas Costakis würde kommen. Onkel Ibrahim hatte es gesagt.
Mechmed Ali dachte daran, ob er wirklich eines Tages hier wieder leben würde, wie sein Vater, sein Großvater. Vielleicht. Zuvor würde er aber in die Welt gehen, in die große Welt, nach Ankara. Ali wollte ein moderner Mensch werden. Er hatte so viel gelesen. Und sein Freund Jussuf studierte an der Universität in Ankara, schon seit drei Jahren. Jedes Jahr kam Jussuf in den Ferien heim und erzählte von Ankara und der Welt. Und vom Sozialismus und davon, daß die Weltordnung geändert werden müsse. Ali glaubte daran, denn die Welt war schlecht. Und er las alle Bücher, die ihm Jussuf gab. Bücher und Hefte über den Sozialismus. Er las sie heimlich, denn davon durfte niemandwissen. Sein Kommandant in der Kompanie kam aus Ankara, er haßte alle Sozialisten und nannte sie Verräter. Nun, Ali würde nach Ankara gehen und studieren. Er wollte kein blöder Bauer bleiben wie seine Freunde. Und er hatte mit Jussuf ein Geheimnis. Es war großartig, er konnte etwas für die Revolution tun. Und es war gut für seine Brüder, sein Land, Jussuf hatte es ihm versichert. Er glaubte an Jussuf, aber er durfte es niemandem sagen. Weil sie alle blöde Bauern waren und nichts verstanden.
Im Sommer würde Jussuf wiederkommen. Ali würde ihm erzählen, daß er Costas Costakis getötet hatte. Jussuf würde mit ihm streiten und ihn einen blöden Bauern schelten, denn so eine Tat diene nicht der Revolution. Aber er würde nicht ernstlich böse sein. Schließlich war das auch eine Familiensache, Costas Costakis war der Mörder seines Vaters. Jussuf würde ihn verstehen. Er sah einen großen, hellen Fleck auf sich zukommen.
Er hielt jetzt das Messer in der Hand.
Er hörte das Keuchen des Näherkommenden. Es war Costakis. Noch vier Schritte, noch drei.
Er stieß das Messer in den hellen Fleck, von unten und mit aller Kraft. Es gab ein häßliches Geräusch.
Costas Costakis war ein großer, schwerer Mann. Ali mußte zu ihm aufschauen. Er zog das Messer zurück, ein dunkler Fleck auf der hellen Brust des Mannes wurde rasch größer. Ali trat einen Schritt zurück und starrte fassungslos auf den großen, hellen Körper, der nun leicht schwankte.
Da überkam es den jungen Ali Mechmed, er schrie laut und wie von Sinnen, und in diesem Schrei stürzte er sich auf den Mann, biß ihn in die Kehle und stieß das Messer immer wieder in sein Fleisch.
Sie lagen am Boden. Ali schrie nicht mehr. Er hörte wieder dieses knirschende Geräusch seines Messers, und nun liebte er es. Und dann hörte er nur mehr sein eigenes Keuchen. Er lag auf diesem großen Körper und hörte sein Keuchen. Plötzlich brach ein Höllenlärm los. Hunderte von Zikaden begannen mit einem Schlag zu zirpen. Die Luft vibrierte von dem schrillen Gesang. Ali schnellte hoch, sprang über den Zaun, fand sein Fahrrad und trat in die Pedale. Sein Herz klopfte rasend, und in seinem Kopf dröhnte es: Töte jeder einen Feind.
093420 B
Rabov an zentrale
Brauche dringend genehmigung fuer oertliche erprobung projekt radmet. – sicherheitsvorkehrungen getroffen. – polit.
Schwierigkeit nicht zu erwarten, auch wenn versuch negativ. – polit. abteilung informiert. –
Ende. –
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Zentrale an rabov
Genehmigung erteilt. – Erwarten bericht
Ueber versuch umgehend. –
Ende. –
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