Schon lange konnte der alte Ibrahim einem entlaufenen Tier nicht mehr folgen, nicht mehr über Felsen klettern, um das Tier zu bergen. Aber selten verirrte sich eines seiner Tiere. Wenn es doch einmal geschehen war, richtete sich der alte Ibrahim auf und blickte suchend umher, er spürte, wenn ein Tier seiner Herde in Not war. Und nicht durch laute Zurufe, wie die anderen Hirten, versuchte er das Tier zu locken. Er sah starr in die Richtung, und seine Augen wurden noch heller, sein Mund bewegte sich lautlos. Und das Tier kam zurück wie von Geisterhand geführt, laut meckernd oder blökend, wenn es wieder bei der Herde war.
Der Hirte Ibrahim sprach zu seinen Tieren, ohne seine Stimme zu verwenden. Er dirigierte sie zu den Wasserplätzen, zu den wenigen Stellen, wo es auch im Sommer Futter gab. Er schützte sie vor den Gefahren der Berge, und er rief sie zu sich, wenn es Zeit war zu schlafen. Ibrahim Mechmed hätte diese seltsame Kraft, die er besaß, niemandem erklären können. Sie war in ihm im selben Maße gewachsen, wie ihn seine körperlichen Kräfte verlassen hatten.
Es gab einen bestimmten Platz an einem Felsenvorsprung, von dem man weit in die Mesaoria, in die fruchtbare Ebene hineinsehen konnte. Nachts waren von dort die Lichter der Hauptstadt Nicosia zu erkennen. In bestimmten Nächten saß dort der alte Hirte Ibrahim Mechmed und sah starr in die Richtung der Stadt. Er saß dort oft Stunden und regungslos, als wäre er selbst zu Stein geworden. Und dann geschah manchmal etwas Seltsames. Dann sträubten sich plötzlich die Haare des alten Hirten, und er sah einen Mann, der sich unruhig in seinem Bett wälzte und schließlich erwachte. Und er sah auch, wie dieser Mann aufstand und sein Haus verließ, seinen Garten durchquerte und in einen Nachbargarten ging, geradewegs auf einen Zedernbaum zu. Wenn der Mann die Zeder erreichte, begann der alte Hirte zu keuchen und Schweiß trat ihm auf die Stirn. Und um ihn brach schlagartig ein Höllenlärm aus, hundert Zikaden begannen gleichzeitig zu zirpen.
Und das war in der Tat seltsam, denn Zikaden zirpen sonst nur bei Sonnenschein. Der alte Ibrahim wußte das.
Der kleine Nicos Costakia war der Liebling seiner Eltern und seiner Lehrer. Für seine zehn Jahre überdurchschnittlich begabt, gab er zu berechtigten Hoffnungen Anlaß, einmal ein ebenso tüchtiger und angesehener Geschäftsmann zu werden wie sein Vater. Er saß im gepflegten Wohnzimmer seines Elternhauses und schrieb an einem Aufsatz. »Mein Vaterland« war das Thema, und der kleine Nicos war sich nicht ganz im klaren darüber, ob nun seine Heimat Zypern oder das allmächtige Griechenland damit gemeint war.
»Die Legende erzählt«, schrieb er, »daß Aphrodite, die Göttin der Liebe, aus dem Schaum des Meeres geboren wurde, der eine Felsengruppe der Küste Zyperns umspült. Das ist der Grund, warum Zypern die Liebesinsel genannt wird. Ihr Zauber wurde in vielen Märchen und Geschichten besungen. Zypern, mein Vaterland, ist in der ganzen Welt bekannt.«
Er überlegte eine Weile, ob er nicht doch lieber seinen Vater wegen der kniffligen Frage des Mutterlandes Griechenland fragen sollte. Es hieß immer: Mutterland Griechenland. Aber schließlich lautete das Thema: Mein Vaterland. Er fuhr fort:
»Wir Zyprioten sind Griechen. Wir Griechen sind die tapfersten und edelsten Menschen der Welt, und die Welt verdankt dem Hellenentum ihre Kultur. Im Befreiungskrieg haben wir die Engländer besiegt. Die Engländer haben im Weltkrieg die Deutschen besiegt. Darum sind wir die Tapfersten.«
Das hörte sein Lehrer immer gern, Nicos wußte das. Sein Lehrer war auch EokaKämpfer, und an Feiertagen trug er bunte Bänder mit Orden an seiner Brust, damit jeder sehen konnte, wie tapfer er war. Ob er etwas über die Türken schreiben sollte? Besser nicht. Schließlich gehörten sie nicht zum Vaterland. Und außerdem waren sie alle primitiv und barbarisch und sollten in die Türkei gehen, wo sie hingehörten. Das war auch die Meinung seines Vaters.
Nicos hörte gedämpfte Stimmen aus dem Nebenzimmer. Besuch war da, Onkel Theodor und Tante Maria und Dr. Marangos, der Hausarzt, mit seiner Frau. Nicos beschloß, hinüberzugehen. Den Aufsatz konnte er leicht morgen früh fertig schreiben.
Er gab den Gästen artig die Hand und verbeugte sich vor den Damen. Er durfte sich mit an den Tisch setzen und am Meze mitessen. Niemand bereitete das Meze so reichhaltig wie seine Mutter. Der große Tisch war überladen mit den kleinen Schüsselchen der verschiedenen Speisen. Die Erwachsenen setzten ihr Gespräch fort. »Es sind die Nerven, nichts anderes, Nicos«, hörte er Dr. Marangos sagen. »Du bist einfach überarbeitet. Komm morgen in meine Ordination, ich verschreibe dir etwas dagegen.«
Die Mutter stimmte sofort zu, aber der Vater wollte nicht recht: »Pillen werden mir nicht helfen«, meinte er.
Sein Vater war ein großer, eleganter Mann mit schwarzem Haar und Schnauzbart. In den letzten Jahren war er ziemlich fett geworden, unausbleibliche Folge gepflegter Eßgewohnheiten. Ein Abendessen bei den Costakis, noch dazu mit Gästen, dauerte Stunden. Seine Gesichtsfarbe war vornehm blaß, er dachte nicht daran, seine Haut der Sonne auszusetzen.
Ob er sonst irgendwelche Beschwerden habe, wollte Dr. Marangos wissen.
»Nicht die geringsten«, sagte sein Vater. »Es ist nur immer dasselbe, ich wache nachts plötzlich auf, und irgend etwas veranlaßt mich, in den Garten zu gehen. Ich gehe jedesmal auf einen Baum zu, eine Zeder, weil ich glaube, es steht jemand dort.«
»Na hör mal«, sagte Onkel Theodor, »du wirst ganz einfach träumen, schlafwandeln. Das ist doch nichts Außergewöhnliches.«
»Trotzdem solltest du einmal in meine Ordination kommen«, sagte Dr. Marangos.
»Vielleicht komme ich wirklich«, sagte Vater, »ich bin nachher immer ganz zerschlagen und kann stundenlang nicht einschlafen. Ein Schlafmittel wird mir gut tun, schließlich muß ich morgens zeitig ins Büro.«
»Wie oft kommt das vor?« wollte Dr. Marangos wissen.
»Ein oder zweimal im Monat, in letzter Zeit öfter«, sagte Vater.
»Jedesmal bei Vollmond«, witzelte Onkel Theodor. Aber der Doktor war ganz ernst. »Und wirklich jedesmal der selbe Traum?« fragte er.
»Derselbe«, sagte Vater. »Und wenn ich bei der Zeder bin, fangen die Zikaden an zu zirpen.«
Nun lachten alle, außer Mutter und Dr. Marangos.
»Das ist der Beweis, daß du träumst«, rief Onkel Theodor, »jedes Kind weiß doch, daß Zikaden nur bei Sonnenschein zirpen.«
Vater wurde nun ärgerlich. »Sie zirpen aber, die verdammten Biester«, schrie er, »ich bin doch kein Idiot, heilige Maria!«
Der wohlerzogene Nicos wußte, daß es Zeit war zu gehen. Seine Mutter warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu. Wenn, die Erwachsenen stritten, hatte er zu verschwinden. Er sagte leise »Gute Nacht«, küßte seine Mutter und schlüpfte ins Schlafzimmer. Lange sah er aus dem offenen Fenster in den Garten. Er hätte gerne gewußt, ob Zikaden wirklich auch manchmal des Nachts zirpen.
Es war der siebzehnte Geburtstag des türkisch-zypriotischen Fighters Mechmed Ali, und er hatte aus diesem Anlaß von seinem Offizier dienstfrei bekommen, das war Tradition in der Kompanie »Schwarzer Wolf«. So war er schon vor Morgengrauen mit seinem Rad aufgebrochen und die Hauptstraße von Nicosia nach Norden gefahren. Die Straße führt nach Kyrenia, der alten Hafenstadt an der Nordküste Zyperns. Aber so weit würde Mechmed Ali nicht fahren. Nicht, weil er die Entfernung mit seinem Fahrrad nicht bewältigen könnte. Die Insel ist klein, und von den nördlichen Vororten der, Hauptstadt Nicosia bis zur Nordküste sind es keine dreißig km. Aber am Kamm der Kyrenia-Berge, die die Küste von der fruchtbaren Ebene trennen und die Ebene zugleich schützen, beginnt eine feindliche Welt für den türkischen Zyprioten Ali Mechmed, liegen die Stellungen der griechischen Nationalgarde. Mechmed Ali wird nur bis zu den Berghängen fahren, bis Aghirda. Dort beginnt die alte Straße schmäler zu werden, sich zu winden und sich bergauf zu quälen bis hinauf zum Paß, wo die letzten türkischen Posten stehen, die letzten Menschen leben, die Mechmed Alis Uniform tragen und seine Sprache sprechen. An klaren Tagen sieht man von diesen Höhen über das Meer den Küstenstreifen des türkischen Festlandes, die Gipfel des Taurus-Gebirges, um diese Jahreszeit meist schneebedeckt. Die Posten starren an solchen Tagen stundenlang über das Meer, und wenn sie sich ablösen, sagen sie immer dasselbe, seit Jahren: »So nah und doch so fern«, sagen sie. Es ist wie ein Gebet geworden, ein Gebet der Hoffnung und der Resignation: So nah und doch so fern. Viel und wenig sind jene 65 km, die die Nordküste Zyperns von dem Kleinasiatischen Festland trennen. Zu viel, um die Ausstrahlung der Türkei im Norden Zyperns unmittelbar spürbar zu machen. Zu wenig für die in Zypern lebenden Türken, um ihr Mutterland, ihre Herkunft vergessen zu können. Die Türkei zu vergessen und Zyprioten zu werden, das war nicht möglich. Immer schon waren sie Türken gewesen. Und sie wollten, mußten es bleiben.
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