„Seit vorgestern abend!“
„Und da sind Sie gleich zu mir?“
„Ja. Das ist mir sehr wichtig!“
Wieder eine Pause. Sie ärgerte sich über die starre Art, mit der sein Blick an ihr hing.
„Und gedenken Sie lange in Deutschland zu bleiben?“
„Die Frage legt mir jeder hier vor! Die scheint unvermeidlich! . . . Ich kann nur antworten: Ein Vierteljahr wird man mich wohl ertragen müssen! Dann gehe ich wieder hinüber . . .“
Sie war unter seiner Unhöflichkeit zusammengeschreckt. Sie dachte sich: ‚Da hat mein Mann ja einen netten Busenfreund gehabt! Da könnte er nun sehen, wie die Leute drüben verwildern! Er war selber auch schon auf dem Weg dazu, wenn ich ihn nicht zurückgehalten hätte . . .‘ Merklich frostiger frug sie: „Da sind Sie wohl in Geschäften in Berlin?“
„Ja. Ich will mein Plantagenunternehmen vergrössern. Endlich fängt die Geschichte an, zu gehen. Namentlich der Hanfbau schlägt ein!“
„Das ist ja sehr schön!“
Gabriele Lünhardt hatte keine Ahnung, dass in Ostafrika Hanf gedieh. Es interessierte sie nicht im geringsten, was man da drüben trieb. Darum fand sie auch so schwer eine Anknüpfung für ein Gespräch.
„Sie waren von Hause aus Artillerist, sagte mir mein Mann einmal . . .“
„Jawohl!“
„Und dann in der Schutztruppe?“
„Jawohl!“
„Da haben Sie sich dann dem Zivilberuf als Plantagenleiter zugewandt?“
„Jawohl! Vor sieben Jahren . . .“
„Und diese ganze Zeit haben Sie sich keinen Urlaub gegönnt?“
„Nicht eine Stunde, sonst wäre der Karren stecken geblieben! Man muss bei der Stange bleiben, wenn man sich einmal etwas vorgenommen hat!“
Er sagte das sonderbar hart und feindselig und schwieg mit einem kurzen, verächtlichen Achselzucken. Gabriele wusste nicht recht, wem das galt. Der Ärger stieg immer mehr in ihr empor. Wozu war dieser Afrikaner eigentlich gekommen, wenn er nur dasass und sich die Antworten silbenweise herausquetschen liess? Sie wurde nicht klug aus ihm, aber immerhin, diesem einstigen Intimus ihres verstorbenen Mannes war sie jede Rücksicht schuldig. Sie nahm sich zusammen und forschte weiter: „Sie haben wohl eine Menge Bekannte hier?“
„Gott . . . ja . . .“
„Und Angehörige?“
„Meine alte Mutter!“
Es war keine Unterhaltung in Gang zu bringen. Sie versuchte noch einen Anlauf.
„Da sind Sie also immer noch nicht verheiratet, Herr von Ostönne?“
„Nein!“
Nun wusste sie nicht mehr, was mit dem steinernen Gast anfangen. Den schien das Schweigen zwischen ihnen nicht zu stören. Er hing seinen Gedanken nach und sagte endlich: „Ich hab’ jetzt nach Europa zurück müssen! . . .“
„Ihrer Gesundheit wegen?“
„Die ist in Ordnung! . . . Aber es ist hier so dummes Gerede über mich im Umlauf . . . Sie haben jedenfalls auch davon gehört . . .“
Es schwebte Gabriele Lünhardt dunkel vor, dass sie unlängst in einer Zeitung etwas überflogen hatte, was sich auf ihren Besucher bezog. Was, war ihr entfallen. Es hatte sie nicht interessiert.
Er fuhr fort: „Aber ich werde der Bande das Vergnügen versalzen! Alles Schwindel! Dabei acht Jahre her. Damals war Paul noch mit mir in Afrika!“
Paul . . .! Sie sah befremdet auf. Dann begriff sie, dass er ihren Mann meinte. Über den hätten sie überhaupt von vornherein sprechen sollen — sie dachte es sich im stillen — dann wäre ihr Zusammensein nicht so sonderbar feindselig wortkarg ausgefallen. Er war ja das einzige Bindeglied zwischen ihnen beiden. Aber Gabriele Lünhardt hatte nicht von ihm angefangen — aus einer Scheu und Abwehr, die sie jedesmal gegen seine früheren Gefährten überkam. Diese Leute aus Afrika hatten vor ihr sein Leben mit ihm geteilt. Diese Eifersucht war ja grundlos — sie hatte ihn ja schliesslich gehabt — aber trotzdem: es kostete sie immer eine Überwindung . . .
Gerade diesem braungebrannten, ein paarmal rätselhaft und düster vor sich hin lächelnden Mann gegenüber. Sie wusste nicht, was er im Schilde führte. Sie blickte ihn misstrauisch an. Er hatte noch etwas vor. Warum harrte er sonst so stumm und steif auf seinem Sessel aus? Da kam endlich der Tee. Es war eine Erlösung. Sie machte die Tassen zurecht und reichte ihm eine, während der Diener wieder ging. Er führte sie an die Lippen, setzte sie aber sofort wieder ab und frug unvermittelt: „Paul ist hier im Hause gestorben?“
Wieder fühlte sie einen Stich bei dem Wort: Paul. Aber sie zwang sich, freundlich zu antworten.
„Nicht hier, Herr von Ostönne! . . . Er hatte den schrecklichen Fehler begangen, dass er gar nicht auf die ersten bedrohlichen Symptome achtete — er als früherer Arzt! . . . aber er war doch immer so sorglos mit sich, ritt noch aus, obwohl er schon starke Schmerzen hatte. Mittags wurde es ganz schlimm . . . abends brachten wir ihn in die Klinik . . . aber es war zu spät . . .“
Die junge Witwe atmete schwer auf und legte die Hände im Schoss zusammen. „Ich habe Ihnen das übrigens ja alles seinerzeit nach Afrika geschrieben!“ sagte sie.
„Wenigstens das meiste!“
„. . . Also haben Sie den Brief bekommen?“
„Ja. Aber nicht beantwortet! Es gibt Sachen — die kann man nur sagen . . . geschrieben machen sie sich schlecht . . . ich habe lieber damit gewartet, bis mich mein Weg wieder einmal nach Europa herüberführte! Nun war ich ohnedies dabei, um dieser Ehrabschneiderbande, die sich hier gegen mich etabliert hat, das Handwerk zu legen . . .“
Er stellte die Teetasse, die er immer noch unberührt in der Hand hielt, vor sich auf den Tisch. Sie sah etwas Versonnenes, in sich Gekehrtes in seinen schwarzen Augen. Die Wildnis draussen hatte ihn, allein unter seinen Negern, das Schweigen gelehrt. Er hob den Kopf zu dem Bild seines Freundes hinauf. Dann schaute er wieder dessen Witwe an. Und diesmal so kalt und schonungslos, dass es ihr graute. Sie sagte, mit der Selbstbeherrschung einer Frau von Welt: „Man macht sich hinterher natürlich die verzweifeltsten Vorwürfe! Hätte man am Ende doch operieren sollen? . . . Wäre das besser gewesen? . . . Es haben mich ja freilich alle Autoritäten beruhigt. Es wäre doch so gekommen, so oder so . . .“
„Nein — die Ärzte haben ihn nicht umgebracht!“ versetzte Werner von Ostönne.
„Nicht wahr? . . . das sage ich mir auch immer!“ „Sondern Sie selber, gnädige Frau . . .“
Das Teezeug klirrte. Gabriele Lünhardt war jählings aufgesprungen. Sie traute ihren Ohren nicht. Sie starrte ihren Besucher an. War er am Ende wahnsinnig? Hatte er den Tropenkoller von drüben mitgebracht? Ihre erste Regung war, auf den Klingelknopf zu drücken. Aber sie hielt an sich.
„Was sagen Sie?“ frug sie, immer noch atemlos vor Schrecken.
Er war gleichgültig sitzen geblieben.
„Ich sage, dass Paul nicht an irgend solch einer zufälligen, dummen Geschichte gestorben ist, sondern an Ihnen!“
Das kam klar und langsam zwischen seinen wessen Zähnen unter dem dunklen Schnurrbart hervor. Sie trat vor ihm zurück. Sie konnte nur wiederholen: „. . . an mir . . . gestorben . . .? Ich glaube, Sie sind verrückt . . .“
Nun hatte auch er sich erhoben.
„Gott . . . Ich bin’s nicht mehr als andere . . .“ sagte er. „Jedenfalls nicht ärger, als es Paul in seiner letzten Zeit war . . .“
Die junge Witwe fuhr sich mit der Hand über die Augen.
„Ich weiss immer noch nicht, ob ich wache oder träume . . .“ versetzte sie. „Da steht jemand und behauptet mir ins Gesicht, ich hätte . . . bitte . . . Herr von Ostönne . . . dort drüben liegt Ihr Hut . . . wollen Sie ihn sofort nehmen und Ihrem Besuch ein Ende machen . . .“
Er achtete nicht auf ihre Worte, sondern kam auf sie zu.
„Herr von Ostönne . . . Sie haben gehört . . . zwingen Sie mich nicht zu einem Auftritt vor der Dienerschaft . . .“
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