Steht jemand in einer Theatervorstellung mitten im Zuschauerraum plötzlich auf, ist es gut für ihn, weil er dann besser sieht. Machen das alle, sehen alle schlecht.
Um diese Betrachtungen von John Maynard Keynes soll es in diesem Buch aber nicht gehen. Ich möchte vielmehr der Frage nachgehen, was wir aus der Sinnforschung und aus der Weisheitsforschung nicht nur für den Einzelnen lernen können, sondern auch, welche Antworten sich vor allem für die Politik ergeben könnten.
Und schon lande ich neuerlich bei John Maynard Keynes, denn schon acht Jahre vor seinem Hauptwerk „The General Theory of Employment, Interest and Money“ hat er 1928 in Cambridge eine sehr bedeutende und in den letzten Jahren oft zitierte Rede über eine mögliche Welt in hundert Jahren gehalten. Daraus wurde 1930 eine Vorlesung mit dem Titel „Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder“, die im Oktober desselben Jahres in zwei Folgen in der Zeitschrift The Nation and Athenaeum abgedruckt wurde.
Die Prognosekraft dieses kleinen Essays ist unglaublich und beeindruckend. Zwei Aussagen gleich vorweg: Der Lebensstandard 2030 werde bis zu achtmal so hoch sein wie heute (also damals, 1930) und wegen des rasant ansteigenden technischen Fortschritts werde man in der Lage sein, alle Tätigkeiten in der Landwirtschaft, im Bergbau und im Produzierenden Gewerbe mit „einem Viertel der menschlichen Anstrengungen von heute“ durchzuführen. Auch dann, wenn diese hohe Geschwindigkeit die Menschen schmerzen werde. Man sei schon heute „von einer neuen Krankheit befallen, deren Namen einige Leser möglicherweise noch nicht gehört haben, von der sie aber in den nächsten Jahren noch viel hören werden, nämlich der technologischen Arbeitslosigkeit“ 2. Damit meinte der Ökonom, Mathematiker, Politikberater und Politiker im Jahre 1930 (!) jene Arbeitslosigkeit, die entsteht, „weil unsere Entdeckung von Mitteln zur Einsparung von Arbeit schneller voranschreitet als unsere Fähigkeit, neue Verwendungen für Arbeit zu finden“ 3.
2030 werde laut Keynes das weltwirtschaftliche Problem im Großen und Ganzen gelöst sein, und die Menschen könnten sich der Muße und Freizeitgestaltung hingeben. Ganz konkret prognostizierte der Philosoph, der Keynes auch ist, eine Drei-Stunden-Schicht als täglich notwendige Arbeitszeit oder eine 15-Stunden-Woche.
Ich denke, das wird sich nicht mehr ganz ausgehen – bis 2030.
Was uns aber nicht daran hindern soll, schon heute die Frage zu stellen – und zwar unabhängig davon, ob wir irgendwann 21 oder viele von unseren Kindern und Enkeln 24 Stunden in der Woche arbeiten und den Rest „arbeitslos“ zu befüllen haben: Was genau hat denn dann SINN? Welche Handlungen geben uns einen Lebenssinn? An dieser Stelle sei die nicht sehr sinn volle Übersetzung von „That makes sense“ mit „Das macht Sinn“ erwähnt, nicht nur weil es schlicht und einfach falsches Deutsch ist. Sinn ist nicht machbar. Nicht erzeugbar.
Eine Tätigkeit hat Sinn oder keinen Sinn. Und Sinn ist da oder nicht da .
Man kann ihn suchen, vielleicht erkennen, bestimmte Dinge können auch einen Sinn ergeben, herstellbar ist er nicht. Warum fragen wir überhaupt nach dem Sinn? Hat es Sinn, nach dem Sinn zu fragen?
„Fällt dir nichts Sinnvolleres ein?“, war noch eine der nettesten Antworten von Freunden, Bekannten und Kollegen, als ich ihnen von meinem Buchprojekt erzählt habe. Von Zeitverschwendung bis „das Leben ist der Sinn“ reichten die Argumente gegen die intensivere Beschäftigung mit dem Sinn.
Nicht immer hatte ich Zeit und Muße für die ausführliche Erklärung. Die Kernantwort war und ist immer dieselbe. Es gehe ja gar nicht um den großen Sinn des Lebens. Es wäre doch vermessen, als politischer Journalist auf diese einzig wirklich große Frage der Menschheit eine Antwort auch nur suchen zu wollen. Es sollen mögliche Faustregeln und Anregungen angeboten werden, die einen in bestimmten Handlungen mehr oder weniger deutlich einen Sinn erkennen lassen. Und das auf mehreren Ebenen.
Da ist natürlich in erster Linie der Mensch selbst. Denn wie gesagt: Arbeit kann und wird voraussichtlich in den kommenden Jahrzehnten als bisheriger Hauptsinnstifter außerhalb des Familienlebens für viele von uns und vor allem für unsere Kinder und Enkel in welchem Ausmaß auch immer wegfallen.
Und was dann?
Aber nicht nur der Mensch als Individuum soll hier Objekt der Sinnfrage sein. Auch die Wirtschaft. Wozu wird der Produktionsfaktor Mensch noch gebraucht werden? Und wenn tatsächlich in immer geringerem Ausmaß, woher soll das Einkommen für Konsumenten kommen, und vor allem: Was wollen Menschen, die immer weniger arbeiten noch konsumieren? Man stelle sich vor, immer mehr Menschen finden Gefallen an Dingen, die nichts kosten, und hören auf, Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen. Was würde das auf Dauer für den Kapitalismus bedeuten?
Und was wird schließlich der Sinn von Politik sein, wenn ein immer größer werdender Teil des Wahlvolks schon vor demokratisch gewählten Volksvertretern umgedacht hat und diese mit ihren Parteiprogrammen dem Willen der Wähler zeitlich hinterherhinken?
Eine Partei, die Wirtschaftswachstum nicht in ihrem Programm hat beziehungsweise dieses Wirtschaftsziel nicht in das Spitzenfeld ihrer Prioritätenliste aufgenommen hat, ist in der westlichen Welt nicht zu finden, und wenn doch, stehen ihre Erfolgschancen schlecht. Noch. Das könnte sich allerdings in diesem Jahrhundert rasch ändern. Was jedoch auch das Ende des Kapitalismus wäre.
Was aber käme nach dem Kapitalismus? Würde das neue System einen Sinn ergeben?
Die Sinnfrage wird sich, ob wir das nun wollen oder nicht, durch alle Gesellschaftsebenen ziehen. Von uns als Einzelkämpfer bis zum multinational tätigen Konzern.
Ein Kapitel in meinem ersten Buch (2009), welches ich zusammen mit dem weit über den deutschen Sprachraum hinaus bekannten Ökonomen Prof. Kurt W. Rothschild geschrieben habe, lautet: „das Ende der Selbstverständlichkeiten“. Heute, zehn Jahre später, ist es sinngemäß zum Titel dieses Buches geworden.
Jedenfalls erscheint heutzutage noch viel weniger als selbstverständlich als damals und erst recht gegenüber den 1960er-/1970er-Jahren. Was gilt denn noch? Was hält denn noch? Ehe, Beruf, politische Koalitionen, der Glaube an eine bestimmte Religion? Und dazu der Glaube an ein Produkt – an ein Objekt der Begierde am Gütermarkt? An eine Form des Zusammenlebens, einen Gott, einen Arbeitgeber, eine Stammpartei, eine Automarke, ein Kleidungsgeschäft, eine Skimarke. Ich könnte sie alle aufzählen, diese „Das und sonst nichts“-Kaufentscheidungen von damals, auch die meiner Eltern. Vom Kleidungsgeschäft über das Wirtshaus bis zur Automarke.
Drei fixe Mahlzeiten am Tag.
Zwei oder drei fixe Radio- und/oder Fernsehsendungen.
Fixe Sporteinheiten – zumindest bei einem Teil der Bevölkerung.
Ein Kinotag. Ein Einkaufstag. Und – erzwungenermaßen – in der Zeit der Ölkrise: der autofreie Tag. Und heute? Vielfältige Möglichkeiten menschlichen Zusammenlebens. Zweifel an Religionen, mehrere, einer oder kein Arbeitgeber, keine Stammpartei, mehrere Automarken, Hunderte Kleidungsanbieter, nicht ganz so viele Skimarken. Große, zig kleine oder gar keine Mahlzeiten, keine fixen Radio- und/oder Fernsehsendungen, kaum sportliche Betätigung oder nur dann, wenn zwischen 06:00 Uhr und 07:00 Uhr oder ab 20:00 Uhr Lust und Zeit bleiben. Kein spezieller Kinotag, sondern irgendwann, wenn es die Zeit zulässt. Kein geplanter Einkaufstag, sondern shoppen zwischendurch. Keine acht Stunden Schlaf.
Gefragt sind Entscheidungen. Nicht eine. Dutzende. Und das innerhalb von 24 Stunden. Sechs Stunden Schlaf weggerechnet (im Schnitt – variabel).
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