Maria de Lurdes, entschuldige dich bei deiner Mutter! Wenn Vater wütend wird, ist meine Schwester Maria de Lurdes, aber in der übrigen Zeit ist sie Milucha. Die Kleine hat wenigstens ein bisschen was gegessen, unsere Mutter verteidigt uns fast immer. Vater wird wütend, wie soll ich sie erziehen, wenn du immer zu ihnen hältst, er schlägt mit der Faust auf den Tisch, das Besteck klingelt auf den Tellern, kling kling, Mutter blinzelt, es könnte ein fröhliches Geräusch sein, wie bei einem Trinkspruch, die Partys im Mutterland haben bestimmt dieselben Geräusche, kling kling, Feste sind überall ähnlich, Mutter steht vom Tisch auf, kling kling, sie stolpert über ihre hohen Absätze, ihre dünnen Beine, die Tabletten nehmen ihr den Appetit, die Nachbarinnen sind nicht mehr da, um über Mutters Kleider zu lachen, kling kling, die Nachbarinnen in den richtigen Kleidern, die von der Schneiderin aus der Burda kopiert waren und die ihre dicken Oberschenkel und Knie frei ließen, jetzt essen wir den Milchreis, sagt Mutter und stellt die Tassen vor uns ab, kling kling, sie setzt sich wieder, ihre Lippen völlig verdeckt vom rosa Lippenstift, ihre Augen noch düsterer unter dem blauen Pulver, das sie sich auf die Lider schmiert, die Nachbarinnen kommentierten, wie sich Dona Glória nur wieder geschminkt hat, die Nachbarinnen mit ihren Gutmenschengesichtern und den Lackierungen, die sie sich im Salon von Dona Mercedes auftragen ließen und die ihre Stirnpartien so hoch machten, dass sie wie Außerirdische wirkten, die Nachbarinnen mit ihren giftigen Zungen, Dona Glória, Sie sind aus dem Alter raus, in dem man das Haar lang tragen kann, die Leute werden sich noch die Münder zerreißen, gewiss wollen Sie nicht wegen einer solchen Kleinigkeit ins Gerede kommen, kling kling. Vor mir steht die Tasse mit dem Milchreis, darauf ein schlecht gezeichnetes R aus Zimt, R für Rui, L für Lurdes, M für Mário und G für Glória. kling kling.
Vater zündet eine weitere Zigarette an, drückt sie aber sofort wieder im Aschenbecher aus, der das Logo von Cuca auf dem Boden trägt, er beklagt sich, nicht einmal die Zigaretten schmecken wie sonst. Dona Alzira hat ihm den Aschenbecher vermacht, ihr Mann war zwanzig Jahre lang Zusteller in der Bierbrauerei und bekam Aschenbecher geschenkt, obwohl er in seinem Leben nicht eine Zigarette geraucht hat, im Haus von Dona Alzira standen überall Aschenbecher für die Besucher, vielleicht haben Dona Alzira und ihr Mann sogar einen Koffer voller Aschenbecher ins Mutterland mitgenommen. Maria de Lurdes, wiederholt Vater wütend, meine Schwester weiß, dass sie sich bei Mutter entschuldigen muss, ich wette, ihr gehen Rachepläne durch den Kopf. Die Mädchen im Mutterland sind bestimmt auch rachsüchtig. Sie wären keine Mädchen, wenn sie es nicht wären.
Ich würde gern nach Brasilien oder nach Südafrika ziehen. Wenn wir nach Amerika zögen wie Senhor Luis, das wäre wunderbar. Das Leben in Amerika ist bestimmt gut. Der Flug nach Amerika würde noch länger dauern, ich habe Angst, dass mir im Flugzeug schlecht wird wie Gegé, als er in den Ferien ins Mutterland flog. Als wir klein waren, nahm Vater uns zum Flugzeuge-Schauen mit, wir saßen auf der Terrasse des Flughafens und tranken Limonade, näher sind wir dem Fliegen nie gekommen. Wir mochten sogar den Lärm der Flugzeuge. Auf dem Heimweg im Auto wollte meine Schwester spielen, dass wir im Flugzeug sitzen, man muss sich nur vorstellen, dass der Wagen durch die Luft fährt, niemand kann sich so gut dumme Spiele ausdenken wie Mädchen. Gegé hat im Flugzeug gekotzt, das ist so normal, dass es sogar extra Tüten dafür gibt, Gegé ist ein Lügner, aber ich glaube, da hat er die Wahrheit gesagt. Wenn mir schlecht wird, will ich Vater gar nicht anschauen, das wäre so peinlich, ein Mann kotzt nur, wenn er betrunken ist oder etwas Verdorbenes gegessen hat.
Die Sonne taucht unter den niedrigsten Ästen des Mangobaums auf und vertreibt die Schatten auf den Liegestühlen im Hof. Wir werden nie wieder unseren Mittagsschlaf auf den Liegestühlen halten, Vater wird sich nie wieder auf die Holzbank setzen, damit der Barbier ihm das Haar stutzt und ihn rasiert, ein weißer Barbier, nur ein Verrückter würde es zulassen, dass ihm ein Preto ein Messer an den Hals setzt. Mein Bart rechtfertigt noch keinen Barbier, in meinem Alter trug Vater schon den Bart, den er heute hat, wir wurden früher zu Männern, sagte der Barbier, es ist gerade so, als würde das Lernen sie langsamer machen. In der Stimme des Barbiers lag eine gewisse Verachtung, Lernen ist das beste Instrument, das wir ihnen geben können, sagte Vater wütend und beendete das Gespräch. Der Barbier ist schon fort, bestimmt ist er im Mutterland und erzählt den Zwergenwitz. Ein Betrunkener sieht, wie eine Gruppe von Zwergen aus einer Bar kommt, sieh nur, sieh nur, die Tischfußballer gehen heim, Vater musste bestimmt lachen, als der Barbier den Witz zum ersten Mal erzählte, und er erzählte ihn jedes Mal, wenn er zu uns kam, es gelang ihm, immer wieder über denselben Witz zu lachen, Passen Sie auf, dass Ihnen nicht die Hand ausrutscht und Sie mir die Kehle aufschlitzen, ermahnte Vater ihn. Der Barbier ist bestimmt im Mutterland, vielleicht sehen wir ihn dort wieder, Vater sagt, das Mutterland ist nicht groß, gut möglich, dass wir uns dort alle treffen, vielleicht sehe ich Paula wieder. Wenn ich es recht bedenke, will ich sie nicht wiedersehen, Paula ist nicht einmal so hübsch und überhaupt nicht lustig, das einzige, was sie für ihr Leben gern tut, ist, Schaufenster anzusehen, die vielen Stunden, die ich mit ihr vor dem Schaufenster von Sarita gestanden und Kleider angeschaut habe, sie sind so hübsch, nicht wahr, gefällt dir das blaue besser oder das grüne. Ich wusste es nicht, aber Paula, sag schon, sag schon. Das grüne. Und Paula, aber das blaue ist viel schöner, Jungs sind alle gleich, haben überhaupt keinen Geschmack. Ich muss die Mädchen aus dem Mutterland kennenlernen, wunderschöne Mädchen mit Kirschen an den Ohren und Tanzschuhen an den Füßen.
Mutter isst den Milchreis nicht, ihr fehlt Zitrone, während sie die gestickten Dahlien auf dem Tischtuch streichelt, sagt sie, Ich hätte nie gedacht, dass es eines Tages niemanden in diesem Viertel mehr gibt, den ich um eine Zitrone bitten kann. Ich glaube, der Milchreis hat zu lange gekocht, doch ich sage nichts und schlucke ihn hinunter wie Medizin. Mutter beginnt das Gespräch, das sie sonst mit den Besuchern führte, dies ist eine der Tischdecken aus meiner Aussteuer. Vielleicht ist es die angemessenste Unterhaltung, denn wir wirken selbst wie Besucher. Aber wir sitzen am Küchentisch, und in die Küche kamen die Besucher nie. Als ich hierherkam, um bei eurem Vater zu sein, brachte ich den gelben Koffer mit, er war voll mit meiner Aussteuer, alles hatte ich selbst gemacht, ich hatte es so eilig, hierher zu kommen, tagsüber arbeitete ich auf dem Feld und abends stickte ich, so eilig hatte ich es, dass ich kaum schlafen konnte, ich konnte nicht glauben, dass ich ein Haus mit Wasserhähnen haben würde, unmöglich! Weil ich es so eilig hatte, musste ich diese Dahlie dreimal wieder auftrennen, hier sieht man noch immer den zerstochenen Stoff, ein Haus mit Wasserhähnen bedeutete, dass ich nie wieder Wasser von der Quelle würde schleppen müssen, wie habe ich diese blauen Krüge gehasst, einen auf dem Kopf und einen in jeder Hand, vom Haus zur Quelle und von der Quelle zum Haus, der Weg nahm kein Ende mit so viel Gewicht, im Dorf gab es kein einziges Haus mit Wasserhähnen, ein Haus mit Wasserhähnen, aus denen Wasser käme, wann immer man wollte, das war nur weit weg von diesem Elend möglich, an einem so entfernten Ort, dass nicht einmal die Kälte dorthin gelangte, ich glaubte gar nicht, dass es hier keine Kälte gab, zwei gefütterte Decken stopfte ich in den Koffer mit der Aussteuer, an diesem Punkt lachte Mutter immer, aber heute nicht. Der Koffer mit der gelben Kunststoffschicht und den schwarzen Rhomben, in dem die Aussteuer herkam, steht neben der Nähmaschine und bleibt hier. Heute gelingt es Mutter nicht, darüber zu lachen, dass sie gefütterte Decken in diese Hitze mitbrachte. Von der Aussteuer wird Mutter nur die Leinendecke mitnehmen. Es ist nicht ihre Lieblingsdecke, doch es ist diejenige, die im Notfall das meiste Geld einbringt.
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