1 ...7 8 9 11 12 13 ...26 »Du bist eben eine Brasilianerin!«
»Wenn sie das noch wäre«, entgegnete die Tochter des Abgeordneten. »Aber sie ist nichts; sie ist –«
Mit gekrümmten Lippen, die das Wort unter Selbstüberwindung hervorbrachten:
»International!«
Der Ekel im Gesicht der Sprechenden steckte alle übrigen Mienen an; und als habe man neben sich eine Schande, wandte man sich schweigend zu etwas anderem. Ein Dienstmädchen trat ein:
»Fräulein Lola, ein Brief für Sie!«
Von Pai! Lola stürzte damit hinaus, schloss sich ein. Sie zitterte, und im jähen Gefühl, in einer äußersten Minute ihres Schicksals zu stehen, murmelte sie: »Mein Gott! Mein Gott!«
Dann erfuhr sie:
»Meine liebe Tochter! Deine Nachrichten habe ich erhalten und ihnen zu meinem Bedauern entnommen, dass die dortigen Verhältnisse Dir nicht mehr so zuzusagen scheinen, wie ich gewünscht und erwartet hätte. Es ist jederzeit für uns von Nutzen, unserer Umgebung Wohlwollen entgegenzubringen; umso mehr aber erscheint dies geboten, wenn wir, menschlicher Berechnung nach, einen großen Teil unseres Lebens am fraglichen Platze verbringen werden. Übrigens denke ich mich in einiger Zeit persönlich nach Dir umzusehen, und verspreche ich mir von diesem, nicht durch meine Schuld so lange verschobenen Wiedersehen eine bedeutende Genugtuung. Somit halte ich ein Herkommen deinerseits zurzeit nicht für angezeigt. Du darfst versichert sein, dass wir nicht mehr allzu lange getrennt bleiben werden, und dass, wenn ich einst in der Lage sein werde, meinen Wohnsitz ganz nach dort zu verlegen, auch Deine Mutter mit hinüberkommen wird. Deine Mutter grüßt Dich, kann Dir jedoch das gewünschte Bild nicht schicken, da sie sich neuerdings auf keiner Fotografie mehr getroffen findet.
Über das, mein liebes Kind, was wir im Leben sein werden, entscheidet das Blut, welches wir bei unserer Geburt mitbekommen. Unter einem nicht blutsverwandten Volk werden wir uns niemals vollkommen wohl und heimisch fühlen. In Dir, meine Tochter, fließt, wie ich hoffe und glaube, ein vorwiegend deutsches Blut, und als deutsches Mädchen gedenke ich Dich dereinst wiederzufinden. Es wird Deine Aufgabe sein, Dich dort mehr und mehr heimisch zu machen.
Nimm diese Worte von Deinem Vater mit Liebe auf. Es ist und kann ja nur mein einziger Wunsch sein, Dich glücklich und zufrieden durchs Leben schreiten zu sehen.«
Lola war fertig und nahm doch das Blatt nicht von den Augen. Kein Bild von Mai, nicht einmal das! Nicht nach Hause, kein Bild, kein gutes Wort. Denn diese alle hörten sich hart und verständnislos an. Sich heimisch machen! Hier, wo sie noch soeben beschimpft und geächtet war! Pai wusste nichts; niemand wollte etwas wissen von Lola. Alles aus, alles aus.
»Was ist dir?« fragte, als es zum Essen geläutet hatte, teilnahmsvoll Erneste. »Du hast doch keine schlechten Nachrichten von den Deinen?«
»O nein, es geht ihnen gut; aber mir selbst ist nicht wohl.«
Sie bekam die Erlaubnis, sich sogleich niederzulegen, und war froh, als der Arzt ein wenig Fieber feststellte. Im Bett bleiben, niemand sehen, nur nicht den Blicken der Fremden ausgesetzt sein. Lola fühlte gar keinen Mut, sich zu behaupten. Wie sie, drei Tage später, sich wieder zeigte, genoss sie die Vorrechte der Genesenden, durfte schweigen und Launen nachgeben. Sie saß bleich und schwach da, und anstatt einer Lehrerin zu antworten, musterte sie sie, als erblickte sie sie zum ersten Mal. Was für ein Gesicht war doch dies; wie viel Unschönes enthielt es! Diese immer geärgerten Augen, die gelben Schläfen, die kleinlichen Falten, die den Mund zerkniffen! Vor Lolas starrem Blick ward es älter, immer älter und endlich zur Mumie. Erschreckt riss sie sich los. Wenig später aber sah sie sich im Gesicht einer rezitierenden Mitschülerin fest, dessen Leere sich Lola plötzlich auftat wie ein Abgrund.
Das ward zur Sucht. Sie las aus einem der vielen Gesichter, die ihr jetzt abstoßend schienen, alle in der Familie möglichen Abweichungen des Typus heraus, und ward bedrängt von Fratzen. Die Dummheit oder Gewöhnlichkeit gewisser Züge überwältigte sie täglich wieder, wuchs ihr entgegen, wie eine Sonne, in die man fällt. Lola atmete dann kürzer und meinte zu verblöden.
Sie bekam einen quälend feinen Sinn für das Alberne eines Tonfalles und das Untergeordnete einer Gebärde. Sie frohlockte und litt bei jeder Geschmacklosigkeit, die jemand beging. Sie legte eine Liste der Armseligkeiten an, die um sie her geschahen und geredet wurden, und las darin mit bitteren Rachegefühlen. So waren ihre Feindinnen! Denn Lola war überzeugt, dass alle sie hassten, und sie erwiderte es ihnen. Aus jeder Gruppe von Mädchen glaubte sie ihren Namen zu hören; sie trat hinzu: »Sprecht weiter, bitte«; und ihre Stimme, die sie aus ihrer Einsamkeit unter die Feinde schickte, wollte höhnisch sein und war unsicher. Eines Abends beim Teemachen explodierte die Spiritusmaschine und überschüttete Lola mit blauen Flämmchen. Während sie noch mit einer Serviette ihr Kleid abtupfte, rief sie schon:
»Das warst du, Berta! Du wusstest wohl, dass ich heute an der Reihe war, Tee zu machen; eigens deswegen hast du vorher aufgegossen und hast den Docht falsch eingeschraubt!«
»Um des Himmels willen, Lola, ich habe dich doch nicht verbrennen wollen!«
»Wer hat mir neulich die glühend heiße Schüssel in die Hand gegeben?«
»Ich wusste es doch nicht! Auf der anderen Seite war sie kalt!«
Das gutmütige Mädchen weinte fast. Erneste bemerkte kummervoll:
»Du bist misstrauisch, Lola, das ist keine schöne Eigenschaft.«
Lola war misstrauisch, weil sie sich verraten fühlte. Sie war empfindlich, weil sie allein und immer auf der Wacht war. Andere hatten Stützen: das Ansehen eines Vaters, einen Namen, jemand, der sie besuchte. Eine kleine plumpe Person mit Eulenaugen und Brillen davor ging, sooft sie sich irgendwie blamiert hatte, umher und wiederholte: »Ich habe das Wörtchen von. Du hast es nicht, ich aber habe es.« Lola suchte vergeblich nach einer Rache dafür. Da aber begegnete ihr in der Zeitung, dass der Reichstagsabgeordnete, der Vater ihrer ärgsten Feindin, Bankerott gemacht habe. Das Herz klopfte ihr bis an den Hals vor Freude. War’s eine Schande, »international« zu sein, war’s hoffentlich auch eine, Bankerott zu machen! Mit dem Zeitungsblatt lief Lola von einer zur anderen, gefolgt von der Tochter des Abgeordneten, die jammerte: »Es ist nicht wahr« und endlich zu Erneste floh, sie möge Lola Einhalt tun. Aber Lola war unerbittlich. Dafür konnte sie’s, als unerwartet Jennys rote, spießige Mutter bei Tisch saß und das Wort führte, vor Erbitterung und Gram nicht bis zu Ende aushalten, musste sich in ihr Zimmer retten und einen Weinkrampf durchmachen. »Nie wird Mai kommen! Die hässlichen, gewöhnlichen Menschen sind wenigstens gut mit ihren Kindern!«
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