Für Kreuzfahrer und Jachtbesitzer ist der Abstecher in die Bucht von Kotor ein unbedingtes Muss. Eine reguläre Fähranbindung besteht derzeit nicht.
Herceg Novi
Die hübsche Altstadt Herceg Novis innerhalb der alten Befestigungsmauern ist klein, sodass der erste Eindruck bestimmt ist von den wenig stimmungsvollen Hotel- und Wohnungsblocks, die sich im spätsozialistischen Stil die Hänge hinaufziehen. So verkaufen sich Herceg Novi und die mit ihm zusammengewachsenen Ortsteile etwas unter Wert, der Beliebtheit bei einheimischen Touristen tut das jedoch keinen Abbruch: Mehr Badegäste als an den Plattformen rund um diesen vordersten Teil der Bucht drängen sich nur noch in Budva.
Herceg Novi ist die Keimzelle des Tourismus in Montenegro, wie so häufig waren es die mobilen Briten, die um die vorletzte Jahrhundertwende im Sommer in die Stadt kamen. Der sportlichere Teil von ihnen richtete den Blick auch schnell nach oben und begann mit der Erkundung des Orjen-Gebirges über der Stadt; damit war der Grundstein für die heute vorbildliche Erschließung dieser Berglandschaft für Wanderer und Bergsteiger gelegt. Die Attraktivität der Stadt wurde zum einen maßgeblich bestimmt von den klimatischen Bedingungen: Hier ist es noch einmal spürbar milder als an der ohnehin sonnigen östlichen Adria, und auch im Winter ist ein T-Shirt oft genug Kälteschutz, während wenige Kilometer weiter schon der Reif von den Autos gekratzt werden muss. Zum anderen ist Herceg Novi - hat man die Bausünden hinter sich im Rücken - ein ausgesprochen gelungenes Ensemble aus alter Befestigungsanlage und Sommerfrischler-Villen. Das finden auch Staatsleute und Künstler: Tito hatte hier einen seiner formidablen Sommersitze, und der aktuelle Präsident lädt ebenfalls zu repräsentativen Anlässen gerne in die großen Hotels nach Herceg Novi. Der immer noch hochverehrte Ivo Andrić, jugoslawischer Literaturnobelpreisträger von 1961, verbrachte die letzten Jahres seines Lebens am Eingang der Boka, und 2005 machte der Regisseur Emir Kusturica mit Immobilienerwerb an der Strandpromenade von sich reden.
Endstation Herceg Novi: Bahnhof der stillgelegten Küstenbahn
Mittlerweile sind mehrere kleine Orte mit dem Kern um die Altstadt zusammengewachsen. Am nordwestlichen Ende der Urbanisation liegt der Kurort Igalo, quadratisch zugeklotzt durch einen riesigen Hotelkasten, das angegliederte Gesundheitsinstitut und mehrere Rehakliniken. Grund für die Konzentration medizinischer Einrichtungen sind die Thermalquellen, die im Uferbereich Igalos dem Meer zufließen. Dieses Wasser und der davon durchtränkte Heilschlamm werden für badetherapeutische Anwendungen eingesetzt. Auf einem blickdicht zugewachsenen Hügel neben den Hochhausbauten befindet sich die riesige Villa Galeb (137 Zimmer!), von Tito zum Angeben vor internationalen Gästen oder zur eigenen Erholung genutzt.
Ein paar Schritte die Uferpromenade weiter beginnt Topla, der Strandrummel (in Igalo noch kurortlich gebremst) setzt hier mit voller Kraft ein. Am Ufer reihen sich Café an Pizzeria und Pizzeria an Eisdiele, den Hügel hinauf ziehen sich Villen und vikendicas (Ahnen Sie noch das englische weekend in diesem Wort?) vor allem wohlhabender serbischer Bürger. Die Vegetation indes gibt einen Aufschluss auf die Ortsbezeichnung: topla heißt nämlich „warm“, und so gedeihen hier Dattelpalmen, Kiwiranken, Granatapfelbäume und Agaven in den zahlreichen Vorgärten. Zu Topla gehört außerdem das Gebäude der ehemaligen Klosterschule, deren Schulbänke dereinst vom Dichterfürsten Petar Petrović Njegoš gedrückt wurden. Heute befindet sich hier das Heimatmuseum Herceg Novis. Ebenfalls zu besichtigen ist das - unaufregende - Wohnhaus von Ivo Andrić.
Hinter dem kurzen Fußgängertunnel am Meer entlang beginnt dann das eigentliche Herceg Novi, die touristische Infrastruktur gleicht der Toplas. Hinter Forte Mare, der unteren Befestigungsanlage, reihen sich noch einige große Hotels am Wasser, dann wird es deutlich ruhiger. Meljine schließlich beherbergte früher ein Ferienheim für Marineangehörige und ihre Familien, jetzt prunkt auch hier ein Luxushotel mit Jachthafen.
Herceg Novis leicht morbider Charme
Als Ausgangspunkt für Exkursionen in das ganze Land ist Herceg Novi sicherlich eine unglückliche Wahl, die Randlage an der Nordgrenze sorgt für erhebliche Fahrzeiten zu eigentlich jedem Ziel außerhalb der Bucht von Kotor. Für Strandferien mit gelegentlichen Exkursionen bietet die Stadt aber durchaus ausreichendes Potential auch für einen längeren Urlaub. Außerdem sind es nur wenige Kilometer in das über der Stadt thronende Orjen-Gebirge mit seinen tollen Wandermöglichkeiten. Wer nur einigermaßen zeitig aufsteht, schafft es spielend morgens auf den Radoštak (1455 m) und kann den ganzen Nachmittag am Strand in der Sonne liegen.
Geschichte
Herceg Novi ist eine der jüngeren Ansiedlungen in der Bucht von Kotor. Die Gründung datiert auf das Jahr 1382, als der bosnische König Tvrtko I. den Eingang zur Bucht mit einer Festung sichern ließ; der in ihrem Schutz entstehenden Ansiedlung gab er den Namen des Heiligen Stefan. Ungefähr 80 Jahre später verstärkte Stjepan Vuksić, der nach dem Untergang des bosnischen Königreichs als Herzog von Hum zum stärksten Regionalfürsten avanciert war, die Befestigung des Stützpunkts erheblich und sorgte damit für den heutigen Namen: Herceg Novi - „die Neugründung des Herzogs“. 1482 besetzten die Türken die Stadt und damit auch den Zugang zur Boka. Mit Ausnahme eines kurzen spanischen Intermezzos 1538/39 behielte sie für gut 200 Jahre die Kontrolle über Stadt und Bucht. In dieser Zeit entstand das Gesicht der heutigen Altstadt mit den großen meer- und bergseitigen Befestigungsanlagen. 1687 bis 1797 durften dann die Venezianer die Stadt ihrem Herrschaftsgebiet einverleiben, es folgten Franzosen (bis 1813), 1813/14 einige Monate der Eigenständigkeit und schließlich die österreichischen Habsburger, die bis 1918 blieben. Seitdem gehört Herceg Novi zu Montenegro.
Sehenswertes
Forte Mare: Nach recht plausiblen archäologischen Vermutungen liegt hier die Keimzelle der 1382 als Sveti Stefan gegründeten Stadt, die sich im Schutz der Uferbefestigung zur heutigen Altstadt entwickelte. Nach der Eroberung bauten die Türken die Anlage massiv aus und gaben ihr die grundlegende Struktur. Mit den Arbeiten am Abba-Pasha-Turm, so der türkische Name des Bauwerks, wurde 1542 begonnen, sein heutiges Gesicht bekam das mächtige Wehr aber erst 1883, als die österreichischen Herrscher der Bucht es mit Zinnen und Kanonenrampen versahen. Der Name Forte Mare stammt aus venezianischer Zeit. Auf der obersten Plattform steht eine große Kinoleinwand, die u. a. zum Kinofestival bespielt wird.
Die Mauern von Herceg Novi
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