Fahrten- oder Sportsegler werden die Küste dagegen als wenig herausfordernd finden, dafür weht es einfach zu schwach, eine besondere Spielart des windgetriebenen Vortriebs hat sich aber vor dem großen Strand in Ulcinj etabliert: Das geringe Wassertiefe und ein verlässlicher auflandiger Wind haben Ulcinj als Kitesurfing-Spot der ersten Kategorie in den Katalogen der Spezialanbieter fest etabliert.
Unterwegs in Montenegro
Die Bucht von Kotor und das Hinterland
Gleich nach Überschreiten der nördlichen Landesgrenze haut Montenegro mit einer Natursensation ersten Ranges auf die Pauke: Bewegungen der Erdkruste und das Meerwasser haben ein fast 30 km langes Becken in die Küste getrieben, eingerahmt von fast 1900 m hohen Bergen.
Knapp 87 km² Wasserfläche machen die Bucht von Kotor zum größten Fjord südlich von Skandinavien - auch wenn’s streng genommen gar kein Fjord ist.
Die Bucht von Kotor ist das Cover-Motiv Montenegros und für gar nicht so wenige Besucher des Landes ist sie sogar Montenegro - viel mehr bekommen Kreuzfahrttouristen, die sich den Landgang mit einem Einreisestempel im Pass dokumentieren lassen, vom Land gar nicht zu sehen. Der Sprung ins Salzwasser und die Bergwanderung lassen sich hier spielend an einem Tag realisieren, von Meereshöhe bis zu den wolkenhohen Gipfeln des Orjen und Lovcen liegt an manchen Stellen bloß eine weite Steinwurfdistanz, und das erhebt die erste Begegnung mit dem einzigen Fjord südlich Skandinaviens in den Rang eines echten Naturspektakels mit echtem Wow!-Potenzial.
Die einzigartige Topografie der langen Bucht ist nicht unbemerkt geblieben, und das schon lange vor dem Beginn des modernen Tourismus. Schon vor Jahrtausenden fanden griechische Schiffe in dem riesigen Naturhafen Schutz vor dem Unbill des Mediterrans, die gleiche Feststellung machten kurz darauf die Römer, Venezianer, Türken, Österreicher und wer sonst noch so Kriegs- und Handelsflotten über das Mittelmeer schickte. Deshalb greift der Titel des Weltnaturerbes für die Bucht von Kotor eindeutig zu kurz, und so hat die UNESCO auch gleich noch das Weltkulturerbesiegel mit auf das Typenschild gravieren lassen.
Die Qualitäten der Bucht von Kotor sind erstaunlich lange ein Geheimtipp geblieben, aber jetzt sind sie alle da, ganz besonders die ganz Reichen (gelegentlich auch Schönen). Sichtbarster Ausweis ist die gewaltige Zahl von Liegeplätzen für Urlaubsboote von erklecklicher Länge - in den Jachthäfen von Tivat und jetzt bald auch noch Djenovici können auch Renommierkähne über 100 m Länge problemlos geparkt werden. Auch die lange unberührte Halbinsel Lustica zwischen Bucht und offenem Meer ist mittlerweile von geradezu irrwitziger Investitionstätigkeit überrollt worden. Man findet sie immer noch, die ursprünglichen Orte, aber der Platz wird knapper.
Hinter der ersten Gipfelkette hört Montenegro aber nicht einfach auf, ein Ausflug in die Küstengebirge gehört unbedingt noch in die Reiseplanung. Während das nahezu unbewohnte Orjen-Gebirge in erster Linie für Wanderer und Bergsportler attraktiv ist, führen die 27 legendären Kehren der Passstraße hinauf zum Krstac oberhalb Kotors in die historischen Urgründe des Landes. Gerade einmal eine lange Wanderung entfernt, auf der anderen Seite des Gebirgszugs, liegt mit Cetinje die ehemalige Hauptstadt des Landes (bis 1918), und das kann man der Miniaturversion einer europäischen Metropole auch heute noch gut ansehen.
Was anschauen?
Perastund Kotor: Beide Orte zeugen auf recht unterschiedliche Art vom Reichtum der Bucht - Kotor als schwer befestigte Trutzburg, Perast als weltoffenes Domizil einer Seefahrerelite.
Die Supermarina von Tivat: Die Megajachten von Scheichs und Jet-Set dümpeln friedlich im ruhigen Wasser der Bucht. Milliardäre fast zum Anfassen.
Cetinje: In der alten Kapitale reihen sich Botschaften an Museen an Paläste. Europa des 19. Jh. im Kleinformat.
Was unternehmen?
Orjen und Lovcen: Echte Gebirgserfahrung mit Blick auf das Mittelmeer. Eine Wanderung durch den Karst der Berge an der Küste gehört unbedingt dazu.
Die Strände der Lustica: Noch gibt es sie, die abgelegenen Buchten zum offenen Meer - unbedingt noch beschwimmen, bevor sinistres Hochkapital auch hier alles zubaut.
Tauchen in der Boka: Seit Jahrhunderten herrscht hier reger Schiffsverkehr, entsprechend viel liegt am Meeresgrund herum - unter Wasser gibt es richtig was zu sehen.
Und was sonst?
Karneval: Sowohl Kotor als auch Herceg Novinehmen den Rang von Karnevalshochburgen für sich in Anspruch. Zum Glück liegt die Betonung nicht so sehr auf „lustig“ als vielmehr auf „lecker“.
Die äußere Bucht
Tivat und Herceg Novi sind die beiden bestimmenden Städte des vorderen Teils der Boka Kotorska, in und um diese beiden Städte konzentriert sich auch die touristische Aktivität mit den meisten Übernachtungsmöglichkeiten.
Sanfter Tourismus ist sicher nicht die Leitmaxime dieses Bereichs: In den Spitzenwochen von Mitte Juli bis Mitte August muss die Rendite für das ganze Jahr erwirtschaftet werden, und da ist man in der Wahl der Waffen nicht zimperlich - im Zweifel schlägt hohe Kapazität jedes ästhetische Argument. Tivat und Herceg Novi sind vor allem bei Jugendlichen und jungen Familien beliebt, die Gastronomie hat sich auf diese Klientel mit Musikbars und eher einfachen Restaurants eingestellt. Baden ist hier hinsichtlich der Wasserqualität völlig bedenkenlos möglich, freilich ist der Wasseraustausch geringer als an den Stränden hin zur offenen See im weiteren Küstenverlauf. Die Strände sind aufgemauerte Plattformen oder ziemlich schmale Kiesstreifen, und der knappe Platz am Wasser ist in der Hochsaison stets intensivst nachgefragt (etwas ruhiger geht es generell in den Abschnitten am Nordufer zu). Die beiden großen Becken bieten Wassersportlern einigermaßen beständige und kalkulierbare thermische Winde, Starkwindbedingungen sind aber in der geschützten Lage naturgemäß eher selten anzutreffen.
Die Altstadt von Herceg Novi
Mit dem Auto kommt man von Norden im Regelfall über den Grenzübergang Debeli Brijeg (24 Std. besetzt) aus Kroatien ins Land, die Bucht liegt dann nur noch 4 km voraus. Landschaftlich sehr viel eindrucksvoller, aber auch viel länger ist der Weg außen um die Halbinsel Prevlaka (seit Kurzem kroatischer Nationalpark) herum und dann über den kleinen lokalen Grenzposten bei Njivice (nicht rund um die Uhr geöffnet, schon gar nicht außerhalb der Saison). Von Süden erreicht man die Boka über die magistrala, die lange ex-jugoslawische Küstenstraße von Ulcinj bis Rijeka. Möglich ist ebenfalls der Weg von Mostar über Trebinje durch die bosnischen Berge, wegen der schlechten und winkligen Straßen dauert das allerdings sehr lange.
Überland- und Regionalbusse verbinden täglich die Orte in der Bucht mit dem Rest des Landes, und auch Dubrovnik wird angefahren (tägl. 9.30 und 15.30 Uhr, zurück spätestens 20.30 Uhr). Busbahnhöfe haben Herceg Novi und Kotor, von hier in der Hochsaison bis zu sieben Direktverbindungen nach Belgrad - leider keine einzige zum Fughafen Dubrovnik-Čilipi.
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