Diese letzte Frage kann ich eindeutig mit NEIN beantworten. Viel Wissen, viele Eindrücke, viel Wollen kann manches Mal dazu führen, dass das Transparent auf meinem Zeichentisch lange da liegt und leer bleibt. Erst das Loslassen, alles perfekt und richtig zu gestalten, lässt meine Farbstifte glühen. Erst, wenn alles aufgeschrieben ist, erscheint die Pflanzung vor meinem geistigen Auge, und dann kann ich versuchen, meine Fragen zu beantworten.
Am Ende gibt es noch eine ganz besondere Prise obendrauf, und das sind die Geophyten. Sie komplettieren das Werk. Tatsächlich wachsen selbst unter den schon genannten schwierigen Bodenbedingungen Crocus ancyrensis , kleinblumige Narzissen, diverse Allium -Sorten wie 'Globemaster', 'Purple Sensation', 'Forelock', 'Mount Everest' und Arten wie macleanii oder senescens subsp. montanum richtig gut. Sie vermehren sich wunderbar und ergänzen die mögliche Vielfalt auf extremen Standorten.
Et voilà: Fertig ist eine bienen- und insektenfreundliche Pflanzenkomposition, in der von Januar bis Dezember geblüht wird, die über das ganze Jahr in ansprechendem Zustand ist. Zumindest aus meiner Sicht. Hätte ich jetzt fertig gekocht, könnte ich guten Appetit wünschen. Habe ich eine Pflanzung fertig gestellt, kann ich sagen: Genießen Sie und haben Sie Geduld, idealerweise mit sich und den Pflanzen. Lassen Sie die Pflanzen den Lauf der Natur finden, schneiden Sie nicht gleich jeden abgeblühten Halm ab. Und vor allem: Lassen Sie das ganze Werk über den Winter gehen, haben Sie so viel Mut, sich gegen den herbstlich organisierten kommunalen Grünabtransport zu stellen. Nach dem Motto, ich bin NICHT dabei.
Gegossen wird direkt nach der Pflanzung. Sind die Wurzelballen nicht abgedeckt, muss nachgearbeitet werden. Keinesfalls aber darf zu tief gepflanzt werden. Das ist der sichere Tod bei den Gehölzen.
Im Pflanzjahr gibt es regelmäßige Wassergaben, damit die Wurzeln sich entwickeln können. Schon nach zwei Monaten kann man feststellen, dass die Pflanzen Wachstumszuwachs zeigen. Je nach Pflanztermin gebe ich dann nur noch Wasser, wenn es über einen längeren Zeitraum keinen natürlichen Niederschlag gibt.
Ab dem zweiten Entwicklungsjahr gieße ich Staudenpflanzungen nicht mehr, es sei denn, es sind drei Wochen knapp 40° Celsius. Bei den Großgehölzen ist etwas mehr Sorgfalt zu üben. Hier dauert es mindestens eine ganze Vegetationsperiode, bis die neue Wurzelbildung über den Ballen hinausgeht.
Rückschnitt gibt es nur einmal, und der ist im Frühjahr, Februar/März, je nach Blütezeit der eingebrachten Geophyten.
Gestäbt wird bei mir grundsätzlich nicht, Luxuskrankheiten wie Mehltau gibt es kaum zu beklagen. Bei meinen Pflanzungen ist entscheidend, wie widerstandsfähig die Auswahl der Pflanzen ist, wie hitzetolerant die einzelnen Arten sind, wenn sie zwischen befestigten Parkplätzen, Randsteinen und Betonfundamenten zu bestehen haben, wenn sie zwischen Asphalt und Fahrradweg eine Entwässerungsmulde begrünen sollen. Kaum zu glauben, oder?
Gehen wir nochmals zur Rezeptur: Wichtig ist eine vielfältige Kombination aus Gehölzen, baum- oder strauchartig und/oder Stauden und Gräsern. Die Kombination ist es, die es ausmacht und die für relativ schnellen Bodenschluss sorgt. Ich möchte nach dem ersten Jahr keinen Boden mehr sehen. Weder Erde, noch Kies, noch Schotter. Die Pflanzungen sollen nicht nur müssen, sondern können dürfen. Eine Pflanzung soll sich mit der Natur entwickeln, nicht gegen die Natur. Gelingt es, die Pflanzen zu lassen, dann helfen auch Sämlinge, den Bodenschluss schnell zu erreichen. Phlomis russeliana , das Brandkraut, ist ein solcher Vertreter und will hier unbedingt genannt sein. Lassen wir doch auch das eine oder andere Wildkraut zu. Nicht dass Sie denken, ich würde meine Pflanzungen dem Zufall überlassen. Aber ich bin großzügig, wenn es darum geht, die einzelnen Gattungen und Arten sich verweben zu lassen, damit ein Gesamtensemble entsteht. Die ausgesuchten Pflanzen sollen sich entwickeln und tun dies umso mehr, je wohler sie sich an diesem Standort fühlen.
Je besser die Pflanzung letztlich funktioniert, umso schneller und wunderbarer wachsen die verwendeten Pflanzen zu einer Gemeinschaft zusammen. Christian Kress nennt es Blackbox Gardening. Selbst Richard Hansen beschrieb diese Art der Pflanzenentwicklung bereits, wenngleich nur ansatzweise und nur in seinem Vorwort.
Neue Erfahrungen und Chancen
Manchmal passiert auch Unvorhersehbares, vergleichbar mit so manchem Kochvorgang. Hat man eine Zutat, die nicht bestellt war, die gar nicht vorgesehen war und die eigentlich auch gar nicht passt, dann aber doch Verwendung finden soll, ist man herausgefordert.
Dazu habe ich eine besondere Geschichte parat. Eine Rose 'Westerland' in Solitärqualität kam in meine Hände, nicht bestellt und schon gar nicht vorgesehen. 'Westerland' gehört nicht zu meinen Lieblingsrosen, ich könnte auch sagen, ich mag sie gar nicht. Neutral gesehen aber war das Exemplar richtig schön. Mein großes Pflanzenherz ließ es nicht zu, sie dem Komposthaufen anzuvertrauen. So kam der Gedanke auf: Zeig mal, was du kannst! Ich habe sie in meine erste Entwässerungsmulde, also in meine Versuchsmulde gepflanzt und dachte mir, wenn du da überlebst, dann darfst du bleiben und hast den schönsten Platz. Sie ist umgeben von Parkplatzreihen und einer Zufahrtsstraße zu einem Logistikzentrum, die täglich von Lkws und Pkws intensiv befahren wird. Aber dafür wird sie von jedem gesehen!
Die Rosenliebhaber unter Ihnen werden jetzt aufschreien: Gepflanzt wurde sie in eine Bodenmischung von annähernd 70 % Kalksplitt und 30 % Oberboden, auf Rigolen, ohne Lehmanteil und Dünger, nur im Pflanzjahr mit Wassergaben versorgt. Dazu kommt noch, dass sie jedes Frühjahr wie eine Polyantharose behandelt und mit den Stauden auf knapp 10 cm zurückgeschnitten wird. Sie bedankt sich seit vier Jahren mit einer überreichen Blüte, mit einem glänzenden, dunkelgrünen Blatt, ohne Laus und ohne Mehltau. Sie erreicht eine Höhe von nahezu 160 cm und ist ab September reich mit Hagebutten besetzt, die über den Winter auch noch Vogelnahrung bieten. Selbst Rosenzüchter staunen bei dieser meiner Berichterstattung, können es kaum fassen. Denn auch in deren Schaugärten erfahren die einzelnen Rosensorten viel Zuneigung, eigentlich zu viel von allem. Beinahe wie in jedem Hausgarten werden sie gehegt und gepflegt, gedüngt und mit allem Möglichen gegen saugende und beißende Insekten behandelt, gegen Pilzkrankheiten teils schon vorbeugend gespritzt. Unerfahrene Gartenbesitzer winken gerne ab, wenn es um das Thema Rosen geht. Zu viel Arbeit!! Da sind wir wieder beim Thema.
Ich möchte nicht generell dazu raten, Strauchrosen wie Polyantharosen zu behandeln und Rosen einfach ins Kiesbeet zu pflanzen. Ganz sicher werden Strauchrosen ohne diesen Radikalschnitt zu wunderschönen Gestalten. Aber auf Extremstandorten kann mit der richtigen Auswahl der Sorten gelingen, worüber man noch nicht nachgedacht hat. Die Wildformen der Rosen sind grundsätzlich anspruchslos, besiedeln zum Teil Ruderalstandorte. Warum sollen nicht zumindest die einfach blühenden Sorten anspruchslos sein können? Sie sind Dauerblüher in jeder Art von Beet, sogar mit Fruchtschmuck. Welches Gehölz kann das schon von sich behaupten.
Von dieser Erfahrung wiederum animiert, habe ich begonnen, Persica-Hybriden mit in diese Art Pflanzungen einzubinden. Leuchtende Farben, ungefüllte Blüten, gesundes Laub, das mich, außer zur Zeit des Austriebs, eigentlich gar nicht wirklich interessiert. Benötige ich doch nur die Blüten zu meinen Stauden, zu den Gräsern, die zum Teil schon blühen, wenn die Rosenblüte einsetzt. Finde ich dann noch Sorten, die das Beet mit leuchtender Herbstfärbung, Blüten und Hagebutten gleichzeitig aufpeppen, dann sehe ich mich von Mutter Natur für meine Ideen belohnt.
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