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EINLEITUNG
von Hanne Roth
Tatort Pflanzbeet
Pflanzenpotenzial
Pflanzen können viel, auch außerhalb der von Hansen beschriebenen Lebensbereiche. Untrennbar ist Professor Richard Hansen aus Weihenstephan mit der Zuordnung der Stauden in 7 Lebensbereiche und deren Übergänge verbunden. Herbstanemonen, die Sorten 'Septembercharme' oder 'Honorine Jobert', sind tatsächlich nur beispielhaft ausgewählt, weil ich mir sicher war, Sie alle kennen sie.
Beide Sorten sind schon bei Hansen erwähnt und eignen sich für den Lebensbereich „Gehölz und dessen Übergänge“, sie vertragen halbschattig und trocken, aber sie können bei feuchtem, humosem Boden auch sonnig stehen. Gleichzeitig wachsen sie ebenso auf völlig trockenen Plätzen. Je nach Standort verändern sie ihr Wuchsverhalten und ihr Aussehen. Es ergeben sich markante Unterschiede in der Wuchshöhe, in der Üppigkeit und der Ausbreitung. Dieses Verhalten trifft auf eine ganze Reihe Stauden, Gräser und Gehölze zu. Nur: Es steht nirgendwo zusammenhängend beschrieben. Darauf gehe ich später noch einmal ein. Bemerkenswert ist in jedem Fall, dass Pflanzen besonders viel können, wesentlich mehr, als wir ihnen zutrauen. Und genau dieser Grenzbereich hat mich schon immer fasziniert.
Kurz möchte ich Ihnen schildern, wie ich mich überhaupt dieser Thematik genähert habe. Die erste Gelegenheit, mich mehr mit Stauden vertraut zu machen, war, nach meiner Lehre im Garten- und Landschaftsbau, ein Aufenthalt in der Staudengärtnerei Demmel in Seeshaupt (Oberbayern). Hier hatte ich intensive Begegnungen mit Stauden, besonders beim Unkrautjäten. Was für die meisten großes Leid darstellte, war für mich Entspannungsübung. Egal, ob man die Töpfchen zum Verkauf richtete oder das Mutterstaudenquartier bearbeiten musste. Es war die Gelegenheit, sich mit dem auseinanderzusetzen, was da wachsen sollte. Die Empfehlung von Landschaftsarchitekt Peter Leitzmann habe ich schließlich ernst genommen. Er lehnte meinen Wunsch, in seinem Büro ein studiumvorbereitendes Praktikum zu absolvieren, mit den Worten ab: „Lernen Sie erst mal Pflanzen kennen, Gehölze kennen Sie vielleicht schon, aber Stauden, die sind unser Handwerkszeug, und die unterscheiden uns vom Tiefbauer. Dann können Sie wiederkommen.“ Wie recht er doch hatte. Schlussendlich kam dann vieles anders, aber die Freude an Pflanzen war neben der angeborenen Neugier auf deren Eigenschaften ganz besonders angestoßen.
Eigentlich waren es die Sämlinge von Kultur- und Nichtkulturstauden, die sich so beiläufig an Randsituationen ansiedelten, an den Wegrändern oder an den Ecken der Frühbeetkästen. Wie kann es sein, dass diese Pflanzen mit doch sehr reduzierten Lebensbedingungen zurechtkommen, wo sie doch im Topf mit aufgedüngten Substraten recht stattlich heranwachsen?
Diese Beobachtungen waren jedenfalls der Auslöser, einen Lkw mit Kies in meinen elterlichen Garten zu kippen. Der lag im Süden von München. Ein Gebiet, wo man über Staunässe nicht nachdenken muss. Die Münchner Schotterebene ist ein über drei Eiszeiten entstandener Sander, eine Art Schwemmkegel der alpinen Vorlandgletscher, mit der größten Schichtdicke von 100 m. Die klassisch gerade gewachsene Mohrrübe kommt nicht aus München. Holt man hier Material aus dem Boden, ist es Kies in der Körnung 0 – X. Immerhin hatte ich mich auf 0 – 36 mm beschränkt. Für mich ein Entgegenkommen, für meinen Vater als leidenschaftlichen Pflanzenliebhaber war das völlig unverständlich. Er war nun der Erste, mit dem ich lange über Sinn und Unsinn meiner geplanten Aktion diskutiert habe, vermutlich aber der Wichtigste. Sie können es sich schon denken, ich habe mich durchgesetzt. Mein Vater verstand die Welt nicht mehr. Da lässt man die Tochter eine Gärtnerlehre machen, und dafür schüttet sie das Federball-Areal mit Kies zu.
Aber ich wollte ganz einfach ausprobieren, wie weit Pflanzen aus verschiedenen Lebensbereichen mitgehen, wenn sie nicht so üppig versorgt werden. Was passiert mit ihnen? Gibt es doch auch im Gebirge so viele Überlebenskünstler, die kaum eine Bodenschicht zur Verfügung haben, die ihre Wurzeln manchmal direkt über den Fels stülpen.
Angefangen von Yucca filamentosa über Solidago caesia , die damals nur bei Dr. Simon, Marktheidenfeld, dem Staudenpapst schlechthin und Vorreiter beim Thema Präriepflanzungen in Europa, zu bekommen waren, über Salvia officinalis bis hin zu Teucrium chamaedrys, Centranthus ruber und noch viele andere mehr, kamen diese Pflanzen vom Torfkultursubstrat in reinen Münchner Kies. Sicher ein Schock für sie, aber es hat funktioniert. Beinahe alle haben den Versuch überlebt. Und nicht nur das. In mehr als 40 Jahren entstand ein Refugium für fliegende und kriechende Insekten, nicht laut, aber dafür üppig in Wuchs und Blüte. Selbst mein Vater erklärte nach ein paar Jahren vielen Menschen das Besondere dieser Pflanzung, nachdem er mich verstanden hatte.
Ich hatte allerdings nicht geahnt, dass mit dieser Aktion im Prinzip der Grundstein zu meinem experimentellen Umgang mit Pflanzen gelegt wurde. Heute ist mir dies selbstverständlich geworden. Dieses “Schaung ma moi, dann seng ma scho“, frei nach Franz Beckenbauer, unterstützt mit dem Wissen um die Bedürfnisse der einzelnen Pflanzen.
Beginne ich mit den Vorbereitungen für eine neue Pflanzung, besuche ich im Regelfall zunächst den Ort, sehe mir an, was dort von Natur aus wächst, betrachte den Boden, verstehe die Wünsche des Auftraggebers oder die Notwendigkeit der Situation. Der Boden ist das A und O, auch die Sonneneinstrahlung ist nicht unerheblich. Das vergessen wir Gärtner manchmal. Aber nicht jede Pflanze wächst an jedem Ort.
So schön beispielsweise die Rhododendronblüte auch sein mag, es ist äußerst mühsam, diese Gattung im Süden Deutschlands zu etablieren, selbst mit kalktoleranten Unterlagen. Es geht mit enormem Aufwand, mit Bodenaustausch und viel Torf, mit Bewässerungstechnik, mit viel Streicheln der Pflanzen. Selbst im Privatgarten ist das Ergebnis nicht immer ein Erfolg, aber auf mehr oder weniger öffentlichen Flächen ist der Einsatz schlichtweg unmöglich. Nichts gegen Rhododendren, wenn sie zum Standort passen. Außerdem haben wir uns heute häufig noch ganz anderen Herausforderungen zu stellen.
Die warmen Temperaturen beginnen früher im Jahr, die Niederschläge sind unregelmäßig bis wenig oder gar nicht vorhanden und wenn, dann kann es auch mal schnell zu viel sein. Wie schaffen wir also zusammenhängende Pflanzflächen, die wenig Wasser und Nährstoffe brauchen, eigentlich von allem wenig. In letzter Konsequenz auch wenig Arbeitseinsatz. Soll doch der Garten mehr „Chill- und Grill-Areal“ sein als Arbeitsfläche.
Genau an diesem Punkt könnten wir aber doch auch darüber nachdenken, ob nicht der uneingeschränkte Einsatz von Blaukorn & Co., der Einsatz von aufgedüngten Pflanzsubstraten und nicht zuletzt der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln mit dafür verantwortlich sind, dass unsere Pflanzen mehr Zuwendung benötigen. Üppiger-höher-fetter-dichter bedingt in der Folge auch mehr Arbeit. Ständig schneiden, aufbinden, stäben oder irgendwie sonst zusammenhalten. Das sind ganz sicher Arbeiten, die keiner braucht. Außer man zählt sich zu den Dahlien-Liebhabern, rammt für jede Kaktus- und Halskrausen-Dahlie einen Pfahl in die Erde, damit sie auch ja nicht umfallen kann.
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