Vom Sitzplatz blickt man auf das formale Wasserbecken und das Pflanzenzimmer zurück zur Villa.
Rasen gibt es nicht, er ist in dieser abwechslungsreichen Gestaltung absolut entbehrlich. Die geschickte räumliche Gliederung sorgt dafür, dass der Garten viel größer wirkt, als er in Wahrheit ist. Wasser ist ein wichtiges Element in dieser Gestaltung, ebenso wie die Beschränkung auf wenige edle Materialien, die Patina ansetzen dürfen, ja, sogar sollen. Gehölze, Stauden und Gräser werden auf die Bühne gehoben – sie haben einen hohen Stellenwert.
Die leichte Topografie des Grundstücks nutzt der Landschaftsarchitekt für seine Gestaltung. Sie deutet sich durch Treppen und Höhenabstufungen mit Trockenmauern an, die parallel zum Haus verlaufen: „Das mache ich gerne, die Topografie aufnehmen, sichtbar machen und damit Räume schaffen.“ So ergeben sich unterschiedliche Gartenzimmer auf verschiedenen Ebenen: ein sehr privater Südhof mit Terrasse und Wassertrog in Hausnähe als Wohnzimmer im Freien. Etwas erhöht, über wenige breite Treppenstufen erreichbar, ein zentrales Pflanzenzimmer. Auf gleicher Ebene befindet sich das Gartenzimmer mit geschütztem Sitzplatz am formalen Becken, in dem das Wasser für ständig neue Spiegelbilder sorgt – je nach Wind und Wetter.
Räume sind durch Heckenriegel und besondere Paravents aus Stahlhalmen angedeutet, die weiß blühende Glyzinen ( Wisteria sinensis 'Alba') tragen. Die Konstruktion stammt vom Landschaftsarchitekten selbst, die Bepflanzungsidee von der Bauherrin – die verholzende Kletterpflanze erinnert sie an Frankreich. Wie alle baulichen Elemente orientieren sich die Pflanzen-Paravents am Haus, ohne auf eine Achse ausgerichtet zu sein. Diese luftig leichte Konstruktion schließt den Garten auch zur hinteren Grundstücksgrenze ab. Dort halten die Stahlhalme ihre bogig überhängenden Metallfinger wie eine schützende Hand über den gleichermaßen intimen wie sonnigen Sitzplatz und verwehren zusammen mit dem Blätterdach der Glyzine Einblicke vom Nachbarhaus. Der eigene Blick jedoch bleibt frei und streicht über das formale Wasserbecken durch das Pflanzenzimmer zurück zur Villa. Nutz- und Beetflächen sind miteinander verwoben, die Bepflanzung in der Höhe gestaffelt und an den Standort angepasst. Sie durchläuft viele abwechslungsreiche Phasen: Strukturstark im Winter, edel grün-weiß im Frühjahr, üppig im Sommer und laubfärbend im Herbst. Wertvolle Gehölze wie z. B. ein Trompetenbaum ( Catalpa bignonioides ) wurden wiederverwendet. An die angrenzenden Grundstücke wurde mit dem Pflanzen von Pflaumenblättrigem Weißdorn ( Crataegus prunifolia ) angeknüpft und so eine Verbindung zwischen den benachbarten Gärten geschaffen.
Das Material ist zurückhaltend gewählt. Der Kies ist multifunktional und wirkt wie eine Grundierung, die sich durch die Gestaltung zieht. Alles Gebaute, auch das Wasserbecken und der Brunnen, besteht aus Sandstein – ein Naturstein, der eine schöne Patina ansetzt. „Die größte Herausforderung war, kein Abziehbild zu bauen, sondern eine Idee von Frankreich zu kreieren, seinen Duft wachzurufen“, resümiert Soeren von Hoerschelmann. Kein Zweifel – dies ist ihm gelungen. Der Garten lässt Frankreich mit seiner gelungenen Kombination aus natürlichen Materialien, Pflanzen und reduzierten baulichen Elementen subtil anklingen. Und dennoch passt dieser Stadtgarten uneingeschränkt zum Wohnhaus und nach Norddeutschland.
Reinbek, Schleswig-Holstein
640 m 2
Soeren von Hoerschelmann Garten- und Landschaftsarchitektur
Gaerten von Hoerschelmann GmbH
Ferdinand Graf Luckner
„Die größte Herausforderung war, das Bild Frankreichs wachzurufen, ohne manieristisch zu werden. Der Garten soll nach Norddeutschland und zum Wohnhaus passen, aber Frankreich subtil anklingen lassen.“
PLAN
1Wohnhaus
2Wasserbecken
3Pflanzenzimmer
4Wasserbecken Burgpreppacher Sandstein
5Stahlmuschel mit weißer Glyzine
Büro Volker Püschel
Mehr als ein Garten
Im Wohngarten: Der Bodenbelag ist aus holländischem Straßenklinker – eine Reminiszenz an den Architekten des Hauses.
Es ist ein ungewöhnliches Haus mit einem Grundriss, den man erst versteht, wenn man dessen Geschichte kennt. Ebenso ungewöhnlich ist der dazugehörige Garten, der, genau genommen, aus fünf kleinen Höfen besteht, die aber mehr Lebendigkeit und Vielfalt beherbergen als so manch großer Garten. Hier leben und arbeiten die beiden Landschaftsarchitekten Volker und Helgard Püschel seit bald 50 Jahren. Gerade während der Corona-Zeit bedeutet ihnen ihr eigener Garten pure Lebensqualität.
Das Motto „Viele kleine Höfe ergeben auch einen ganzen Garten“ impliziert die Frage: Was macht einen „ganzen“ Garten aus? Die Schöpfer dieses Ensembles Haus und Garten haben überzeugende Antworten gefunden.
Auf einem 1000 m 2großen Grundstück finden Wohnen und Arbeiten zueinander und sind doch so voneinander separiert, dass sich die unterschiedlichen Nutzungen neben- und miteinander ergänzen. Dies gelingt durch die Struktur von Haus- und Gartengrundriss, die zusammen entwickelt zu einem schlüssigen Gesamtkonzept führt. Die „vielen kleinen Höfe“ vom Wohn-, einem Kräuter-, einem Büro- und einem Mietergarten bis zu einem Saunahof sind alle üppig bepflanzt und schaffen so beschützte eigene Räume, die sich in ihrer Nutzungsvielfalt zu einem schlüssigen „Ganzen“ fügen.
Die Fenster aus dem Obergeschoss luken zwischen Blauregen und Schlingpflanzen unter einem Rasendach hervor und verstärken so den Eindruck eines Hauses, das mit der Natur eine enge Verbindung eingegangen ist. Auch über die Giebelseiten des Hauses und das im Erdgeschoss vorspringende Dach ranken sich Pflanzen und schaffen eine enge Verbindung zu den darunterliegenden Loggien.
Der Weg zum Hauseingang ist mit Granit-Mosaiksteinen und einem Rahmen aus Betonplatten in Form einzelner „Teppich“-Abschnitte gepflastert, welche die Raumabfolge akzentuieren. Auch an dieser Seite des Hauses schaffen Pflanzen mit einem schmalen Beet an der Fassade und einer üppigen Rabatte an der Grundstücksgrenze einen als Garten gestalteten Hauszugang.
Die in den Gartenhöfen ausgelegten Klinkerbeläge fügen sich durch die kleinen Formate gut in die Dimensionen des Hauses und der Höfe mit ihrer differenzierten Gestaltung ein. Die langen Blütenstiele mit ihren gelben Tellern akzentuieren die einzelnen Gartenhöfe und weisen nach außen auf ein vielfältiges Gartenensemble hin.
Irene Burkhardt
Das ungewöhnliche Haus – eingehüllt in seinen schützenden Pflanzenmantel.
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