Kate ließ sich in einem der Sessel nieder. Er hatte Rollen, wie sie feststellte, genau wie der Sessel damals in Dearborns Büro beim Polizeipsychologischen Dienst. Ihr gefiel das – die Rollen gaben ihr das Gefühl, in dem Sessel nicht ganz so gefangen zu sein. »Wenn Sie ein solches Büro haben, dann sind Sie noch nicht im Ruhestand«, bemerkte sie.
Dearborn setzte sich in den anderen Sessel. Wieder erschienen ihre Grübchen, als sie lächelte. »Aus Ihnen spricht die Detektivin.«
Im Augenblick die defekte Detektivin . »Außerdem sind Sie zu jung, um sich zur Ruhe zu setzen.«
»Mit Sicherheit.« Das Lächeln wurde breiter. »Ich nehme mir eine Auszeit von ein bis zwei Jahren, um zu schreiben. Unter anderem eine Studie über Polizeibeamte landesweit und deren psychologische Betreuung, die nicht annähernd gewährleistet, aber erforderlich ist, damit sie ihren Arbeitsanforderungen gerecht werden und gleichzeitig ihre psychische Gesundheit erhalten. Und ich habe immer noch einige private Klientinnen. Wo wir gerade beim Thema Gesundheit sind: Was macht Ihre Schulter, Kate?«
»Wird bei Kälte oder Regen immer noch ein bisschen steif«, gestand Kate ein und lockerte sie. »Aber ich bin jeden Tag dankbar, unter keinerlei Bewegungseinschränkung zu leiden.« Die Kugel, die sie während der aus dem Ruder gelaufenen Verhaftung in Gramercy Park abbekommen hatte, war der Anlass gewesen, sich bei Calla Dearborn in psychologische Behandlung zu begeben, wie es in solchen Fällen obligatorisch war. Kates Befürchtung, Calla Dearborn könnte ihre Machtposition nutzen und ihrer Karriere einen Strich durch die Rechnung machen, hatte dazu geführt, dass sie sich auf drei Sitzungen eingelassen hatte, die angespannt verlaufen waren, konfliktreich und voller Misstrauen.
Dearborn nickte. »Also, Kate, was führt Sie zu mir?«
Ich habe keine Karriere mehr vor mir. Sie haben keine Macht mehr über mich . »Träume«, antwortete sie.
»Träume. Zweifelsohne keine angenehmen. Doch bevor wir uns Ihren Träumen widmen, Kate, möchten Sie mir nicht erzählen, wie Ihr Leben im Moment aussieht? Wie kommen Sie mit Ihrer Pensionierung zurecht?«
»Was hat Captain Walcott Ihnen erzählt?«
»Captain Walcott?« Dearborn klang und wirkte erstaunt. »Was hat Captain Walcott damit zu tun?«
»Sie hat Sie nicht angerufen? Sie hat mir Ihre Karte gegeben.«
»Wir kennen uns. Wir sind in denselben afroamerikanischen Organisationen.«
»Sie weiß, dass ich vor zwölf Jahren bei Ihnen war.« Kate versuchte die Punkte zu verbinden, die sie nach all dieser langen Zeit auf irgendeine Weise wieder zu dieser Frau geführt hatten.
»Vielleicht hat sie den Vermerk in Ihrer Personalakte gelesen. Es ist kein Malus.« Bissig fügte sie hinzu: »Es ist heutzutage kein Kainszeichen mehr – selbst für den machohaftesten Cop nicht. Vielleicht ging es durch die LAPD-Gerüchteküche. Cops sind schlimmere Tratschtanten als Joan Rivers.«
Kate lächelte. »Stimmt. Es ist lange her, Calla. Was wissen Sie noch von mir?«
»Ah, Detective Delafield.« Dearborn seufzte. »Sie sind eine Meisterin darin, Fragen auszuweichen, indem Sie Fragen stellen. Darf ich Sie daran erinnern, dass dies mein Befragungsraum ist, nicht Ihrer.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe Sie immer als eine meiner interessanteren Klientinnen betrachtet. Flink wie ein Wiesel sind Sie schon wieder woanders.«
»Ich nehme das als Kompliment, nicht als Verunglimpfung von Wieseln.«
»Gut. Betrachten wir als Erstes das größte Problem, das zwischen uns existiert hat – das Thema Vertrauen. Sie haben mir damals nicht erlaubt, mir während unserer letzten beiden Sitzungen Notizen zu machen. Gilt das immer noch?«
Kate zögerte. Dearborn würde niemandem mehr Bericht erstatten. Ihr Berufsethos gewährleistete, dass alles, was gesagt wurde, innerhalb dieser vier Wände blieb. Und dennoch behagte ihr die Vorstellung nicht, dass sich irgendetwas Persönliches von ihr in den Unterlagen eines anderen Menschen befand. Du brauchst sie , sagte sie sich. Wenn sie sich darauf einlässt … »Ich schätze nein«, räumte sie ein.
Dearborn stand auf und öffnete eine Schublade des kleinen Schreibtischs. Sie holte einen Block heraus und einen Stift, den Kate wiedererkannte. »Das ist derselbe Stift, den Sie vor zwölf Jahren schon hatten«, staunte sie.
Dearborn drehte den schlanken Malachit-Kugelschreiber zwischen den Fingern. »Ich weiß auch nicht, wie mir das gelungen ist. Jeden anderen Kuli, den ich je besessen habe, habe ich verloren.«
»Er ist wunderschön. Ein schönes Zeichen von Kontinuität.«
»Kontinuität ist Ihnen wichtig.« Es war so gut wie eine Frage.
»Ich habe nicht viel davon.«
Dearborn setzte sich wieder in den Sessel, legte den Stift auf den Block auf ihrem Schoß, stützte die Ellbogen auf die Armlehnen und legte die Fingerspitzen aneinander. »Ich erzähle Ihnen, woran ich mich erinnere, und Sie korrigieren mich, wenn ich falsch liege. Sie sind damals zu mir gekommen, weil Sie bei dem Versuch, einen jungen Mann festzunehmen, angeschossen wurden …«
»Darian Crockett. Siebzehn Jahre alt«, fügte Kate hinzu. Nach all der langen Zeit stimmte der sinnlose Tod dieses Menschen in so jungen Jahren sie immer noch melancholisch. »Sie wussten das damals nicht, aber die Kugel, die ich abgekriegt habe, war friendly fire – meine Partnerin hat irrtümlich auf mich geschossen«, fügte sie hinzu.
Dearborn hob die kaum vorhandenen Brauen. »Welche Konsequenzen folgten daraus?«
»Ich habe nicht zurückgeschossen«, scherzte Kate. Sie zuckte die Achseln. »Dumm gelaufen.«
»Passiert öfter.« Dearborn musterte Kate einen Moment. Dann sagte sie: »Sie haben mir erzählt, dass Sie Ihre erste Geliebte, mit der Sie mehr als zehn Jahre zusammen waren, bei einem schrecklichen Unfall verloren haben …«
»Ein Autounfall. Auf dem Hollywood Freeway. Ihr Wagen ging in Flammen auf. Sie hieß Anne. Wir hatten zwölf gemeinsame Jahre.«
»Ja. Furchtbar. Entsetzlich. Und Ihre Eltern haben Sie sehr früh verloren. Insbesondere Ihre Mutter …«
»Ich war siebzehn.«
»Im gleichen Alter wie Darian Crockett.«
Kate schrak auf. Diese Verbindung hatte sie nie gezogen.
»Und Sie waren in den Dreißigern, als Ihr Vater starb. Der Elternteil, der Ihnen am nächsten stand.«
Kate nickte, sagte aber nichts weiter dazu. Es überraschte und berührte sie, dass Calla Dearborn so viele Jahre später noch so vieles in Erinnerung hatte, und angesichts dieser Aufzählung ihrer Verluste musste sie ihre Tränen unterdrücken. Die Trauer über Anne und ihre Eltern schien sie dieser Tage immer wieder unverhofft zu überfallen, trotz der vielen inzwischen verstrichenen Jahre.
»Sie haben einen Collegeabschluss. Sie waren beim Militäreinsatz in Vietnam. Als Sie damals zu mir kamen, waren Sie schon mehr als zehn Jahre lang bei der Mordkommission …«
»Vierzehn Jahre.«
»Macht insgesamt sechsundzwanzig Jahre bei der Mordkommission, bis Sie in den Ruhestand versetzt wurden. Die meiste Zeit waren Sie im Mittleren Dienst. Sie hatten kein Interesse daran, zum Lieutenant oder in eine andere höhere Position aufzusteigen.«
Ihre Nackenhaare sträubten sich. Dearborn hatte sie deswegen einmal ziemlich herausgefordert. »Eine weise Entscheidung, wie sich herausgestellt hat.«
»Oder auch nicht. Vielleicht hätte jemand mit Ihrer Integrität auf einer höheren Befehlsebene einen Unterschied gemacht bei all dem Mist, der geschehen ist.«
Kate antwortete nicht. Schnee von gestern .
Einen Augenblick später sagte Dearborn: »Damals hatten Sie sich bei der Arbeit nicht als Lesbe geoutet …«
»Stimmt nicht. Alle wussten Bescheid. Ich habe es nur nicht öffentlich verkündet.«
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