(34) Übrigens wurde diese Freude beinahe durch eine große Niederlage in Samnium getrübt. Denn der Konsul Cornelius war nach seinem Aufbruch von Saticula unvorsichtig genug, mit dem Heer in einen Wald zu rücken, der vermittels seines tiefen Tales den Durchzug gewährte, allein ringsum vom Feind besetzt war; 2 und er bemerkte den Feind über seinem Haupt nicht eher, als bis er sich schon nicht mehr mit Sicherheit zurückziehen konnte. 3 Während nun die Samniten nur noch so lange warteten, bis ihm das ganze Heer in die Tiefe des Tales gefolgt sein würde, bemerkte der Kriegstribun Publius Decius einen hervorragenden Hügel im Wald, der das feindliche Lager beherrschte, der zwar einem schwer bepackten Heer zu hoch, für leichte Truppen aber nicht schwer zu ersteigen war. 4 Er wandte sich an den bestürzten Konsul und sprach: Siehst du, Aulus Cornelius, jenen Gipfel droben über dem Feind? Das ist der Fels unserer Hoffnung und unseres Heils, wenn wir ihn, da ihn die Samniten in ihrer Blindheit unbenutzt gelassen haben, rasch besetzen. 5 Auch brauchst du mir nicht mehr als das erste und zweite Glied einer Legion 89 zu überlassen. Komme ich mit diesen auf der Höhe an, so zieh du ohne Furcht weiter und rette dich und das Heer; denn der Feind unter uns, jedem Schuss von uns ausgesetzt, wird nicht nachziehen können, wenn er sich nicht vernichten lassen will. 6 Uns wird dann entweder das Glück des römischen Volkes oder unsere Tapferkeit helfen.
7 Vom Konsul mit Lobsprüchen überhäuft, zog er nach Übernahme des Heeres in aller Stille durch den Wald und wurde nicht eher vom Feind bemerkt, bis er seinem Ziel schon nahe war. 8 Während nun alle vor Bewunderung staunten – denn er hatte aller Augen auf sich gerichtet –, bekam durch ihn nicht nur der Konsul Zeit, sich mit dem Heer auf einen freieren Platz durchzuwinden, sondern auch er gewann den Stand auf der obersten Höhe. 9 Den Samniten, welche darüber, dass sie sich bald gegen den einen, bald gegen den andern wandten, den Vorteil auf beiden Punkten versäumten, wurde es gleich unmöglich, sowohl den Konsul zu verfolgen, wenn sie nicht durch denselben Hohlweg ziehen wollten, in welchem sie ihn soeben noch ihren Pfeilen ausgesetzt hatten, als gegen den Hügel, welchen Decius über ihrem Haupt besetzt hatte, bergauf zu rücken. 10 Doch bestimmte sie teils ihr Unwille, sich lieber gegen diese zu wenden, die ihnen den schönen Sieg entrissen hatten, teils die Nähe des Platzes und selbst die Schwäche des Postens, 11 und bald wollten sie den Hügel auf allen Seiten mit Truppen einschließen, um Decius vom Konsul abzuschneiden, bald ließen sie einen Weg offen, um die ins Tal Herabgegangenen anzugreifen. In dieser Unschlüssigkeit überfiel sie die Nacht.
12 Decius hatte anfangs die Hoffnung gehegt, von seiner Höhe herab mit einem bergan steigenden Feind zu kämpfen, jetzt aber staunte er, dass sie weder einen Angriff unternahmen noch ihn, wenn sie der nachteilige Kampfboden von diesem Plan zurückschreckte, durch Werke und Schanzpfähle einschlössen. Dann sprach er zu den Hauptleuten, die er herbeirufen ließ: 13 Habe ich je eine solche Unwissenheit in der Kriegskunst, eine solche Untätigkeit gesehen? Und wie war es möglich, dass diese Leute über die Sidiciner und Campaner einen Sieg erringen konnten? Ihr seht, wie ihre Fahnen bald hierher, bald dort hinüber wanken, jetzt sich auf einem Punkt vereinigen, dann wieder ausrücken, aber die Arbeit fängt niemand an, da wir schon mit einem Wall eingeschlossen sein könnten. 14 Dann müssten wir wahrhaftig ihnen ähnlich sein, wenn wir hier länger weilen wollten, als uns gutdünkt. Kommt, begleitet mich; mir müssen, solange wir noch etwas Tageslicht haben, erspähen, wo sie ihre Posten aufstellen, wo uns ein Ausweg offen bleibt. 15 Damit die Feinde nicht merken möchten, dass der Anführer selbst die Runde machte, untersuchte er alles im gewöhnlichen Kriegermantel und ließ die Hauptleute wie gemeine Soldaten gekleidet mitgehen.
(35) Als er hierauf die Nachtwachen angeordnet hatte, ließ er an alle Übrigen die Parole ausgeben: Wenn das Horn das Zeichen zur zweiten Nachtwache90 gegeben habe, möchten sie sich in aller Stille mit den Waffen bei ihm einfinden. 2 Als sie sich dem Befehl gemäß, ohne laut zu werden, eingestellt hatten, fing er an: Ebendieses schweigen, Soldaten, müsst ihr jetzt als meine Zuhörer, ohne alle soldatische Willenserklärung, beibehalten. Habe ich euch meine Meinung auseinandergesetzt, dann treten die, welche mir beipflichten, schweigend auf meine rechte Seite; und was die Mehrzahl will, danach richten wir uns. 3 Jetzt hört, was meine Gedanken sind. Der Feind hat euch hier umzingelt, nicht als hierher verschlagene Flüchtlinge, nicht als hier sitzen gebliebene Feiglinge. Eure Tapferkeit war es, die euch diesen Posten besetzen ließ, eure Tapferkeit muss euch wieder heraushelfen. 4 Ihr zogt hierher und rettetet dem römischen Volk ein herrliches Heer, erhaltet euch selbst, indem ihr euch durchschlagt. Ihr verdient die Ehre, als kleine Schar vielen geholfen zu haben und selbst keiner Hilfe zu bedürfen. 5 Wir haben mit einem Feind zu tun, der, da er gestern unser ganzes Heer vertilgen konnte, von seinem Glück Gebrauch zu machen zu lässig war, der diese so vorteilhafte, ihm über dem Haupt ragende Höhe nicht eher bemerkte, als bis wir sie besetzt hatten, 6 der weder unserer kleinen Schar mit seinen vielen Tausenden das Aufsteigen wehrte, noch uns im Besitz des Platzes, soviel er auch vom Tag vor sich hatte, mit Werken umschloss. Konntet ihr ihn mit sehenden und wachenden Augen so zum Besten halten, so kann es nicht fehlen, dass ihr ihm im Schlaf nicht entkommen solltet. Und im Ernst, dies ist jetzt ein Nutzen für euch. 7 Denn unsere Sachen stehen so, dass ich euch jetzt, ich kann nicht sagen, einen Vorschlag machen, sondern euch anzeigen muss, wozu ihr gezwungen seid. 8 Es kann doch wohl nicht die Frage sein, ob ihr hier bleiben oder abziehen sollt, da euer Geschick euch nichts gelassen hat als Waffen und diesen der Waffen sich bewussten Mut, und ihr alle vor Hunger und Durst umkommen müsst, wenn ihr vor dem Schwert eine größere Furcht haben solltet, als Männer und Römer sie zu haben pflegen. 9 Also gibt es keine andere Rettung als Durchbrechen und Abziehen. Dies müssen wir entweder bei Tag oder bei Nacht tun. 10 Da seht ihr gleich ein zweites Muss, noch weniger zweifelhaft als das erste. Denn wenn wir den Tag abwarten wollten, was können wir denn anders uns versprechen, als dass uns der Feind mit einem geschlossenen Wall und Graben umzingeln werde, da er jetzt schon, wie ihr seht, mit seinen niedergestreckten Leibern den ganzen Hügel umgürtet? Eignet sich aber die Nacht zum Durchbrechen, wie sie das wirklich ist, so ist in der Tat diese Stunde der Nacht am allergünstigsten. 11 Auf das Zeichen der zweiten Nachtwache seid ihr jetzt zusammengekommen, gerade, wenn die Sterblichen vom tiefsten Schlaf gefesselt liegen. So schreitet denn zwischen den Leibern der Schlafenden hin, denen ihr entweder, ohne dass sie es ahnen, in der Stille entkommt, oder die ihr, falls sie etwas merkten, durch euer plötzliches Geschrei mit Schrecken erfüllt. 12 Folgt mir jetzt, wie ihr mir bisher gefolgt seid. Ich nehme dasselbe Glück zum Führer, das uns hierher geleitet hat. Nun wohlan, wer dies für unser Rettungsmittel hält, der trete auf meine rechte Seite hinüber!
(36) Dorthin traten sie alle und folgten dem Decius, der durch die von den (feindlichen) Wachen unbesetzt gebliebenen Stellen ging. 2 Schon waren sie über die Mitte des Lagers hinaus, als der angestoßene Schild eines über die eingeschlafenen Wachen hinwegschreitenden Soldaten ein Geräusch verursachte. Da die Wache, dadurch geweckt, ihren Nachbar weckte, und beide sich erhebend wieder andere weckten, ohne zu wissen, ob hier Freunde oder Feinde gekommen wären, ob das Heer vom Berg einen Ausfall mache oder der Konsul ihr Lager erobert habe, 3 jagte Decius durch das Geschrei, das er seine Soldaten erheben ließ, weil sie doch nun nicht unentdeckt blieben, den vom Schlaf betäubten Feinden eine solche Bestürzung ein, dass sie von Schrecken gelähmt weder schnell genug zu den Waffen greifen noch Widerstand leisten, noch verfolgen konnten. 4 Während dieser Verwirrung und bei dem Auflauf der Samniten gelangte das römische Heer, das die ihm aufstoßenden Posten niederhieb, in die Nähe des römischen Lagers. 5 Die Nacht war noch lange nicht vorbei, als sie sich schon in Sicherheit sahen; da sprach Decius: So brav zeigt euch immer, ihr Krieger Roms. Euren Zug und Rückzug werden alle Jahrhunderte preisen. 6 Allein um eine solche Tapferkeit zu sehen, dazu ist das Tageslicht nötig. Auch habt ihr es nicht verdient, bei eurer so ruhmvollen Wiederkehr ins Lager euch in Schweigen und Nacht einhüllen zu lassen. Hier wollen wir den Tag abwarten. 7 Sie folgten seinen Worten. Als er mit Tagesanbruch einen Boten an den Konsul vorausschickte, geriet das Lager durch die lauteste Freude in Bewegung; und da der Tagesbefehl ausgegeben wurde, dass diejenigen wohlbehalten wiederkämen, welche ihr Leben für die Rettung aller einer so augenscheinlichen Gefahr ausgesetzt hätten, da strömten ihnen alle entgegen, lobten sie, wünschten ihnen Glück und nannten sie einzeln und insgesamt ihre Retter, sagten den Göttern Lob und Dank und erhoben den Decius zum Himmel. 8 Dies war ein Triumph, den Decius im Lager hielt, durch dessen Mitte er mit seinem Heer unter den Waffen einherzog, wobei ihn aller Augen, die auf ihn gerichtet waren, als Tribunen jeder Art von Ehre ebenso würdig fanden wie den Konsul.
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