25. Ancus Marcius und Tarquinius Priscus. 156 (598 v.Chr.).
Tarquinius wusste durch zeitigen Gebrauch seines Reichtums, durch Klugheit und Geschmeidigkeit den Marcius so für sich zu gewinnen, dass dieser ihn unter die Patrizier und in den Senat aufnahm, öfters an die Spitze des Heeres stellte und ihm die Vormundschaft über seine Kinder, ja selbst die Verwaltung der Regierung übertrug. Denn auch bei anderen wusste er sich ebenso beliebt zu machen, sodass man ihm gerne den Vorrang zugestand.
Bei allem Streben nach Macht nämlich wurde er niemals übermütig, sondern spielte selbst auf der höchsten Stufe von Einfluss den Anspruchslosen. Mühevolle Geschäfte übernahm er auch für andere und öffentlich, die angenehmen überließ er mit Vergnügen anderen, denn er selbst zog aus denselben keinen oder nur wenig Gewinn, und auch dies nur unter der Hand. Bei gelungenem Unternehmen schrieb er jedem anderen, lieber als sich selbst, das Verdienst zu und überließ den Preis solchen, die dessen bedürftig waren; was aber missglückte, legte er keinem auch nur ansatzweise zur Last.
Außerdem machte er sich am Hofe des Marcius alle und jeden durch Rat und Tat zu Freunden. Seine Schätze standen jedem zu Gebote, für jeden, der ihn anging, machte er seinen Einfluss geltend. Gegen niemanden sprach oder handelte er schlecht und wurde nie mit Absicht jemandes Feind. Dienste, die ihm einer erwies, würdigte er selbst über Gebühr; Beleidigungen aber beachtete er entweder gar nicht oder setzte sich über sie als unbedeutend hinweg und war so weit entfernt, sich dafür zu rächen, dass er ihm so lange Gutes erwies, bis er auch ihn für sich gewonnen hatte.
Durch dieses Benehmen gewann er Marcius und dessen ganzen Hof und erwarb sich den Ruhm der Weisheit; durch seine späteren Handlungen aber erregte er fast allgemein den Verdacht, dass er entweder von Natur tückisch sei oder nach Maßgabe seiner Macht und seines Glücks auch seine Gesinnung geändert habe.
26. Tarquinius Superbus. 220–245 (534–509 v.Chr.).
Als sich Tarquinius hinlänglich vorbereitet hatte, um auch wider den Willen [der Römer] zu herrschen, ließ er die Mächtigsten, zuerst von den Senatoren, dann auch andere, ergreifen und viele, auf die er einen glaubhaften Schein von Schuld bringen konnte, öffentlich, viele aber auch heimlich umbringen und verbannte andere. Nicht nur etwa solche, die es mehr mit Tullius als mit ihm gehalten hatten, nicht nur solche, die sich durch Adel, Reichtum, ehrenhafte Gesinnung, Mut oder auch Einsicht auszeichneten, ließ er, teils um sich zu rächen, teils um ihnen zuvorzukommen, teils aus Missgunst, Argwohn und Hass gegen andere Sinnesart hinrichten, sondern auch seine besten Freunde, mit deren Hilfe er zur Herrschaft gelangt war, schaffte er nicht weniger als die anderen beiseite, aus Furcht, sie möchten mit derselben Kühnheit und Neuerungssucht, womit sie ihm auf den Thron verhalfen, einen anderen an seine Stelle setzen.
So schaffte er den Kern des Senats und des Ritterstandes aus dem Wege, ohne die Stellen der Ermordeten mit anderen zu versehen. Denn vom ganzen Volk glaubte er sich gehasst, und er wollte jene Stände durch Verminderung ihrer Zahl so weit wie möglich schwächen. Den Senat wollte er völlig auflösen, da er jede Körperschaft für höchst gefährlich für einen Tyrannen hielt, zumal von auserwählten Männern, die das Ansehen einer Obrigkeit von alters her beanspruchten. Aus Furcht jedoch, das Volk oder selbst seine Leibwache, da sie gleichfalls aus Bürgern bestand, könnte sich, im Unwillen über die Veränderung der Staatsverfassung, gegen ihn empören, ging er nicht offen zu Werke, wusste aber seine Absichten auf eine andere zweckdienliche und arglistige Weise zu erreichen; er nahm nämlich keinen mehr in denselben auf und zog die noch Übrigen über nichts Wichtiges mehr zurate. Zwar rief er sie noch immer zusammen, aber nicht, um notwendige Angelegenheiten mit ihnen zu besprechen, sondern vielmehr, um ihnen ihre geringe Zahl und damit ihre Ohnmacht und Verächtlichkeit vor Augen zu stellen. Das meiste tat er selbst oder mit seinen Söhnen, teils damit kein anderer mächtig würde, teils auch, weil er seine Schandtaten nicht offensichtlich werden lassen wollte.
Es war schwer, Zutritt und Gehör bei ihm zu finden. Mit solchem Übermut und solcher Grausamkeit verfuhr er überall, dass man ihn den Übermütigen ( Superbus ) nannte. Unter anderen von ihm oder seinen Söhnen verübten Gräueltaten ließ er auch einmal auf offenem Markt und unter den Augen des Volkes einige Bürger nackt an Pfähle binden und mit Ruten zu Tode geißeln; eine Strafe, die, von ihm erfunden, später oft angewendet wurde.
27. Brutus. Ab 221 (ab 533 v.Chr.).
Lucius Iunius, Schwestersohn des Tarquinius, stellte sich, nachdem dieser seinen Vater getötet und sein Vermögen an sich gezogen hatte, dumm ( brutus ), um so sein Leben zu retten; weil er wohl wusste, dass jedes Anzeichen von Verstand, zumal mit hoher Geburt verbunden, den Machthabern verdächtig werde; und da er einmal diesen Plan gefasst hatte, wusste er seine Rolle aufs Genaueste durchzuführen und wurde deshalb auch Brutus genannt, denn so hießen bei den Latinern die Geistesschwachen. Dem Titus und Aruns wurde er auf ihrer Gesandtschaft nach Delphi als Possenreißer mitgegeben, und er sagte, er bringe dem Gott als Weihgeschenk einen Stock, der dem Anschein nach nichts von Bedeutung enthielt. Sie nun spotteten über des Brutus Geschenk, nämlich seinen Stab; und als der Gott den Abgesandten auf ihre Frage, wer von ihnen ihrem Vater auf dem Thron folgen würde, erwiderte, welcher zuerst seine Mutter küsse, der werde die Herrschaft über die Römer haben, fiel er [nach der Landung in Italien] wie von ungefähr zu Boden und küsste die Erde, weil er sie für die Mutter aller Sterblichen hielt.
28. Die Veranlassung der Vertreibung der Tarquinier durch Brutus war folgende. Als bei der Belagerung von Ardea die Söhne des Tarquinius mit Collatinus und Brutus, ihren Jugendgenossen und Vettern, zusammen speisten, kamen sie auf die Tugend ihrer Frauen zu sprechen, und gerieten in Streit, weil jeder der seinigen den Vorzug gab. Da keine derselben im Lager gegenwärtig war, beschlossen sie, sogleich in der Nacht sich aufs Pferd zu setzen, und ehe jene von ihrer Ankunft etwas erfahren konnten, alle der Reihe nach zu überraschen. Sie taten es und fanden die anderen in Unterhaltung, des Collatinus Gattin aber mit Wollarbeit beschäftigt.
Sie wurde überall dafür gerühmt, und den Sextus kam die Begierde an, sie um ihre Ehre zu bringen; vielleicht, dass er sie auch liebte, denn sie war äußerst schön; jedoch war es mehr seine Absicht, ihren Ruhm als ihre Keuschheit zu beflecken. Er ersah sich einmal die Zeit, da Collatinus im Land der Rutuler war und eilte nach Collatia. Wie er in der Nacht bei ihr als einer Verwandten ankam, erhielt er Tisch und Obdach.
Anfangs suchte er sie zur freiwilligen Erfüllung seiner Wünsche zu bereden, als er aber nichts ausrichtete, brauchte er Gewalt. Da es ihm aber auch so nicht glückte, erfand er eine neue Art, durch die er sie in sonderbarer Weise zwang, sich freiwillig der Entehrung hinzugeben. Dass er ihr drohte, sie niederzustoßen, beeindruckte sie nicht. Auch dass er einen Sklaven neben ihr töten wollte, stimmte sie nicht um. Als er aber drohte, den Leichnam des Sklaven neben sie zu legen und überall zu verbreiten, er habe sie beieinander schlafend gefunden und getötet, fand sie sich nicht mehr stark genug. Aus Furcht, er möchte Glauben finden, zog sie es vor, sich ihm hinzugeben und nach diesem Vorgang zu sterben, als durch augenblicklichen Tod Schande zu hinterlassen. Aus dieser Rücksicht ließ sie den Ehebrecher gewähren.
Sie schob sodann einen Dolch unter ihr Kopfkissen und ließ ihren Mann und ihren Vater holen. Sie erschienen in Eile, sie zerfloss in Tränen. Tief aufseufzend sprach sie: »Vater, – dir gestehe ich’s mit minderer Scham als dem Manne: Heute Nacht habe ich Schlimmes begangen. Aber Sextus zwang mich dazu, indem er drohte, einen Sklaven über meiner Leiche zu töten und vorzugeben, er habe mich im Beischlaf mit ihm überrascht. Diese Drohung zwang mich zur Sünde, damit ihr ihm nicht glaubtet, es sei dem wirklich so. Und ich als Frau tue jetzt, was einer Frau ziemt. Ihr aber, wenn ihr Männer seid und für eure Frauen und Kinder Sorge tragt, rächet mich! Befreiet euch und zeigt den Tyrannen, welche Frau welcher Männer sie schändeten! Mit diesen Worten zog sie, ohne Antwort zu erwarten, den Dolch, und stieß ihn sich in die Brust.
Читать дальше