Was nun seine politische Laufbahn betrifft, so bekleidete er im Jahr der Stadt 947 (194 n.Chr.) unter Severus die Prätur, zu welcher er von Pertinax designiert worden war. Beim Ausbruch des Kriegs zwischen Severus und Albinus gehörte er zu denjenigen Senatoren, welche sich, mit kluger Vorsicht den Ausgang erwartend, öffentlich weder für den einen noch für den anderen entschieden. Dies und Severus’ Sinnesänderung über Commodus waren vielleicht hauptsächlich schuld, dass er von diesem zu keiner Ehrenstelle befördert noch außerhalb Roms verwendet wurde, sondern sich in Muße teils in Rom, teils in Capua seinen historischen Studien widmen konnte.
Nach der Ermordung seines Bruders Geta Alleinherrscher geworden, blieb der tyrannische Caracalla stets der Lehre seines Vaters Severus eingedenk: »Bereichert die Soldaten und verachtet die anderen!« Er schaffte durch jede Art von Bedrückung die zur Befriedigung seiner Soldaten erforderlichen Summen herbei und suchte das Vermögen der angesehenen Senatoren planmäßig zugrunde zu richten. Immer mussten ihn, wie Dio selbst erzählt, wenn er Rom verließ, Senatoren begleiten, und ihm, auf eigene Kosten mitten auf seinen Reisen Häuser, Quartiere und, wo er überwinterte, Amphitheater und Rennbahnen erbauen und Wild zur Jagd herbeitreiben lassen. So musste ihm denn auch Dio, welcher jetzt zum ersten Mal Italien verließ, nebst anderen auf seiner Reise in den Orient folgen, vorgeblich, weil sie dem Kaiser zu den Gerichtssitzungen und zur Beratung nötig wären, in Wirklichkeit aber, um seiner Willkür ihr Vermögen aufzuopfern und den Soldaten und Eunuchen zur Zielscheibe des Spotts zu dienen. In den Winterquartieren in Nikomedia wurden sie, nach Dios eigenem Geständnis, oft vor Tagesanbruch von dem Kaiser zur Gerichtssitzung oder zum Rat berufen und mussten bis Mittag, zuweilen sogar bis zum Abend vor der Tür warten, ohne eingelassen oder begrüßt zu werden, während er wilde Tiere erlegte, im Wagen fuhr, Fechterspiele trieb oder mit den Soldaten Trinkgelage hielt. Auf seinem Zug wider die Parther scheint ihn jedoch Dio nicht begleitet zu haben, sondern irgendwo in Vorderasien zurückgeblieben zu sein, wo ihn dann Macrinus, nach Caracallas Ermordung, zum Statthalter in die unruhigen Städte Smyrna und Pergamus berief. Hier blieb er, bis nach Elagabals Fall Alexander Severus auf den Thron gelangte.
Nach dieser Statthalterschaft begab er sich in seine Vaterstadt Nikaia und erkrankte daselbst. Während seines dortigen Aufenthalts scheint er, vielleicht zur Belohnung seiner Dienste in den beiden Städten, zum ersten Mal zum Konsul ernannt worden zu sein, sein Amt aber, der Krankheit wegen, nicht angetreten zu haben. Aus Asien ging er als Prokonsul nach Afrika und wurde, kaum von da zurückgekehrt, nach Dalmatien, wo auch sein Vater Statthalter gewesen war, abgeschickt und im folgenden Jahr mit der Verwaltung des oberen Pannonien beauftragt. Wegen der Strenge aber, womit er auf Disziplin hielt, missfiel er den Soldaten, sodass bei seiner Rückkehr nach Rom die zügellosen Prätorianer, die Mörder des Hauptmanns der Leibwache, Ulpianus, Gleiches auch von sich befürchtend, seinen Kopf verlangten. Der Kaiser aber nahm ihn in Schutz und ernannte ihn, außer anderen Auszeichnungen, für das nächste Jahr zu seinem Kollegen im Konsulat, indem er die damit verbundenen Kosten aus der eigenen Kasse bestritt. Um ihn der Wut der erbitterten Prätorianer zu entziehen, erlaubte er ihm, die Zeit seines Amtes außerhalb der Stadt in irgendeinem Teil Italiens zuzubringen. Nach Ablauf derselben erschien er wieder ungefährdet in Rom, erbat sich aber, nunmehr im Alter vorgerückt und überdies an einer Fußkrankheit leibend, vom Kaiser die Erlaubnis, sich von den öffentlichen Geschäften in seine Vaterstadt Nikaia zurückziehen zu dürfen, um dort den Rest seiner Tage in Ruhe zu verleben und die letzte Hand an sein Geschichtswerk zu legen, das er denn auch, auf Befehl seines Genius’ mit den homerischen Worten:
Hektor aber entrückt Zeus aus den Geschossen, aus dem Staube, weg aus dem tödlichen Kampf, aus Blut und Schlachtengetümmel!
beendigte.
So viel vom politischen Leben Dios. Dass unser römischer Senator zu lange nach dem letzten echten Römer gelebt hat, um noch einen Funken altrömischen Stolzes in sich zu fühlen, belegt er selbst überall mit bewundernswerter Naivität durch die sprechendsten Beweise; und doch gehörte er, was freilich nicht viel heißen will, noch zum besseren Teil seiner Mitbürger, und trat sogar hin und wieder, wo es ohne eigene Gefahr geschehen konnte, für das Bessere auf. Sobald es aber galt, der eigenen Sicherheit seine Ehre zum Opfer zu bringen, entblödete er sich nicht, sich gegen die verworfensten Ungeheuer zu kriechender Schmeichelei zu erniedrigen und sich unbedenklich zum Werkzeug ihrer Willkür herzugeben. […]
Die Schriften, als deren Verfasser er angeführt wird, sind folgende:
– Das Buch von den Träumen und Wunderzeichen(welche dem Severus Hoffnung auf den Kaiserthron machten)
– Die Geschichte des Commodus(wahrscheinlich später zum Bestandteil der Römischen Geschichte geworden)
– Römische Geschichte(das vorliegende Werk)
– Die Geschichte des Kaisers Trajan(Dieses Werk schreibt ihm das byzantinische Lexikon Suida zu. Diese ließ sich aber eher von Dio Chrysostomus erwarten; doch konnte unser Dio von jenem überkommene Notizen benutzt und bearbeitet haben.)
– Die Lebensbeschreibung des Philosophen Arrian(ebenfalls laut Suida)
– Eine Persische Geschichte(Diese ist aber wahrscheinlich durch Verwechslung der Namen die des Dion, welcher von vielen Schriftstellern als Verfasser einer solchen zitiert wird.)
– Die Reisebeschreibung(als deren Verfasser Suida gleichfalls den Dio nennt, ist ebenfalls eher von Dion Chrysostomos, von dem man weiß, dass er viele Länder bereiste; doch konnte unser Dio die Materialien von seinem mütterlichen Großvater erhalten, vervollständigt und bearbeitet haben.)
– Endlich wird auch die Getische Geschichte(welche Suida, Jordanes und Freculphus dem Cassius Dio zuschreiben) mit größerer Wahrscheinlichkeit dem Prusäischen Dio zugewiesen.
Dio schrieb seine Römische Geschichte nach dem Zeugnis der Alten in 80 nach Dekaden eingeteilten Büchern und begann mit der Ankunft des Aeneas in Italien. Die ersten 45 Bücher sind nur noch in Bruchstücken erhalten. […]
Die Geschichte vor der Kaiserzeit schrieb Dio minder ausführlich, am ausführlichsten aber, wie er selbst berichtet, die Geschichte seiner Zeit. Die vollständige Geschichte Dios, namentlich der vorpompejische Teil, scheint gleich anfangs vernachlässigt worden und nur in wenigen Abschriften vorhanden gewesen zu sein. Selbst Xiphilin, welcher sie entweder in seinem Codex nicht vorfand oder des Auszugs nicht für würdig hielt, verspricht nichts als die Kaisergeschichte. Dass sie aber nach diesem noch vorhanden waren, geht daraus hervor, dass sie von vielen angeführt worden und in den Sammlungen des Constantinus Porphyrogenetos und bei Zonaras 1exzerpiert worden sind. […]
Bei der Übersetzung habe ich die Sturz’sche Ausgabe zugrunde gelegt. Dass ich die verdienstvolle Übersetzung von Lorenz, soweit sie erschienen ist, verglichen und berücksichtigt habe, wird mir in keinem Fall von Billigen zum Vorwurf gemacht werden.
Ulm, den 28. Januar 1831 |
D. Leonhard Tafel |
1 Der byzantinische Kaiser Konstantinos VII. Porphyrogenetos (912–959) war selbst wissenschaftlicher Schriftsteller und förderte in besonderem Maße die Entstehung fremder Werke, darunter eine Exzerptsammlung antiker Werke, durch die auch viele Fragmente von Cassius Dio überliefert sind. Johannes Zonaras war ein hoher Hofbeamter in Byzanz im 11. Jh., der unter anderem eine Weltchronik von der Erschaffung der Welt bis 1118 n.Chr. verfasste. Er benutzte für die Römische Geschichte Cassius Dio als Vorlage, doch lagen auch ihm zum Teil nur Auszüge vor.
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