Kuno Fischer - Schopenhauer

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Arthur Schopenhauer (1788 – 1860) ist eines der eindrucksvollsten Beispiele dafür, dass sich Philosophie nicht auf Universitätsphilosophie beschränken lässt. Im Anschluss an Kant, für dessen einzig legitimen Thronerben er sich hält, legt er als Dreißigjähriger sein Hauptwerk vor: «Die Welt als Wille und Vorstellung», um den Rest seines Lebens an dessen Erweiterung, Vertiefung und Kommentierung zu arbeiten. Erkenntnistheorie, Metaphysik, Ethik und Ästhetik sind die thematischen Schwerpunkte dieses systematischen Entwurfes, der als ein organisches Ganzes aus der Explikation des einen Grundgedankens hervorgeht: die Welt ist die Selbsterkenntnis des Willens.

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Schon ist mehr als ein Menschenalter seit dem Tod Schopenhauers verflossen, sein Ruhm ist im Wachsen geblieben und sein Name in aller Welt Munde. Dieselben Werke, die vor sechzig Jahren in die Stampfmühle wandern mussten, um »doch einigen Nutzen zu bringen«, erscheinen heute in Volksausgaben und paradieren an den Schaufenstern der Buchläden. Man weiß ja, dass Bücher ihre Schicksale haben; schwerlich haben philosophische je ein ähnliches gehabt. Es handelte sich um Werke, die keineswegs von innen dunkel waren, vielmehr durch ihren Reichtum an erleuchtenden und neuen Ideen, durch ihre stilistische und künstlerische Vollkommenheit die volle Beachtung aller Literaturkenner und Literaturfreunde sogleich verdient hätten.

Wie erklärt sich deren so andauernde und hartnäckige Nichtbeachtung? Sagen wir gleich, so kurz und gut es sich am Anfang sagen lässt, wie sich die Sache nicht erklärt. Freilich ist diese nichtige Erklärung im Munde des Philosophen selbst immer die geläufigste und beliebteste gewesen: die deutschen Philosophieprofessoren sollen sich aus allen Beweggründen des Neides verschworen haben, seine Schriften ungelesen, jedenfalls unerwähnt zu lassen.

Die Professoren sind nicht der Zeitgeist. Wenn ein Denker und Schriftsteller, wie Schopenhauer, ein langes Menschenalter hindurch keine Wirkung auf die Welt hervorbringt, so sind seine Schriften nicht von einigen Professoren, sondern vom Zeitgeist unbeachtet geblieben, worunter wir kein mystisches Ding, sondern den Inbegriff derjenigen Interessen und Fragen verstehen, welche in einem gegebenen Zeitabschnitte herrschen. Nun vergegenwärtige man sich unser Deutschland von den Freiheitskriegen bis in die Volksbewegungen des Jahres 1848, die Interessen nationaler, religiöser, kirchlicher, politischer, historischer Art, die es erfüllt und tief bewegt haben; man vergleiche damit Schopenhauers Lehre und seine sämtlichen Werke, um zu sehen, was sie zur Weckung, Klärung, Lösung dieser Fragen beigetragen oder geleistet haben. So gut wie nichts! Alle jene Zeitfragen, in welches Gebiet und in welche Richtung sie auch fallen, sind von eminent historischem und kritischem Charakter gewesen; sie gehören in das große Thema der Weltgeschichte, dem Schopenhauer, der Mann wie die Lehre, sich von Grund auf abgewendet zeigt, denn in seinen Augen hat die Weltgeschichte überhaupt kein Thema.

Der Zeitgeist herrscht und gleicht auch darin einem Herrscher, dass er, wie die Könige, denen Gehör erteilt, die ihm etwas zu sagen haben; aber sie müssen warten, bis sie gerufen werden und die Stunde ihrer Audienz da ist. Wenn der Glaube an die Weltgeschichte als den »Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit«, dieses Grunddogma der Hegel’schen Lehre, erschüttert wird und zu wanken beginnt, eine natürliche Folge großer vereitelter Hoffnungen, dann hat die Stunde für Schopenhauer geschlagen. Er wird die Lehre von dem Thema und Endzweck der Weltgeschichte für eine Täuschung erklären und dieselbe gründlicher als je ein Sterblicher vor ihm der Welt auszureden suchen. Die Zeit ist gekommen, wo man seinen Worten lauscht. Wenn man ihn zu Ende gehört hat, so ist es sehr fraglich, ob man ihm Recht gibt, aber sicher ist, dass man ihn nie wieder vergisst.

III. Abstammung. Erste Jugend- und Wanderjahre

1. Die Vorfahren

Die Voreltern Schopenhauers waren nach Danzig eingewanderte Holländer, wie die Kants eingewanderte Schotten. Während das ostpreußische Ordensland erst ein weltliches von Polen abhängiges, dann unter dem großen Kurfürsten ein souveränes preußisches Herzogtum geworden, mit den brandenburgischen Landen vereinigt, zum preußischen Staat, unter seinem Nachfolger zum Königreich Preußen herangewachsen war, blieb das westpreußische seit dem Thorner Frieden (1466) in der Abhängigkeit von Polen. Infolge der ersten Teilung des polnischen Reiches (1772) wurde Westpreußen mit Ausnahme von Danzig und Thorn eine preußische Provinz; infolge der zweiten Teilung (1793) wurde auch Danzig eine preußische Stadt, die den 3. April von preußischen Soldaten besetzt wurde und den 7. Mai dem König huldigte.

Johann Schopenhauer, der Urgroßvater des Philosophen, war am Anfang des 18. Jahrhunderts aus Holland nach Danzig gekommen, wo er sich als Kaufmann niedergelassen und die städtische Domäne Stutthof, fünf Meilen von der Stadt entfernt, gepachtet hatte. (Hier hatten im März 1716 Peter der Große und seine Gemahlin als Gast Schopenhauers einige Tage gewohnt.) Sein Sohn Andreas war Danziger Bürger geworden (1745) und ländlicher Gutsbesitzer in dem eine Viertelmeile von der Stadt gelegenen Dorfe Ohra. Aus seiner Ehe mit A. R. Soermans, der Tochter des niederländischen Ministerresidenten, sind vier Söhne hervorgegangen, deren ältester Heinrich Floris war, der Vater des Philosophen. Die weiteren Familiennachrichten lauten recht unheimlich: die Mutter des Heinrich Floris wurde gerichtlich für geisteskrank erklärt und entmündigt; einer seiner Brüder sei von Geburt blödsinnig gewesen, ein zweiter es durch Ausschweifungen geworden, und er selbst habe zuletzt an so schweren Gedächtnisstörungen gelitten, dass sein plötzlicher Tod wahrscheinlich eine Tat des verdunkelten Geistes war.

2. Heinrich Floris Schopenhauer

Mit allen Eigenschaften ausgerüstet, die zur kaufmännischen Laufbahn befähigen und treiben, hatte er durch Reisen im Ausland, namentlich in Frankreich und England, sich die dazu nötige Weltbildung erworben und in dem großen Handlungshaus Bethmann zu Bordeaux seine Schule gemacht;118 dann hatte er mit seinem Bruder Johann Friedrich einen Großhandel in Danzig gegründet und war ein wohlhabender hanseatischer Kaufherr geworden von ausgeprägt patrizischer und reichsstädtischer Gesinnung, von englischen Sitten und Lebensformen, die er allen andern vorzog. Er las täglich die Times und fühlte sich dann über den Weltlauf orientiert.

Bei seiner Gesinnungsart von unbeugsamer Willensstärke und oft eigensinniger Härte konnte er es nicht ertragen, dass Danzig, welches unter polnischer Herrschaft die Freiheiten der Hansestadt bewahrt hatte, nunmehr eine preußische Provinzialstadt werden sollte. Den polnischen Hofratstitel hatte er sich gefallen lassen, ohne ihn je zu brauchen; aber gegen die preußischen Gefälligkeiten, die man ihm erzeigen wollte, verhielt er sich schroff ablehnend. Selbst die Auszeichnung, die dem Danziger Kaufmann bei seiner Durchreise durch Potsdam Friedrich der Große erwiesen, indem er ihn zu sich einlud und in der Früh des Morgens ein zweistündiges Gespräch mit ihm führte, hatte nicht vermocht ihn zu gewinnen. Aus freien Stücken hatte der König ihm und seinen Nachkommen durch ein Patent vom 9. Mai 1773 volle Niederlassungsfreiheit in den preußischen Staaten verliehen.

3. Johanna Schopenhauer

Den 16. Mai 1785 begründete Heinrich Floris durch seine Heirat mit Johanna Henriette Trosiener, der Tochter eines Danziger Ratsherrn, seinen Hausstand: sie war neunzehn alt, klein, anmutig, nicht schön, er noch einmal so alt, hochgewachsen und hässlich mit seinem breiten Gesicht, der aufwärts gestülpten Nase und dem hervorspringenden Kinn. Die junge Frau hatte den ersten schmerzlichen Liebestraum bereits erlebt, aber sie war nicht empfindsam oder gar zur Schwermut geneigt, sondern weltdurstig, phantasievoll und zu heiterem, geselligem Lebensgenuss wie geschaffen. Gewiss sind es diese Eigenschaften gewesen, welche die Wahl des ernsthaften Handelsherrn auf sie gelenkt hatten. Ohne erotische Zuneigung, aber auch ohne jedes Bedenken hatte sie die Hand des so viel älteren, charakterfesten und angesehenen Mannes ergriffen, der ihr hohe Achtung einflößte und ein glänzenderes Los, als sie erwarten konnte, zu bieten hatte. An seiner Seite konnte sie nun die Welt kennen lernen und genießen.

In dem Hause Schopenhauer herrschte ein düsterer, in dem Hause Trosiener ein lebensfroher Geist. Einen Zug hatte Heinrich Floris mit seinem Schwiegervater gemein: das heftige ungestüme Wollen. Es heißt, dass der Ratsherr Trosiener bisweilen solche Ausbrüche unbezähmbarer Heftigkeit gehabt habe, dass alles in Schrecken vor ihm floh.

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