Auf dem reizenden Landsitz ihres Mannes zu Oliva, in herrlicher Waldes- und Meeresgegend, mit der Aussicht auf die Leuchttürme von Hela und Danzig, umgeben von einem nach englischer Art eingerichteten Garten, in einem künstlerisch ausgestatteten Heim lebte Johanna Schopenhauer damals goldene Tage, an die sie nach einem halben Jahrhundert, am Ende ihres langen schicksalsreichen Lebens noch mit Entzücken zurückdenkt. Die Wochentage verflossen still und einsam, am letzten Wochenabend kam der Gatte mit befreundeten Gästen und brachte Leben und Geselligkeit mit sich.119
Wie grundverschieden ihre Gemüter geartet waren, so stimmten doch die Gatten in einer Neigung völlig überein: in der Lust zu reisen. Es sind für die Frau in ihrer zwanzigjährigen Ehe wohl die schönsten Jahre gewesen, die sie an der Hand ihres weltkundigen Führers auf großen Reisen zugebracht hat. In den Lebenserinnerungen, die sie kurz vor ihrem Tod aufgezeichnet, ist ein Kapitel mit den Worten Goethes überschrieben:
»Ich sah die Welt mit liebevollen Blicken,
Und Welt und ich, wir schwelgten im Entzücken;
So duftig war, belebend, immer frisch,
Wie Fels, wie Strom, so Bergwald und Gebüsch.«120
Heinrich Floris pflegte über das Schicksal der Seinigen in der besten Absicht Entschließungen zu fassen und Entscheidungen zu treffen, ohne deren eigene Art und Beschaffenheit mit in Rechnung zu ziehen. Noch bevor er wusste, ob ihm ein Sohn beschieden sei, hatte er schon beschlossen, dass derselbe Großhändler werden, Arthur heißen (da dieser Name in den fremden Sprachen unverändert bleibe) und in England geboren werden soll, um als Engländer auf die Welt zu kommen. Dieses Land galt ihm als das gelobte. Er wusste, dass die Selbständigkeit seiner Vaterstadt sich zu Ende neige, und fasste deshalb wohl den Plan auch seiner Übersiedlung nach England. Also nicht obgleich, sondern weil seine Frau sich im ersten Stadium ihrer Schwangerschaft befand, trat er den 24. Juni 1787 die große Reise an, die durch Holland nach Havre und von dort nach London führte. Schon hatte das Ehepaar sich hier häuslich niedergelassen und alle Einrichtungen für die bevorstehende Katastrophe vorbereitet, als der besorgte Gatte fand, dass diese in der Heimat und in dem eigenen Hause besser durchzumachen sei als in der Fremde. Nun wurde in der ungünstigsten Jahreszeit, unter den größten Beschwerden die Reise nach Danzig schleunigst zurückgelegt, wo sie am letzten Tage des Jahres eintrafen und Freitag den 22. Februar 1788 Arthur Schopenhauer geboren wurde.121
4. Arthurs Kindheit und Knabenalter
Die fünf ersten Jahre verflossen in ländlicher Stille, teils in Oliva, teils in Stutthof, jener Danziger Domäne, deren Pächter nunmehr sein Großvater Trosiener war. Die Gewalten der französischen Revolution waren entfesselt, und die hoffnungsvollen Tage von 1789 längst vorüber. Damals war Heinrich Floris selbst nach Oliva geritten, um seiner Frau triumphierend die Botschaft von der Erstürmung der Bastille zu bringen. Man hatte sich für die französischen Freiheitsfeste begeistert, ohne zu ahnen, dass eine der nächsten Folgen dieser Revolution die zweite Teilung Polens und der Untergang der letzten Freiheit Danzigs sein würde.
Noch bevor ein preußischer Soldat den Boden seiner Heimat betrat, verließ Heinrich Floris mit Weib und Kind seine Vaterstadt und hat sie nie wiedergesehen. Um seinen republikanischen und patriotischen Gefühlen Genüge zu tun, brachte er die schwersten Opfer; die Auswanderungssteuer allein kostete den zehnten Teil des Vermögens. Er eilte nach Hamburg, um dort nicht als Bürger, sondern nur als Beisasse zu leben. Welche seltsame Fügung, dass sein einziger Sohn, der das Andenken dieses Vaters in heiligen Ehren hielt, zwei Menschenalter später den »Volksdank für preußische Krieger« zu seinem Universalerben eingesetzt hat!
In demselben Frühjahr, wo Arthur Schopenhauer als Kind aus seiner Vaterstadt auswanderte, verließ die Nähe Danzigs Johann Gottlieb Fichte, der in Krockow einige Zeit als Hauslehrer verweilt und seiner ersten, soeben erschienenen Schrift, für deren Verfasser Kant gehalten worden war, den Anfang seiner Berühmtheit zu danken hatte.
Nach der Geburt der Tochter Adelaide Lavinia, genannt Adele, Arthurs einziger Schwester (den 12. Juni 1797), brachte der Vater seinem Erziehungsplan gemäß den Sohn nach Havre in das ihm befreundete Handlungshaus Grégoire de Blésimare, um die französische Sprache und Sitten zu erlernen. Hier wurde er mit dem Sohne des Hauses und gleich diesem erzogen. Voll der angenehmsten Erinnerungen an diesen Aufenthalt und seinen Freund Anthime kehrte Arthur nach zwei Jahren in das elterliche Haus zurück, und zwar zur Freude des Vaters dergestalt französisiert, dass er die deutsche Sprache fast verlernt hatte und ihre harten Laute peinlich empfand.
In dem Runge’schen Privatinstitut zu Hamburg wurde er fast vier Jahre lang unterrichtet und für den kaufmännischen Beruf vorbereitet. Schon jetzt nahmen seine Wünsche eine Richtung, die den väterlichen zuwiderlief: er sehnte sich nach der wissenschaftlichen und gelehrten Laufbahn und suchte durch unablässige Bitten die Erlaubnis des Vaters dafür zu gewinnen. Dieser aber, der den Sohn zu lieb hatte, um einen harten Zwang auf ihn auszuüben, und doch die gelehrte Profession für das Handwerk ohne goldenen Boden ansah, nahm zur List seine Zuflucht: er versprach ihm eine große und herrliche Reise, wenn er auf die gelehrten Studien verzichten und dem Gymnasium das Comptoir vorziehen wollte; er lockte ihn mit den Reichen der Welt, und dieser Anblick wirkte auf den jungen Arthur, wie in der Volkssage die Helena auf den Faust.
Die Reise begann im Mai 1803 und dauerte bis gegen Ende des folgenden Jahres. Der erste längere Aufenthalt war London . Als dann die Eltern durch England und Schottland reisten, wurde der Sohn während der drei Sommermonate in der Pension des Rev. Lancaster zu Wimbledon bei London zurückgelassen, um sich in der Sprache und den Sitten der Engländer einheimisch zu machen. Er hat sich hier lange nicht so wohlgefühlt, wie in Havre; die englischen Sitten haben ihn weniger angemutet als die französischen, und besonders ist die englische Bigotterie ihm zuwider geworden und zeitlebens geblieben. Dagegen hat er die englische Sprache sehr gut erlernt und liebgewonnen, er hat später durch fortgesetzte Übung sich den Gebrauch derselben in einem Grad angeeignet, dass er im Gespräche mit Engländern stets für einen Engländer galt, und erst nach einiger Zeit gemerkt wurde, dass er es nicht sei. Übrigens hatte er sich in Wimbledon, wie aus den abmahnenden Briefen der Mutter hervorgeht, zu viel mit dichterischen Werken, namentlich den Tragödien Schillers beschäftigt.
Der zweite längere Aufenthalt war Paris . Hier diente ihnen ein merkwürdiger Mann, einer der genausten Kenner der Stadt und ihrer Geschichte, zum täglichen Führer: der bekannte Schriftsteller Louis Seb. Mercier, der Verfasser des bändereichen » Tableau de Paris «. Dass diesem Manne ein interessanter Moment unserer großen Literatur zu danken war, ahnten weder die Reisenden noch er selbst. Vor zwanzig Jahren hatte Mercier ein dramatisches Porträt Philipps II. veröffentlicht und in dem » Précis historique «, der vorausging, den Untergang der Armada in poetischer Prosa verherrlicht. Schiller, noch in der Dichtung seines Don Carlos begriffen, hatte jenen Prosahymnus in Verse übertragen, welche er »Die unüberwindliche Flotte« nannte. Ohne dieses Gedicht, deren eigentlicher Urheber Mercier ist, wäre der Medina Sidonia und mit ihm eine der schönsten und gelungensten Szenen nicht in das Trauerspiel unseres Don Carlos gekommen. Noch heute lesen wir die lebendige Schilderung mit Vergnügen, welche Johanna Schopenhauer von der Person Merciers gegeben hat.122
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