Kuno Fischer - Schopenhauer

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Arthur Schopenhauer (1788 – 1860) ist eines der eindrucksvollsten Beispiele dafür, dass sich Philosophie nicht auf Universitätsphilosophie beschränken lässt. Im Anschluss an Kant, für dessen einzig legitimen Thronerben er sich hält, legt er als Dreißigjähriger sein Hauptwerk vor: «Die Welt als Wille und Vorstellung», um den Rest seines Lebens an dessen Erweiterung, Vertiefung und Kommentierung zu arbeiten. Erkenntnistheorie, Metaphysik, Ethik und Ästhetik sind die thematischen Schwerpunkte dieses systematischen Entwurfes, der als ein organisches Ganzes aus der Explikation des einen Grundgedankens hervorgeht: die Welt ist die Selbsterkenntnis des Willens.

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Nachdem man zwei Monate in Paris verweilt hatte, wurde gegen Ende Januar 1804 die Reise fortgesetzt, sie ging in das südliche Frankreich und dann von Lyon nach Genf, Savoyen und der Schweiz. In den Erzählungen der Mutter, obwohl sie den Sohn nicht nennt, erkennen wir die unvergänglichen Eindrücke, die seine Phantasie damals empfangen hat. Einer der grausigsten war der Bagno in Toulon, worin sechstausend Galeerensklaven das freud- und hoffnungsloseste Dasein führten: ein Stück Dantescher Hölle auf Erden! In Lyon erinnerten einige der öffentlichen Plätze an die schrecklichsten Gräueltaten der Revolution, die vor wenigen Jahren hier geschehen waren, und jetzt sprach man darüber leichtfertig und geschwätzig, wie über amüsante Begebenheiten. Von einer ungeheuren Wirkung war in St. Férioles das Getöse der unterirdischen Gewässer, die in den Kanal von Languedoc herabstürzten. Doch der erhabenste aller Eindrücke war der Anblick des Montblanc in Chamonix, der das Herz des jungen Arthur so mächtig ergriff, dass er den Vater bat, ihn dort länger bleiben zu lassen. Wie oft hat später der Philosoph in seinen Schriften den Montblanc, wann sein Gipfel sich plötzlich entschleiert und im Morgenlicht strahlt, mit dem Genie in seiner Schwermut und in seiner Heiterkeit verglichen!123

Der letzte mächtige Eindruck der Schweiz war der Rheinfall bei Schaffhausen. Man reiste durch Schwaben, Bayern und einen Teil Österreichs, besuchte Wien und Pressburg und auf der Rückreise Dresden und Berlin. Hier trennte sich die Familie, der Vater kehrte nach Hamburg zurück, Mutter und Sohn gingen nach Danzig, wo Arthur den 20. November 1804 konfirmiert wurde und seine Vaterstadt zum letzten Mal sah. Es war schon ein weiter Gesichtskreis, den jetzt die äußere Weltkenntnis des siebzehnjährigen Jünglings umfasste.

Der Vater hatte sein Versprechen erfüllt; nun war die Reihe am Sohn. In den ersten Tagen des Jahres 1805 trat er bei dem Senator Jenisch zu Hamburg in die kaufmännische Lehre, ganz im Widerstreit mit seiner innersten Neigung. Die Befriedigungen, welche seiner Phantasie und Wissbegierde die Reise in vollem Maß gewährt hatte, waren wirklich nicht geeignet, den Drang nach weiterer Erkenntnis zu hemmen. Vielmehr hatten sie denselben, wie es nicht anders sein konnte, verstärkt.

Da änderte sich durch den plötzlichen Tod des Vaters im April 1805 mit einem Mal die Lage der Familie. Von einem Speicher war oder hatte sich der unglückliche Mann, den in der jüngsten Zeit Geistesstörungen heimgesucht hatten, in den Kanal herabgestürzt und ein jähes Ende genommen. Die Frau mit ihren beiden unmündigen Kindern war nicht imstande, das Geschäft des Mannes fortzuführen, sie löste es auf und wählte Weimar zu ihrem künftigen Aufenthaltsort; Arthur aber musste in Hamburg zurückbleiben, um seine kaufmännischen Lehrjahre zu vollenden.

IV. Die Grundzüge seines Charakters

1. Anerzogene und angeerbte Gemütsart

Wir dürfen diesen ersten Abschnitt seiner Jugendgeschichte nicht beschließen, ohne eine deutliche Vorstellung von der ihm angeborenen und anerzogenen Gemütsart mitzunehmen, die gleichsam die Basis seiner Persönlichkeit, den Grundbass seines Lebens ausmacht.

Er hat mit fünf Jahren seine Vaterstadt und Heimat verloren und nie eine zweite gefunden: so hatte es der väterliche Wille gefügt. Er hat der väterlichen Absicht und Führung gemäß im Ausland und auf Reisen eine fremdländische und kosmopolitische Erziehung empfangen, deren Vorteile er stets als eine Wohltat gepriesen hat, die er dem Vater nicht genug danken könne: daher kann man sich nicht wundern, dass ihm die Heimats- und Vaterlandsgefühle, die volkstümlichen und nationalen Sympathien und Antipathien völlig gefehlt haben, dass er diesen Mangel nicht als eine Entbehrung, sondern als einen Vorzug empfunden, den er seine »liberale Bildungsart« nannte, dass ihm das deutsche Vaterland nie mehr bedeutet hat, als die deutsche Sprache und Literatur, soweit beide ihm und seiner Geistesart homogen waren. Es hat vielleicht nie jemand gegeben, der den Wert und die Macht der Literatur so hochgehalten und so überschätzt hat wie er.

Noch tiefer liegen die angeborenen Charakterzüge, die bis in die Wurzeln seines Daseins hinabreichen. Seine eigene Vererbungslehre, nach welcher die Willensart väterlicher, die Geistesart mütterlicher Herkunft sein soll, scheint sich an ihm selbst bestätigt zu haben, und seine unablässige Selbstergründung ist wohl der erste und nächste Weg gewesen, der ihn zu dieser Lehre geführt hat. Das heftige, ungestüme Wollen, diese so hervorstechende Eigenschaft sowohl seines Vaters als seines Großvaters Trosiener, war auch sein unveräußerliches Erbteil.

2. Das väterliche Erbteil

In der väterlichen Familie waren Geisteskrankheiten einheimisch: eine wahnsinnige Großmutter, zwei wahnsinnige Oheime, ein von Anwandlungen des Wahnsinns heimgesuchter Vater, der wohl zuletzt dem Schicksal der Geistesumnachtung erlag! Etwas von dieser Belastung war auf den Sohn übergegangen und gehörte zu seiner väterlichen Mitgift: er trug die Disposition zu Wahnideen in sich, woraus die unerklärlichen und schrecklichen Angstgefühle hervorgingen, die ihn plötzlich ergriffen und mit unbezwinglicher Gewalt bemeisterten. Überall sah er sich von Gefahren umgeben, die auf ihn lauerten, die schlimmsten sah er in den Menschen: daher seine unwiderstehliche Menschenscheu, die eine beständige Quelle der Furcht und feindseligen Erregung, des Argwohns und Misstrauens war, Stimmungen, die nicht etwa durch Gewohnheit geschwächt, sondern durch die Lebhaftigkeit seiner Einbildungskraft ins Maßlose gesteigert wurden. Es gibt nichts Fürchterlicheres als die Furcht, hat Bacon gesagt. Die Tapferkeit befreit uns vom Schicksal, die Furcht macht uns zu seinem Sklaven. Wenn dieser Affekt herrscht, so reicht er hin, um uns die Welt als Hölle erscheinen zu lassen: daher derselbe von Seiten der Gemütsbeschaffenheit auch der zureichende Grund ist, um eine pessimistische Weltansicht hervorzurufen.

Als Arthur Schopenhauer, noch ein sechsjähriges Kind, einmal im Hause zurückgeblieben war, während die Eltern einen längeren Spaziergang machten, geriet er plötzlich außer sich vor Angst, dass sie nie wiederkehren würden und er für immer verlassen sei. Als er, ein siebzigjähriger Greis, jemand über die Schienen der Eisenbahn gehen sah, rief er ihm zu, dass er sich in Acht nehmen möge. »Wenn ich so ängstlich wäre wie Sie«, sagte jener, »so hätte mich längst der Teufel geholt.« »Und mich auch«, erwiderte Schopenhauer, »wenn ich es nicht wäre.« Er schlief eine zeitlang mit Waffen und pflegte seine Habseligkeiten in die verborgensten Winkel zu verstecken, weil er fortwährend Raub und Diebstahl vor Augen sah; aus Neapel vertrieb ihn die Furcht vor den Blattern, aus Verona die Furcht vor vergiftetem Schnupftabak, aus Berlin die Furcht vor der Cholera; er vertraute seinen Bart nie einem fremden Schermesser an und führte stets einen ledernen Becher mit sich, um nicht aus fremden Gläsern zu trinken.124

Unter den Heroen des Geistes hat wohl keiner in solchem Grad, wie Arthur Schopenhauer, jene Worte des Goethe’schen Faust erlebt und erlitten:

Du bebst vor allem, was nicht trifft,

Und was du nie verlierst, das musst du stets beweinen!

Seine Menschenscheu und sein darauf gegründetes Misstrauen mögen ihm bisweilen zu einer nützlichen Schutzwehr gedient haben, aber sie haben ihm auch schlimme Früchte getragen. Eine der schlimmsten lag darin, dass dieser geniale Denker, der dunkle und labyrinthische Gegenden der menschlichen Natur zu erleuchten gewusst hat, in konkreten und praktischen Fällen oft eine erstaunliche, seinen eigensten und teuersten Interessen verderbliche Menschenunkenntnis an den Tag gelegt hat, denn grundloses Misstrauen paart sich leicht mit grundlosem Vertrauen, und maßlose Affekte sind vor dem Richterstuhl der Vernunft grundlos. Der Ausspruch des Herzogs im Goethe’schen Tasso passte auf ihn wie bestellt:

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