Eine Kritik der Universitätsphilosophie setzt einen Begriff von Philosophie voraus, der es ihr ermöglicht, in Abhebung zu einem am Paradigma neuzeitlicher Naturwissenschaft orientierten Wissenschaftsverständnis, als Wissenschaft auftreten zu können. Soll dieser Versuch einer Standortbestimmung der Philosophie im Verhältnis zu den Einzelwissenschaften nicht zur Anpassung an das Vorgehen derselben werden, kann sich Philosophie nur im Widerstand gegen die auf Effektivität, Effizienz, Erfolg, Nutzen etc. gerichteten Tendenzen behaupten. Der durch die institutionellen Rahmenbedingungen verschärfte Anpassungsdruck ist groß, wie viel sie ihm jeweils entgegenzusetzen hat entscheidet darüber, wie weit sie bleiben kann, was sie ist und offenbart darin das Ausmaß, in dem sie sich selber versteht resp. missversteht. Wo die Aufgabe scheitert, wird das, was geistige Arbeit verhindert, zu ihrem Ausweis. Die Selbstkritik gegenwärtiger Universitätsphilosophie hat nicht die Qualität, dass sie auf Unterstützung durch Argumente von philosophischen Außenseitern, wie Schopenhauer einer ist, verzichten könnte. In diesem Sinn ist das Werk Schopenhauers auf mannigfache Weise geeignet, der »Universitätsphilosophie« – um zur Not bei dieser problematischen Verallgemeinerung zu bleiben – einen Spiegel vorzuhalten. Wer würde nicht akademischen Untugenden, wie etwa der von solchem Anpassungszwang diktierten Vielschreiberei (publish or perish) Schopenhauers Grundsatz entgegenhalten wollen, nur dann zu schreiben, wenn man etwas zu sagen hat, und selbstredend wäre Schopenhauer angehenden philosophischen Schriftstellern zur Pflichtlektüre aufzugeben, wenn man nur den Schreibstil durch Lektüre zu beeinflussen und zu verbessern hoffen dürfte. Kant hat gezeigt, dass im Rahmen der Frage: Was ist der Mensch?, Schulbegriff und Weltbegriff der Philosophie spannungsvoll aufeinander bezogen sind79. Philosophie ist darin unaufhebbar durch den Gegensatz Esoterik – Exoterik bestimmt. Da sie ihrer Aufgabe in der Alternative von gehaltvoller Naivität und leerer Differenziertheit, die mit der Abspannung des Gegensatzes, d. h. in der Beschränkung auf bloß eines der Momente droht, nicht gerecht zu werden vermag, müssen immer wieder Anstrengungen einer Vermittlung beider Momente in dem Sinn unternommen werden, dass die philosophische Spezial- und Fachdiskussion auf die Grundfrage: Was ist der Mensch? zurückbezogen wird. In ihrer Tendenz zu Spezialisierung und Differenzierung steht die Universitätsphilosophie immer in der Gefahr, sich von ihrem Quellpunkt abzuschneiden. Das ungebrochene Interesse an Werken wie Schopenhauers »Aphorismen zur Lebensweisheit« ist so gesehen ein vorwurfsvoller Hinweis darauf, dass die Universitätsphilosophie auf Fragen von einiger Bedeutung keine Antworten hat. Auf dem Weg von der Liebe zur Weisheit zur Wissenschaft esoterisch geworden, hat sie den Anspruch, »Führerin des Lebens«80 zu sein, aufgegeben und überlässt das unbestellte Feld dem philosophischen Dilettantismus, in Form der psychologischen Beratung, der Lebenshilfeliteratur etc.
Schopenhauers Werk und Wirkung – Die Welt als Wille und Vorstellung81
Den Anweisungen entsprechend, die Schopenhauer mehrfach zum Studium seiner Philosophie und zur Lektüre seiner Werke gegeben hat, beginnt Fischer seine Einführung in Schopenhauers Lehre mit der Darstellung seiner Dissertation. Die 1813 erschienene Abhandlung »Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde« hat den Charakter einer Propädeutik, insoferne sie in der Unterscheidung von Kausalgrund, Erkenntnisgrund, Seinsgrund und Grund des Handelns (Motivation) Anlage und Differenzierungen seines Hauptwerkes enthält. »Die Welt als Wille und Vorstellung« teilt sich in vier Bücher, die Schopenhauers Grundgedanken: »Die Welt ist die Selbsterkenntnis des Willens« explizieren. Das erste Buch enthält Schopenhauers Erkenntnistheorie und lässt bereits mit dem ersten Satz den Anschluss an Kants transzendentalen Idealismus erkennen: »Die Welt ist meine Vorstellung«. Das zweite Buch enthält Schopenhauers Metaphysik: die Lehre vom Willen, der sich in der gesamten Natur objektiviert, mit dem dritten Buch wird das Problemgebiet der Ästhetik betreten, das vierte Buch enthält Schopenhauers Ethik und Religionsphilosophie.
Schon im Kant-Band seiner Geschichte hat Fischer Schopenhauers Verdienst um die kantische Philosophie hervorgehoben, das darin besteht, »auf die erste Ausgabe der Vernunftkritik, als die wahre Grundlage der Lehre Kant´s, hingewiesen [zu] haben«82. Nur im Ausgang von der transzendentalen Ästhetik, der Lehre von Raum und Zeit, ist ein angemessenes Verständnis der kritischen Philosophie möglich: »Hier ist die Entdeckung, worauf das ganze kritische Lehrgebäude ruht, der Schwerpunkt, wonach die übrigen Begriffe sich richten.«83 Ein Verfehlen dieser Interpretationsrichtung bringt die kritische Philosophie »in Widerstreit mit sich selbst«84, wie das in der zweiten Auflage der Vernunftkritik der Fall ist. Diese Art des Rückgriffs auf Kant ist nicht unproblematisch, eine Interpretation Kants, welche die transzendentale Ästhetik ins Zentrum stellt, schließt an die »Kritik der reinen Vernunft« an einer Stelle an, an der dieses revolutionäre Werk vorkritische Züge trägt und begreift damit Transzendentalphilosophie von einem Lehrstück aus, das Kant in der zweiten Auflage zu korrigieren bemüht gewesen ist. Schopenhauers Anschluss an Kant ist zudem durch die Zurücknahme einer Reihe kantischer Differenzierungen gekennzeichnet.85 Dazu kommt, dass noch in einem weiteren wesentlichen Punkt Schopenhauer kein Schüler Kants gewesen ist.86 Kant hat Philosophie als Wissenschaft konzipiert und ist demgemäß bestrebt gewesen, der Metaphysik ein methodisches Fundament zu geben, das es ihr ermöglicht, als Wissenschaft aufzutreten87. Auch für die an Kant anschließenden Vertreter des Deutschen Idealismus sind Logik und Metaphysik – so auch für Fischer – stets Wissenschaftslehre. Im Gegensatz dazu ist für Schopenhauer Philosophie nicht primär Wissenschaft, sondern Kunst – eine Sache des Genies: das Genie, der vom Genius geleitete Selbstdenker, »der hat die Boussole, den rechten Weg zu finden«88 – methodische Überlegungen spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle. Wird man im Rahmen der Erkenntnistheorie Schopenhauer den exklusiven Anspruch, der einzig echte Thronerbe Kants zu sein, bestreiten müssen, die Einsicht in die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit Kant, ja eines Ausgangs von Kant als unverzichtbare Grundlage allen Philosophierens, wird man ihm nicht absprechen können. Der Fortschritt der Philosophie seit Kant war weder gestern noch ist er heute ein Einwand gegen eine solche »Rückkehr zu Kant«, soferne all die Schritte, welche die Philosophie über Kant hinaus getan hat, es nicht rechtfertigen, dass wir auch nur einen einzigen hinter ihn zurück tun, – und heißt nicht schon Kant verstehen, über ihn hinausgehen?89
Schopenhauer überschreitet die Erkenntnisgrenzen, die bei Kant durch die Unterscheidung von Erscheinung und Ding an sich der Metaphysik gesetzt sind, indem er das Ding an sich als Wille bestimmt. Damit ist nicht nur eines der zentralen Probleme der Kantinterpretation, in der Art des gordischen Knotens gelöst, indem Schopenhauer die Leiblichkeit des Menschen zum Ausgangspunkt seiner Willensmetaphysik macht, umgeht er auch »die gefährlichste Klippe des Kantianismus«90 im Sinne einer »reflexionslogischen« Verfehlung der Leibproblematik. Der Leib, das »unmittelbare Objekt«, ist uns auf eine doppelte Weise gegeben: in einer Außenperspektive als Objekt der Vorstellung, d. h. als sinnliche Erscheinung in Raum und Zeit, und in einer Innenperspektive als Wille zum Leben. In Analogie zu dieser Leiberfahrung wird der Wille zum einheitlichen Erklärungsprinzip alles Wirklichen, die Erscheinungswelt insgesamt muss ihrem Wesen nach als Wille begriffen werden, als Wille zum Leben, der sich in der Natur unmittelbar manifestiert und im Menschen Bewusstsein und Einsicht gewinnt.
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