Kuno Fischer - Schopenhauer

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Arthur Schopenhauer (1788 – 1860) ist eines der eindrucksvollsten Beispiele dafür, dass sich Philosophie nicht auf Universitätsphilosophie beschränken lässt. Im Anschluss an Kant, für dessen einzig legitimen Thronerben er sich hält, legt er als Dreißigjähriger sein Hauptwerk vor: «Die Welt als Wille und Vorstellung», um den Rest seines Lebens an dessen Erweiterung, Vertiefung und Kommentierung zu arbeiten. Erkenntnistheorie, Metaphysik, Ethik und Ästhetik sind die thematischen Schwerpunkte dieses systematischen Entwurfes, der als ein organisches Ganzes aus der Explikation des einen Grundgedankens hervorgeht: die Welt ist die Selbsterkenntnis des Willens.

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Bei aller Detailtreue kommt Fischer in der Nachzeichnung von Schopenhauers Biographie ganz ohne die sonst so beliebte Anekdote aus, dass er dabei auch auf Weichzeichnung und Schönfärberei verzichtet und die Schattenseiten und Widersprüchlichkeiten, die seinen Charakter prägen, nicht verschweigt, hat ihm Kritik unter jenen Anhängern Schopenhauers eingetragen, denen der verehrte Meister über allem steht – die sich auch heute noch als »Apostel« und »Evangelisten«61 in den Dienst seiner Sache stellen. Fischers Darstellung der Persönlichkeit Schopenhauers bleibt unvoreingenommen und fair auch dort, wo er uns den Philosophen als Menschen zeigt, der in mehr als einer Hinsicht imponiert, aber in kaum einer sympathisch erscheint. Von der Gehässigkeit, mit der etwa das erste Kapitel des Schopenhauer-Artikels in Fritz Mauthners »Wörterbuch der Philosophie«62 zu einer Abrechnung mit Fischers Schopenhauer-Darstellung gerät, ist Fischer selbst weit entfernt.63 Die eigene vornehme Gesinnung zeigt er am deutlichsten dort, wo er guten Grund gehabt hätte, Schopenhauer bloßzustellen, Schopenhauer hatte Fischers unrechtmäßige Aberkennung der Lehrbefugnis an der Heidelberger Universität mit den Worten kommentiert: »Es geschieht ihm sehr recht«64. Fischer weist auf diesen Kommentar ohne bittere Häme hin, wie sie einem kleinlich nachtragenden Gemüt wohl gerechtfertigt erschienen wäre – der mit den näheren Umständen nicht vertraute Leser erfährt nicht einmal, dass es sich bei dem denunzierten und vertriebenen Dozenten um Fischer selbst handelt.65

Schopenhauer und die Universitätsphilosophie

Arthur Schopenhauer ist eines der eindrucksvollsten Beispiele dafür, dass sich Philosophie nicht auf Universitätsphilosophie beschränken lässt. Im Anschluss an Kant, für dessen einzig wahren und echten Thronerben er sich hält, und gleichzeitig völlig unbeeindruckt durch die Fortschritte, welche die Philosophie in Auseinandersetzung mit Kant, seit Kant erfahren hat, legt das Originalgenie als Dreißigjähriger sein Hauptwerk: »Die Welt als Wille und Vorstellung« vor, um den Rest seines Lebens an dessen Erweiterung, Vertiefung und Kommentierung zu arbeiten. Die thematischen Schwerpunkte dieses, aus der Explikation des einen Grundgedankens: die Welt ist die Selbsterkenntnis des Willens, hervorgehenden organischen Ganzen, sind: Erkenntnistheorie, Metaphysik, Ethik und Ästhetik. Dass er den Sinn der Weltgeschichte für Täuschung erklärt, vollends aber dass sein systematischer Entwurf zu Selbstverleugnung und Weltüberwindung führt, bringt Schopenhauer in schärfsten Gegensatz zur abendländischen Philosophie und jenem ihr immanenten Optimismus, der in Leibnizens Lehre von der besten aller möglichen Welten beredten Ausdruck gefunden hat.66

Von der Universitätsphilosophie zeitlebens ignoriert, wird Schopenhauer nur zögernd, zunächst in Literatur und Kunst zur Kenntnis genommen, um im letzten Lebensjahrzehnt endlich als Misanthrop und Pessimist allgemein bekannt zu werden. Eine breitere Leserschaft und schließlich Popularität gewinnt ihm dabei freilich nicht sein Hauptwerk, sondern Schriften, die ihm, gemessen an diesem nur Parerga (Beiwerke, Nebenwerke) und Paralipomena (Randbemerkungen, Nachträge) waren, wie etwa seine »Aphorismen zur Lebensweisheit«, von denen das lesebereite Publikum schon dem Titel nach nicht akademische Subtilitäten, sondern Antworten auf die Frage: Was ist der Mensch? im Sinne des kantischen Weltbegriffs der Philosophie erwarten durfte. Was die Universitätsphilosophie betrifft, bleibt er ein Außenseiter, der ihr in der Folge eben deshalb ihr zunächst ferne liegende Themenkreise (z.B. Buddhismus) zu erschließen vermag.

Fischer lässt keinen Zweifel daran, dass die Rezeption von Schopenhauers Philosophie, oder besser deren Ausbleiben, einzigartig und dem Rang und der Qualität seiner Werke völlig unangemessen ist: »Man weiß ja, dass Bücher ihre Schicksale haben; schwerlich haben philosophische je ein ähnliches gehabt. Es handelte sich um Werke, die keineswegs von innen dunkel waren, vielmehr durch ihren Reichtum an erleuchtenden und neuen Ideen, durch ihre stilistische und künstlerische Vollkommenheit die volle Beachtung aller Literaturkenner und Literaturfreunde sogleich verdient hätten.«67 Wie erklärt sich die Ignoration eines so bedeutenden Werkes? – War hier tatsächlich eine Verschwörung von Philosophieprofessoren am Werk, deren Kopf Hegel und deren Triebkraft die Todesangst des Mittelmaßes vor dem Genie gewesen ist, wie Schopenhauer mit unbelehrbarer Hartnäckigkeit behauptet hat68, oder ist es einfach so, dass Philosophen, die gut schreiben können, vom Fach nicht ganz ernst genommen werden?69 Fischer gibt zu bedenken, dass die Philosophieprofessoren nicht der Zeitgeist sind und verweist in diesem Zusammenhang auf Schopenhauers unzeitgemäße Themenwahl. Für ihn steht die Nichtbeachtung Schopenhauers damit im Zusammenhang, dass die, die Zeit bestimmenden Probleme und Fragen allesamt von historischem Charakter waren, ihr Thema war die Weltgeschichte, der sich Schopenhauer »von Grund auf abgewendet zeigt«70. Erst als das »Grunddogma« der hegelschen Philosophie, die Lehre vom »Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit«, seine beherrschende Stellung verliert, ist die »Zeit […] gekommen, wo man seinen Worten lauscht«, mit welchen er »die Lehre von dem Thema und Endzweck der Weltgeschichte für eine Täuschung [erklärt] und dieselbe gründlicher als je ein Sterblicher vor ihm der Welt auszureden« versucht.71

Schopenhauer, der seine Außenseiterrolle mitunter genossen, unter seiner Erfolglosigkeit aber schwer gelitten hat, hat sich mehrfach »Über die Universitätsphilosophie« geäußert, zusammenfassend unter diesem Titel im ersten Band seiner Parerga.72 Den entsprechenden Ausführungen fehlt es nicht an plakativen Gegenüberstellungen: Einsicht steht gegen Absicht, Sein gegen Schein, Philosoph gegen Sophist, Genie gegen Gelehrter, Selbstdenker gegen Bücherphilosoph, die »alma mater« ist Schopenhauer nicht primär im geistigen, sondern im handgreiflichen Sinn eine nährende Mutter, das Genie braucht die Universität nicht, es lebt für die Philosophie, die Philosophieprofessoren dagegen leben von der Philosophie; an die Stelle der Liebe zur Weisheit tritt die Lohndienerei, der Hinblick auf den Gewinn, den die Wissenschaft abwirft, der Missbrauch von Universität und Philosophie als bloßes Mittel. Die Lektüre dieser Schimpfreden wird den unterhalten, der eine solche Art der Polemik zu schätzen weiß und nicht den Anspruch hat, von ihr belehrt zu werden, schon Fischer hat auf die Folgenlosigkeit dieser Art der Schmähungen (Sophist, Lump, Galimathias etc.) hingewiesen: »Was hat die Welt davon, dass er seine Galle los wird?«73 Wer weiß, dass die Personalunion von Universitätsprofessor und Philosoph in der Tat nicht die Regel, sondern die Ausnahme ist,74 nimmt mit Erstaunen zur Kenntnis, dass Schopenhauers Abrechnung mit der Universitätsphilosophie vorrangig solche Ausnahmen (Fichte, Schelling, Hegel) zur Zielscheibe seiner polemischen Attacken macht. Den Vorwürfen ist mit Bruno Liebrucks entgegenzuhalten, dass der »sophistische Charakter der Philosophie nicht eliminierbar [ist,] [s]olange wir in der Bemühung um Philosophie auch ›unser täglich Brot‹ verdienen«.75 Aus Schopenhauers Mund erscheinen sie umso verwunderlicher, als vermutet werden darf, dass er selbst, nach dem drohenden und zuletzt glücklich abgewendeten Vermögensverlust, eine akademische Laufbahn vor allem im Hinblick auf eine materielle Sicherstellung ins Auge gefasst hat. Ist also nach der Fabel Schopenhauer der Fuchs und die Philosophieprofessoren die Trauben? – redet er schlecht, was er vergeblich zu erreichen versucht hat? Obgleich man seinen Ausführungen das Ressentiment nur allzu deutlich ansieht, sollte man es sich damit nicht zu einfach machen. Schopenhauer und die Universitätsphilosophie seiner Zeit sind sich gegenseitig einiges schuldig geblieben – die Universitätsphilosophie die Auseinandersetzung mit Schopenhauer und die Anerkennung seiner Leistungen, wenn wir von vereinzelten Versuchen, Schopenhauers Philosophie zum Gegenstand akademischen Forschens (Preisfrage) und universitären Unterrichtens (Vorlesungen) zu machen absehen, hat diese Schuld wohl erst Kuno Fischer in der vorliegenden Monographie eingelöst – und Schopenhauer die Kritik der Universitätsphilosophie. Diese ist im Hinweis auf die je eigene Originalität und Genialität auch nicht zu leisten. Trotz der Vielzahl thematisch einschlägiger Passagen finden wir daher bei Schopenhauer auch dort, wo das Gesagte über Beschimpfungen und Verunglimpfungen hinausgeht, nur sehr wenig, woran anzuknüpfen wäre, um diese unter den nicht bloß geänderten, sondern verschärften Bedingungen der Gegenwart ebenso schwerer wie ungleich dringlicher gewordene Aufgabe zu lösen. Ist nicht auch heute an den Universitäten mancherorts, um es mit den Worten des Übertreibungskünstlers zu sagen, »die Wirklichkeit […] so schlimm / daß sie nicht beschrieben werden kann«76 und sehen wir nicht auch gegenwärtig die Universitätsphilosophie »mit hundert Absichten und tausend Rücksichten behaftet […] ihres Weges« gehen?77 Bei leicht veränderter Schwerpunktsetzung und Aktualisierung, was das Inhaltliche betrifft, sind Vorsichten und Rücksichten, die den »Willen des Ministeriums«, »die Wünsche der Verleger«, »die gute Freundschaft der Kollegen«, »den Zuspruch der Studierenden«, »den Gang der Tagespolitik«, »die Richtung des Publikums« u.a.m. im Auge haben, nach wie vor Ausdruck akademischer Untugenden. Während man sie an einer am humboldtschen Bildungsbegriff ausgerichteten Universität als persönliche Verfehlungen eines Ideals ansehen kann, das selbstverständliche Geltung hat, stehen für die Philosophie an einer Universität, die ihr gegenwärtiges Erscheinungsbild einer Reihe von primär ökonomisch motivierten und nach den Gesetzen des Marktes maßstäblich ausgerichteten Reformen verdankt, Möglichkeit und Berechtigung ihrer universitären Existenz in Frage. Angesichts der Drohung, dass sich die wenig vorteilhafte Position der Philosophie im Verteilungskampf um knapper werdende finanzielle Mittel weiter verschlechtern könnte, die stets noch jene Vandalen auf den Plan gerufen hat, die unter dem Titel ihrer Selbsterhaltung ihre Selbstauflösung betreiben, scheint es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis der Philosophie das »Asylrecht«78, das sie an Universitäten noch genießt, gekündigt wird.

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