Am ersten Tag war’s im April.
Herr Müller hatte einen Floh,
Der stach Herrn Müller irgendwo.
Herr Müller dankte für die Ehre,
Dann nahm er eine lange Schere
Und schnitt ihn in zwei gleiche Teile.
Jedoch, nach einer kurzen Weile,
Da wurden aus dem einen Floh
Zwei neue Flöh’ daraus. – Oho!
Da sprach der eine von den beiden:
»Man muß nicht einen Floh zerschneiden.«
Ein Schneider eine Nadel fand,
Die stach den Schneider in die Hand.
Der Schneider sprang entsetzt zurück,
Die Nadel sprach, ich bring’ dir Glück.
Der König hörte Schneiders Leid,
Und er bestellte sich ein Kleid.
Der Schneider nähte dieses gleich;
Am andern Tage war er reich.
So hat die Nadel über Nacht
Dem armen Schneider Glück gebracht.
Ein Samenkorn lag auf dem Rücken,
Die Amsel wollte es zerpicken.
Aus Mitleid hat sie es verschont
und wurde dafür reich belohnt.
Das Korn, das auf der Erde lag,
Das wuchs und wuchs von Tag zu Tag.
Jetzt ist es schon ein hoher Baum
Und trägt ein Nest aus weichem Flaum.
Die Amsel hat das Nest erbaut;
Dort sitzt sie nun und zwitschert laut.
Ein Wassertropfen fiel vom Himmel;
Es war ein ungezog’ner Lümmel.
Im Grase schlief ein dummer Hase,
Der Tropfen fiel auf seine Nase.
Der Hase dachte sich dabei,
Daß er jetzt totgeschossen sei.
Er sprang in seinem großen Schreck
Aus seinem sicheren Versteck.
Der Jägersmann stand an der Straße
Und schoß ihn wirklich in die Nase.
Es war ein Knopf an Fritzens Mütze,
Der machte ungezogne Witze.
Erst strampelte er stundenlang,
Worauf er von der Mütze sprang.
Er fiel auf einen Kieselstein,
Dort schlief er ganz ermüdet ein.
Und eine Schlange sah den Schläfer;
Sie dachte sich, es sei ein Käfer.
Und weil der Käfer ihr gefiel,
So fraß sie ihn mit Stumpf und Stiel.
Ein kleines Steinchen rollte munter
Von einem hohen Berg herunter.
Und als es durch den Schnee so rollte,
Ward es viel größer als es wollte.
Da sprach der Stein mit stolzer Miene:
»Jetzt bin ich eine Schneelawine.«
Er riß im Rollen noch ein Haus
Und sieben große Bäume aus.
Dann rollte er ins Meer hinein,
Und dort versank der kleine Stein.
Es war ein kleiner, böser Junge,
Der zeigte jedermann die Zunge,
Ging statt zur Schule auf die Straße
Und drehte allen eine Nase.
Als seine Eltern beide tot,
Kam er in bitterliche Not.
Und lebt nun – weil er sonst nichts kann –
Als armer Leierkastenmann.
Es war ein armes kleines Mädchen,
Das stickte nur mit kurzen Fädchen;
Ich glaube, Lina war ihr Name.
Sie wurde eine schöne Dame,
War fleißig, brav und lernte gerne,
Da kam ein Prinz aus weiter Ferne.
Der sagte: »Liebe gute Lina,
Komm mit mir auf mein Schloß nach China.«
Dort sitzen sie nun alle beide
Auf einem Thron von gelber Seide.
Wer hört ein Stäubchen lachen?
Wer hört ein Stäubchen lachen?
Stäubchen stob durch die Stube.
Dort saß ein kleiner Bube
(Der Stäubchen wie ein Riese erschien)
Vor einem Stadtplan von Berlin.
Stäubchen lachte: »Berlin ist klein!«
Drang in Bübchens Nase hinein
Und ließ sich von dem Riesen
Wieder ins Weltall niesen.
Ein Sauerampfer auf dem Damm
Stand zwischen Bahngeleisen,
Machte vor jedem D-Zug stramm,
Sah viele Menschen reisen
Und stand verstaubt und schluckte Qualm
Schwindsüchtig und verloren,
Ein armes Kraut, ein schwacher Halm,
Mit Augen, Herz und Ohren.
Sah Züge schwinden, Züge nahn.
Der arme Sauerampfer
Sah Eisenbahn um Eisenbahn,
Sah niemals einen Dampfer.
Es weint ein Kind.
Ein Luftballon mit dünnem Zopf
Und kleiner als des Kindes Kopf
Entflieht im Wind.
Und reist und steigt verwegen.
Ein Nebel wallt.
Ein Fehlschuß knallt.
Dann fällt ein sanfter Regen.
Rundrote Riesenbeere
Rollt müde und verschrumpft
In einem Wipfelmeere,
Hat austriumpht.
Witziger Kräherich
Bringt seinem Bräutchen
Ein hohles Häutchen,
Die aber ärgert sich.
Es war ein scheues Wort.
Das war ausgesprochen
Und hatte sich sofort
Unter ein Sofa verkrochen.
Samstags, als Berta das Sofa klopfte,
Flog es in das linke, verstopfte
Ohr von Berta. Von da aus entkam es.
Ein Windstoß nahm es,
Trug es weit und dann hoch empor,
Wo es sich in das halbe, bange
Gedächtnis eines Piloten verlor.
Fiel dann an einem Wiesenhange
Auf eine umarmte Arbeiterin nieder,
Trocknete deren Augenlider.
Wobei ein Literat es erwischte
Und, falsch belauscht,
Eitel aufgebauscht,
Mittags dann seichten Fressern auftischte.
Und das arme, mißbrauchte,
Zitternde scheue Wort
Wanderte weiter und tauchte
Wieder auf, hier und dort.
Bis ein Dichter es sanft einträumte,
Ihm ein stilles Palais einräumte. –
Kam aber sehr bald ein Parodist
Mit geschäftlich sicherem Blick,
Tauchte das Wort mit Speichel und Mist
In einen Aufguß gestohlner Musik.
So ward es publik.
So wurde es volkstümlich laut.
Und doch nur sein Äußeres, seine Haut,
Das Klangliche und das Reimliche.
Denn das Innerste, Heimliche
An ihm war weder lauschend noch lesend
Erreichbar, blieb öffentlich abwesend.
Am Sachsenplatz: Die Nachtigall
Es sang eine Nacht …
Eine Nachti …
Ja Nachtigall am Sachsenplatz
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