»Und Sie sind auch Notar?«
»Ja. Ich habe die Kanzlei meines Vaters übernommen.«
Gamache wusste, dass Notare in Québec ähnliche Tätigkeitsbereiche wie Rechtsanwälte hatten und alles von Grundstücksverkäufen bis zu Eheverträgen erledigten.
»Warum benutzen Sie sein Briefpapier?«, sagte Myrna. »Das erweckt einen falschen Eindruck.«
»Aus Sparsamkeit und Umweltschutzgründen. Ich mag keine Verschwendung. Wenn ich die Geschäfte meines Vaters erledige, benutze ich seinen Briefkopf. Das ist für die Klienten auch weniger verwirrend.«
»Dem würde ich widersprechen«, murmelte Myrna.
Mercier zog vier Mappen aus seinem Aktenkoffer und teilte sie aus. »Sie sind hier, weil Sie in Bertha Baumgartners Letztem Willen genannt sind.«
Eine Weile schwiegen alle und verdauten die Nachricht, dann sagte Benedict: »Echt?«, während Armand und Myrna gleichzeitig »Wer?« fragten.
»Bertha Baumgartner«, wiederholte der Notar. Und dann nannte er den Namen ein drittes Mal, weil die beiden älteren invités ihn nach wie vor verständnislos ansahen.
»Nie von ihr gehört«, sagte Myrna. »Du?«
Armand dachte kurz nach. Er lernte jede Menge Leute kennen und war sich ziemlich sicher, dass er sich erinnern würde. Aber es fiel ihm niemand ein. Der Name sagte ihm nichts.
Armand und Myrna drehten sich zu Benedict, dessen hübsches Gesicht Neugier ausdrückte, mehr aber auch nicht.
»Sie?«, fragte Myrna, und er schüttelte den Kopf.
»Hat sie uns Geld hinterlassen?«, fragte Benedict.
Das klang nicht gierig, dachte Gamache. Eher verwundert. Und ja, vielleicht ein bisschen hoffnungsvoll.
»Nein«, erwiderte Mercier mit freudiger Miene, die sich sofort ins Gegenteil verkehrte, als der junge Mann kein bisschen enttäuscht wirkte.
»Warum sind wir also hier?«, fragte Myrna.
»Sie sind die Testamentsvollstrecker.«
»Was?«, sagte Myrna. »Sie machen Witze.«
»Vollstrecker? Was soll das heißen?«, fragte Benedict.
»Sie sind mit der Abwicklung des Testaments betraut«, erklärte Mercier.
Als Benedict nach wie vor verwirrt dreinschaute, sagte Armand: »Es bedeutet, dass Bertha Baumgartner uns die Aufgabe übertragen hat, dafür zu sorgen, dass ihrem Letzten Willen nachgekommen wird. Damit ihre Wünsche auch tatsächlich erfüllt werden.«
»Dann ist sie tot?«, fragte Benedict.
Armand wollte schon antworten, dass das ja wohl offenkundig sei. Aber gerade eben war »tot« kein bisschen offenkundig gewesen, also war Madame Baumgartner vielleicht …
In Erwartung einer Bestätigung drehte sich Gamache zu dem Notar.
»Ja. Sie ist vor gut einem Monat gestorben.«
»Und bis dahin hat sie hier gewohnt?«, fragte Myrna, sah zu der durchhängenden Decke hoch und überlegte, wie lange sie zur Tür brauchte, wenn die Decke nicht mehr nur durchhing, sondern durchbrach. Vielleicht könnte sie auch einfach aus dem Fenster springen.
Mit Sicherheit würde sie weich landen, was nicht nur am Schnee läge, sondern auch daran, dass sie fast ausschließlich aus Gummibärchen bestand.
»Nein, sie hat in einem Seniorenheim gelebt«, sagte Mercier.
»Ist das hier also so was wie ein Geschworenendienst?«, fragte Benedict.
»Pardon?«, sagte der Notar.
»Na ja, wenn man zum Geschworenen berufen wird. Unsere Staatsbürgerpflicht, so in der Art. Wenn man zum Dings wird … wie haben Sie es noch mal genannt?«
»Testamentsvollstrecker«, sagte Mercier. »Nein, damit ist es nicht zu vergleichen. Sie hat Sie eigens dazu bestimmt.«
»Aber warum uns?«, fragte Armand. »Wir kannten sie nicht mal.«
»Ich habe keine Ahnung, und traurigerweise können wir sie nicht mehr fragen«, sagte Mercier, der dabei kein bisschen traurig aussah.
»Ihr Vater hat nichts dazu gesagt?«, fragte Myrna.
»Er hat nie über seine Klienten gesprochen.«
Gamache sah auf den Stapel Papier, der vor ihm lag, und bemerkte den roten Stempel in der oberen linken Ecke. Er wusste, wie Testamente aussahen. Man wurde nicht Ende fünfzig, ohne das eine oder andere gelesen zu haben. Und Gamache hatte einige gelesen, unter anderem sein eigenes.
Das hier war tatsächlich ein echtes, beglaubigtes Testament.
Er überflog das oberste Blatt und stellte fest, dass es vor zwei Jahren verfasst worden war.
»Sehen Sie sich bitte die zweite Seite an«, sagte der Notar. »Unter Ziffer 4 stehen Ihre Namen.«
»Einen Moment noch«, sagte Myrna. »Wer war Bertha Baumgartner? Irgendetwas müssen Sie doch über sie wissen.«
»Ich weiß nur, dass sie tot ist und mein Vater sich um ihren Nachlass gekümmert hat. Nach seinem Tod habe ich das übernommen. Und jetzt Sie. Bitte blättern Sie zu Seite zwei.«
Und tatsächlich, da standen ihre Namen. Myrna Landers aus Three Pines, Québec. Armand Gamache aus Three Pines, Québec. Benedict Pouliot, Rue Taillon 267, Montréal, Québec.
»Sind Sie das?« Mercier sah sie nacheinander an, und jeder von ihnen nickte. Er räusperte sich und hob an, das Testament zu verlesen.
»Einen Moment«, sagte Myrna. »Das ist verrückt. Irgendeine Fremde wählt uns willkürlich aus und macht uns zu ihren Testamentsvollstreckern? Geht das überhaupt?«
»Ja, natürlich«, sagte der Notar. »Wenn man Lust hat, kann man auch den Papst dazu ernennen.«
»Echt? Cool«, sagte Benedict, dessen Gedanken sich vor lauter Möglichkeiten überschlugen.
Gamache war nicht ganz derselben Meinung wie Myrna. Er bezweifelte, dass es willkürlich war. Er blickte auf die Namen in Bertha Baumgartners Testament. Ihre Namen. Da standen sie ganz eindeutig. Er vermutete, dass es dafür einen Grund gab. Auch wenn dieser Grund alles andere als eindeutig war.
Ein Polizist, eine Buchhändlerin, ein Bauhandwerker. Zwei Männer, eine Frau. Verschiedenen Alters. Zwei lebten auf dem Land, einer in der Stadt.
Es gab kein Muster. Sie hatten nichts miteinander gemein, außer dass ihre Namen in diesem Dokument erschienen.
Und dass keiner von ihnen Bertha Baumgartner gekannt hatte.
»Und muss man es machen, wenn man dazu ernannt ist?«, fragte Myrna. »Müssen wir es machen?«
»Natürlich nicht«, sagte Mercier. »Können Sie sich vorstellen, dass der Heilige Vater einen solchen Nachlass abwickelt?«
Sie versuchten es. Nach dem Lächeln auf seinem Gesicht zu urteilen, schien nur Benedict es zu schaffen.
»Dann können wir uns also weigern?«, fragte Myrna.
»Ja. Wollen Sie das denn?«
»Ja, also, ich weiß nicht. So schnell kann ich das nicht entscheiden. Ich hatte keine Ahnung, warum Sie mich haben kommen lassen.«
»Was haben Sie denn geglaubt?«, fragte Mercier.
Myrna ließ sich auf ihrem Stuhl zurücksinken und erinnerte sich.
An dem Morgen, an dem der Brief eintraf, war sie im Buchladen gewesen.
Sie hatte sich einen Becher starken Tee eingeschenkt und sich in den bequemen Sessel mit der tiefen Delle gesetzt, der sich ihrem Körper ganz und gar angepasst hatte.
Im Holzofen prasselte ein Feuer, und draußen vor dem Fenster lag ein strahlender Wintertag. Der Himmel war von einem vollkommenen tiefen Blau, und die Sonne glitzerte auf den schneebedeckten Wiesen, der Straße, dem Eislaufplatz und den Schneemännern auf dem Dorfanger. Das ganze Dorf glitzerte.
Es war einer jener Tage, an denen es einen nach draußen trieb. Auch wenn man es eigentlich besser wusste. Denn kaum war man im Freien, packte einen die Kälte, brannte in der Lunge, zog einem bei jedem Atemzug die Nasenlöcher zusammen. Sie ließ die Augen tränen. Die Wimpern vereisen, sodass die Lider zusammenklebten.
Und doch stand man atemlos da. Nur noch ein paar Minuten. Um den Tag noch ein wenig zu genießen. Bevor man sich ins Haus zurückzog, zum Ofen und zu heißer Schokolade, Tee oder starkem Café au lait.
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