Gamache sah erneut zu dem einstmals soliden Haus und lächelte. Spürte eine Verwandtschaft mit ihm.
Manchmal brach etwas unerwartet zusammen. Nicht immer war das ein Hinweis darauf, dass es nicht wertgeschätzt worden war.
Er faltete den Brief zusammen und steckte ihn in seine Brusttasche. Gerade als er aussteigen wollte, klingelte sein Handy.
Gamache blickte auf die Nummer. Starrte sie an. Das leise Lächeln war von seinem Gesicht wie weggewischt.
Wagte er es dranzugehen?
Wagte er es, nicht dranzugehen?
Während es immer weiter klingelte, starrte er durch die Windschutzscheibe, die Sicht durch den mittlerweile dicht fallenden Schnee so stark behindert, dass er die Welt nur unvollkommen sah.
Er fragte sich, ob er sich in Zukunft bei dem Anblick eines alten Farmhauses, dem Geräusch leise rieselnden Schnees oder dem Geruch feuchter Wolle an diesen Moment erinnern würde, und wenn, ob das mit einem Gefühl der Erleichterung oder des Schreckens verbunden sein würde.
»Oui, allô?«
Der Mann stand am Fenster und sah angestrengt hinaus.
Der Blick aus dem Fenster wurde durch die überfrorenen Scheiben verzerrt, aber er hatte gesehen, wie das Auto ankam, und mit Ungeduld verfolgt, wie der Mann parkte und dann einfach dasaß.
Nach etwa einer Minute stieg der Mann aus, aber er ging nicht zum Haus, sondern stand neben dem Auto, ein Handy am Ohr.
Er war der erste der invités .
Diesen ersten Gast erkannte der Mann natürlich. Wer würde ihn nicht erkennen. Oft genug hatte er ihn gesehen, wenn auch nur in den Nachrichten. Niemals leibhaftig.
Dass er wirklich auftauchen würde, hatte er kaum geglaubt.
Armand Gamache. Der ehemalige Leiter der Mordkommission. Der gegenwärtige, wenn auch suspendierte Chief Superintendent der Sûreté du Québec.
Er verspürte ein leichtes, aufgeregtes Kribbeln. Eine Berühmtheit war hier. Ein Mann, der zugleich größte Anerkennung und heftigste Ablehnung erfuhr. Von einigen Zeitungen wurde er als Held betrachtet. Von anderen als Verbrecher. Der die schlimmsten Seiten der Polizeiarbeit repräsentierte. Oder die besten. Machtmissbrauch. Jemand, der Verantwortung übernahm und mutig genug war, den eigenen Ruf, vielleicht mehr, für das Wohl der Gesellschaft aufs Spiel zu setzen.
Der etwas tat, was sonst niemand tun wollte. Oder konnte.
Durch die vereiste Scheibe und die dicht fallenden Schneeflocken sah er einen Mann Ende fünfzig. Groß, mindestens eins achtzig. Und kräftig. In dem Daunenanorak sah er dick aus, aber im Daunenanorak sah jeder dick aus. Das Gesicht war dagegen schmal, und es wirkte erschöpft. Um seine Augen lagen Fältchen, und zwischen seinen Augenbrauen bildeten sich jetzt zwei tiefe Falten.
Es fiel ihm schwer, Gesichter zu deuten. Er sah die Linien, konnte sie aber nicht lesen. Er vermutete, dass Gamache wütend war, aber es könnte auch einfach Konzentration sein. Oder Überraschung. Vielleicht sogar Freude.
Aber das bezweifelte er.
Inzwischen schneite es heftiger. Gamache hatte seine Handschuhe nicht angezogen. Sie waren auf den Boden gefallen, als er aus dem Auto ausgestiegen war. So verloren die meisten Québecer ihre Fäustlinge oder Fingerhandschuhe und sogar ihre Mützen. Während der Fahrt lagen sie auf dem Schoß, und bis man ausstieg, hatte man sie vergessen. Im Frühling war das ganze Land mit Hundehaufen, Würmern und durchweichten Handschuhen und Mützen übersät.
Armand Gamache stand in dem Schneetreiben, die bloße Hand am Ohr. Er umklammerte das Telefon und hörte zu.
Als er an der Reihe war, etwas zu sagen, beugte er den Kopf, die Knöchel weiß von dem festen Griff um das Handy oder von der beißenden Kälte. Dann machte er ein paar Schritte von seinem Auto weg, drehte Wind und Schnee den Rücken zu und sprach.
Der Mann konnte nicht hören, was gesagt wurde, bis ein Windstoß einen Satz auffing und über den verschneiten Hof mit den einstmals geschätzten Besitztümern zu ihm trug. Ins Haus. Das einst geschätzt worden war.
»Das werden Sie bereuen.«
Dann nahm der Mann aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Ein weiteres Auto fuhr auf den Hof.
Der zweite der invités .
»Armand?«
Das Lächeln des Erkennens und der Erleichterung gefror auf ihren Lippen, als sie seine Miene sah.
Die Bewegung, mit der er sich ihr zuwandte, war beinahe aggressiv. Sein ganzer Körper war angespannt, bereit. Als wappnete er sich gegen einen Angriff.
Sie konnte zwar Gesichter lesen und Körpersprache deuten, auf seinen Gesichtsausdruck konnte sie sich jedoch keinen Reim machen. Außer dem Naheliegenden.
Überraschung.
Aber da war noch mehr. Viel mehr.
Und dann war es weg. Sein Körper entspannte sich, und sie sah, wie Armand ein einziges Wort in sein Handy sagte, eine Taste drückte und es dann wegsteckte.
Bevor Armand die Fassade der Höflichkeit darüber errichtete, zeigte sich etwas auf seinem Gesicht, das sie noch mehr erstaunte.
Schuld.
Und dann erschien das Lächeln.
»Myrna! Was tust du denn hier?«
Armand versuchte, eine erfreute Miene aufzusetzen, aber es fiel ihm schwer. Sein Gesicht war taub, beinahe eingefroren.
Er wollte nicht übertreiben und wie ein grinsender Idiot aussehen. Sich gegenüber dieser klugen Frau, die außerdem eine Nachbarin war, nicht verraten.
Myrna Landers war Psychologin im Ruhestand, führte den Buchladen in Three Pines und war mittlerweile eine gute Freundin von Reine-Marie und Armand Gamache.
Er vermutete, dass sie seine instinktive Reaktion bemerkt hatte. Und gleichzeitig nicht ganz durchschaute. Oder jemals erraten würde, mit wem er gesprochen hatte.
Er hatte sich völlig auf das Gespräch konzentriert. Auf seine Wortwahl. Darauf, was am anderen Ende gesagt wurde. Und in welchem Ton. Und darauf, seinen eigenen Ton zu kontrollieren. Er war so konzentriert gewesen, dass sich jemand von hinten hatte anschleichen können.
Gut, es war eine Freundin. Aber es hätte genauso gut keine Freundin sein können.
Erst als Kadett, dann als kleiner Beamter bei der Sûreté. Als Inspector. Als Leiter der Mordkommission und schließlich als Chef des gesamten Ladens hatte er stets wachsam sein müssen. Er hatte sich Wachsamkeit antrainiert, bis sie ihm in Fleisch und Blut übergegangen war. Zu jeder Zeit, an jedem Ort.
Nicht dass er auf Schritt und Tritt mit Gefahren rechnete. Seine Wachsamkeit war einfach ein Teil seiner selbst, so wie seine Augenfarbe. So wie seine Narben.
Sie war Teil seiner DNA und gleichzeitig Ergebnis seiner Erfahrungen.
Das Problem bestand nicht darin, dass er in diesem Moment seine Wachsamkeit aufgegeben hatte. Im Gegenteil. Sie war so groß gewesen, so intensiv, dass ein paar entscheidende Minuten nichts anderes zu ihm durchgedrungen war. Er hatte den Motor des Autos nicht gehört. Er hatte die vom Schnee gedämpften Schritte nicht gehört.
Gamache war kein ängstlicher Mann, aber jetzt spürte er einen kurzen Anflug von Sorge. Dieses Mal war nichts Schlimmes passiert. Aber das nächste Mal?
Die Bedrohung musste nicht groß sein. Wenn sie groß wäre, würde er sie wahrnehmen.
Es war so gut wie immer etwas Kleines.
Ein übersehenes oder missverstandenes Zeichen. Ein blinder Fleck. Ein Moment der Ablenkung. Eine so ausschließliche Konzentration auf etwas Bestimmtes, dass alles andere in den Hintergrund trat. Eine falsche Annahme, die man für eine Tatsache hielt.
Und dann –
»Alles in Ordnung?«, fragte Myrna Landers, als Armand zu ihr trat und sie auf beide Wangen küsste.
»Ja, mir geht’s gut.«
Sie spürte die Kälte auf seinem Gesicht und die Feuchtigkeit des Schnees, der darauf geschmolzen war, und auch die Anpannung unter der heiteren Oberfläche.
Sein Lächeln grub tiefe Falten in seine Augenwinkel. Die braunen Augen selbst erreichte es nicht. Sie blieben wachsam, der Blick scharf, auch wenn noch immer Wärme darin lag.
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